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Nach den Daten her mit den Taten!

09.05.2018 - Marlis Tepe, Vorsitzende der GEW

Die Gesellschaft muss sich stärker auf Mehrsprachigkeit einstellen. Deshalb sind nach Ansicht der GEW Sprachbildung und mehrsprachiges Lernen von Beginn an stärker ins Zentrum zu rücken und systematisch in allen Bildungsbereichen zu verankern.

Daten aus den Pisa-Studien und den Nationalen Bildungsberichten sowie aus Befunden der Antidiskriminierungsstelle zeigen: Das deutsche Schulsystem leistet für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund und/oder aus armen Verhältnissen immer noch zu wenig: Sie beenden häufiger die Schule ohne Abschluss, finden schwerer einen Ausbildungsplatz, nehmen seltener ein Studium auf. Vor allem haben sie das Gefühl nicht dazuzugehören. Das Fatale: Die Gesellschaft bestätigt das. Und wenn sie trotz der Schwäche des Bildungssystems Erfolge aufweisen, liegt es oft an einzelnen Menschen, die sie ermutigt und ihnen etwas zugetraut haben. Das können die Erzieherin in der Kita, die Grundschullehrerin, der Lehrer in der Berufsschule, die Eltern oder freundliche Nachbarn gewesen sein.

Bildung und Erziehung brauchen Mut machende, aufmerksame Pädagoginnen und Pädagogen. Das ist es ja, was unseren Beruf attraktiv macht, dass wir etwas tun können für junge Menschen, die uns anvertraut werden. Aber wir wollen nicht allein gelassen werden. Wir wollen, dass sich die ganze Gesellschaft auf Migration als Normalität einstellt. Im Koalitionsvertrag steht im Bildungskapitel nichts zu diesem Thema. Im Forschungskapitel heißt es lediglich, dass die „Forschung zu Migration, zu Integration und sozialem Zusammenhalt“ zu fördern sei. Karge Aussagen. Dabei darf es nicht bleiben. Wir erwarten ein Bündel an Maßnahmen: Die Gesellschaft muss sich stärker auf Mehrsprachigkeit einstellen. Deshalb sind Sprachbildung und mehrsprachiges Lernen von Beginn an stärker ins Zentrum zu rücken und systematisch in allen Bildungsbereichen zu verankern. Integriertes Fach- und Sprachlernen sowie herkunftssprachliche Bildungsangebote sind zu erweitern, ebenso Integrationskurse. Dabei kommt es an verschiedenen Stellen des Bildungssystems auf den Anfang an. Sprach-Kitas müssen flächendeckend ausgebaut und Erzieherinnen und Erzieher dafür speziell aus- und fortgebildet werden.

Es ist die Aufgabe von Politik, Schule in die Lage zu versetzen, soziale Ungleichheiten und Diskriminierung zu mindern, wenn nicht zu beseitigen.

In der Lehrkräfteausbildung muss der Perspektivwechsel vom Defizit der „Anderen“ hin zu deren Stärken erfolgen. Inhalte und Fachdidaktik müssen sich den heutigen Anforderungen anpassen. Wir brauchen mehr Konzepte und Materialien, die vorurteilsbewusst sind und sich kritisch mit dem Thema Rassismus auseinandersetzen. Und: Wir sollten mehr Menschen mit Migrationshintergrund für pädagogische Berufe gewinnen, aktuell entspricht ihre Repräsentanz nicht ihrem Anteil an der Bevölkerung.

Es ist die Aufgabe von Politik, Schule in die Lage zu versetzen, soziale Ungleichheiten und Diskriminierung zu mindern, wenn nicht zu beseitigen. Dazu sind auch mehr kulturelle und politische Bildungsangebote erforderlich sowie eine multiprofessionelle Zusammenarbeit mit Eltern. Auch um Konflikte, die sich aus den vielfältigen und ungleichen Lebensverhältnissen ergeben, zu bearbeiten. Nur so kann das Bildungswesen in Deutschland dieser Herausforderung gerecht werden. Der Ausbau des Ganztags eilt, allerdings muss dieser qualitativ erfolgen. Er darf nicht nur der „Verwahrung“ dienen, sondern muss seinen ganz speziellen pädagogischen Anstrich bekommen.

Gemeinsames Lernen von Kindern aus verschiedenen Gesellschaftsschichten und mit unterschiedlichen Begabungen ist wichtig. Das können wir erreichen, wenn es gelingt, Schulen in sozialen Brennpunkten personell wie finanziell besonders gut auszustatten, sodass diese auch für Eltern aus bildungsnahen Schichten attraktiv sind. Bildungseinrichtungen mit hoher Armuts- und Migrationsquote benötigen zudem mehr Zeit für die Lehrenden und zusätzliche Ressourcen für kulturelles, vielfältiges Lernen und Zusammenleben. Fakt ist: Fehler aus der Vergangenheit dürfen wir nicht wiederholen, wenn wir uns ein Mehr an Chancengerechtigkeit leisten wollen. Nach den Daten also her mit den Taten!

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