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Neapel: Kongress der FLC CGIL

Vom 10. – 12. April 2014 fand in Neapel unter dem Titel „Ora e sempre conoscenza“ („Jetzt und immer Wissen“) der dritte Kongress der italienischen Bildungsgewerkschaft FLC CGIL statt. Für die GEW war Elke Hahn als Gast dabei.

15.04.2014 - Elke Hahn

Fotos: Elke Hahn, FLC CGIL

Die FLC CGIL (Federazione Lavoratori della Conoscenza) ist die Bildungsgewerkschaft des größten italienischen Gewerkschaftbundes CGIL (Confederazione Generale Italiana del Lavoro). Vom 10. – 12. April 2014 fand in der „Città della Scienza“ in Neapel mit mehr als 500 Delegierten aus allen Regionen Italiens sowie ausländischen GewerkschaftsvertreterInnen aus neun Ländern der dritte Kongress der FLC CGIL statt.

Der Ort, die „Città della Scienza“, ist eine Begegnungsstätte zum Thema „Wissen“ mit musealem und experimentellem Charakter und wird gerne von Schulklassen besucht. Wegen eines Großbrandes im Jahr 2013 mit bis heute ungeklärter Ursache wurden einige Gebäudekomplexe zerstört und nun bemüht sich die Stadt Neapel darum, die Città della Scienza neu aufzubauen. Um dem Ort wieder eine Bedeutung zu geben, wurde er für den Gewerkschaftskongress gewählt.

Schlaglichter zur Krise im italienischen Bildungswesen

• Zwischen 2008 und 2011 wurden unter der Regierung Berlusconi 140.000 schulische Arbeitsplätze vernichtet (davon 90.000 LehrerInnen und 50.000 anderweitig Beschäftigte an Schulen – dies von insgesamt 900.000 Beschäftigten an Schulen).
• Vor zwei Jahren wurde das Renteneintrittsalter von 60 auf 67 angehoben, was zur erhöhten Arbeitslosigkeit an Schulen führte und dazu, dass der Altersdurchschnitt in Italien bei LehrerInnen der höchste in Europa ist.
• Der Anteil an befristeten und Teilzeitarbeitsplätzen an Schulen stellt ein sehr großes Problem dar.
• An höheren Schulen soll der Abschluss mit 18 (anstatt mit 19) Jahren erreicht werden, so dass dies eine weitere Reduzierung von etwa 40.000 Arbeitsplätzen zur Folge hätte.
• Die Quote der erreichten Hochschulabschlüsse ist unbefriedigend.
• Bei den Vergütungen der Lehrkräfte in öffentlichen Schulen tut sich seit 2008 nichts und dies soll voraussichtlich bis 2020 so bleiben. Die Vergütungen der LehrerInnen an öffentlichen Schulen soll sich lediglich nach deren Beurteilung richten. Der derzeitige Bildungsminister stellt ausschließlich mehr Geld für die Privatschulen in Aussicht, aber in diese gehen nur sieben Prozent der SchülerInnen landesweit.

 

Programm mit internationalen Gästen

Im Vordergrund des ersten Kongresstages standen Konstituierung, Begrüßung und nach einer etwa zweistündigen Rede des Generalsekretärs der FLC CGIL, Domenico Pantaleo, der Einstieg in erste Debatten der Delegierten. Im Laufe des Vormittags hielt Manuela Mendonca von der FENPROF aus Portugal für die 14 ausländischen GewerkschaftsvertreterInnen aus Algerien, Bulgarien, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Palästina, Portugal, der Slowakei und Spanien stellvertretend ein Grußwort.

Am Nachmittag fand dann eine Diskussionsrunde der internationalen Gäste unter der Überschrift „Krise und Bildung: Gewerkschaften im Vergleich“ statt. Es waren etwa fünfzig interessierte ZuhörerInnen und Delegierte im Raum. In der ersten Runde wurde die World Federation of Scientific Workers vorgestellt und zum Bereich Hochschulen diskutiert. In einer zweiten Runde hatten die internationalen Gäste Gelegenheit, Probleme aus dem Bildungsbereich im eigenen Land zu benennen.

Am zweiten und dritten Kongresstag wurden gewerkschaftliche Organisationsfragen behandelt, programmatische Themen diskutiert und Wahlen durchgeführt. Ein runder Tisch mit VertreterInnen aus Medien, Wissenschaft und Gewerkschaften diskutierte am Freitagnachmittag über die Bedeutung von Wissen und Wissenschaft für ein neues Zukunftsmodell.

Korruption und Kriminalität bedrohen das Gemeinwesen

In diversen Reden wurde die Bedeutung von demokratischen Strukturen als Gegenpol zur organisierten Kriminalität (Mafia/Camorra) und die Schule als Ort der Vermittlung von Demokratie hervorgehoben. Ein Gesetz gegen die Korruption wird als notwendig erachtet, um die soziale Lage im Land in den Griff zu bekommen. Ohne soziale Stabilität gebe es keine Stärke der Gewerkschaften.

Weitere Themen auf dem Kongress waren Tarifpolitik, Ausbildung, die Generalisierung öffentlicher Kindergärten bzw. Vorschulen (derzeit sind 30 Prozent privat organisiert), die Schaffung bzw. Rückgewinnung von Arbeitsplätzen, ein neues Projekt zum Anwerben von Lehrkräften sowie mehr Mittel für die Schulen, besonders in Süditalien.

Während der drei Kongresstage debattierten die Delegierten intensiv über Lösungswege zur Überwindung der Krise im italienischen Bildungswesen. In der Phase 2008-2009 gab es harte gewerkschaftliche Auseinandersetzungen und Streiks von Lehrkräften, Schularbeitern, Studenten und Eltern. Alle waren auf den Straßen. Die Mobilisierungsfähigkeit nahm jedoch nach zwei Jahren ab. Dies galt ebenso für die Unterstützung von anderen Gewerkschaften in Italien, sodass die FLC CGIL oft alleine in ihrem Kampf blieb. Dazu gehörte auch die Verteidigung von Gewerkschaftsrechten.

Widerstand und harte Auseinandersetzungen

Die Zukunftsfragen für die FLC CGIL sind: Resignation oder Widerstand? Entwicklung hin zu einer neuen offenen Schule? An höheren Zielen festhalten oder die Ansprüche reduzieren? Um diese Herausforderungen meistern zu können, braucht es eine neue kraftvolle Aktion, beginnend mit Tarifverhandlungen bis hin zum landesweiten Generalstreik, sofern nötig. So die Äußerungen des Generalsekretärs Domenico Pantaleo. Harte Auseinandersetzungen und Widerstand sind gefragt, kein Korporatismus sondern eine fortschrittliche Schulreform, kontinuierliche Innovationen in Bildung, für junge Menschen und für die ganze Gesellschaft.

 

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