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Roma integrieren„Morgen komm‘ ich nicht, ich schwöre!“

In Hannover setzt eine Schule auf Exklusion statt Inklusion, um als unbeschulbar geltende Kinder, darunter viele aus der Minderheit der Roma, zu integrieren. Doch die Behörden tun sich schwer mit dem Konzept.

16.03.2020 - Esther Geißlinger, freie Journalistin

Der Tag beginnt mit einer Laufrunde durch den Stadtteil, danach lernt ein Teil der Klasse Deutsch, andere malen, einige schmieren Brötchen für den Pausenkiosk. Das Ungewöhnliche daran sind nicht die Inhalte des Unterrichts, sondern dass er überhaupt stattfindet. Denn viele der Kinder und Jugendlichen dieser besonderen Klasse galten als „unbeschulbar“. Dass sie inzwischen regelmäßig morgens erscheinen, ist ein Sieg für Eva Grünreichs Projekt, das seit 2018 an der Peter-Ustinov-Schule in Hannover läuft.

Elena schlendert in den Klassenraum und setzt sich an ihren Platz. Nur einen Moment sitzt sie still, dann steht sie auf, tritt ans Fenster, schaut hinaus. Schule finde sie langweilig, sagt sie, Lesen sei doof. Trotzdem ist sie hier. Kommt morgens pünktlich, steht mittags am Ausgabeschalter des Kiosks, um Brötchen und Saft zu verkaufen. Dabei ist die 13-Jährige, die aus der Minderheit der Roma stammt, lange Zeit nur unregelmäßig zur Schule gegangen.

Genauso geht es den meisten anderen im Raum. Da ist die schüchterne Rosa (15), die erst mittags aufblüht, als die Tierpädagogin Svenja Grün das Gatter mit den Meerschweinchen aufbaut. Fasziniert schaut Rosa auf das Tier: „Guck, wie schnell das frisst!“ Oder Florentina, die monatelang zu Hause blieb, weil ihre Mutter die 14-Jährige als Hilfe bei der Betreuung der jüngeren Geschwister brauchte. Mit vielen Besuchen und Gesprächen erreichte Grünreich, dass die Mädchen nun zur Schule gehen können. „Polizist“ wolle sie später werden, sagt Florentina. Nö, nicht in Uniform auf Streife, sondern „Chef“.

„Sie wussten nicht, wie man einen Stift hält, wie man mit Besteck isst – in vielen Bereichen stehen sie auf dem Entwicklungsstand von Kita-Kindern.“ (Eva Grünreich)

Dass Grünreich diese Klasse gründete, entsprang eigentlich einem Zufall, berichtet die Sonderpädagogin und Fachtherapeutin für geistige Entwicklung. Als sie vor drei Jahren an der Peter-Ustinov-Schule anfing, wurde gerade eine Gruppe Kinder eingeschult, die aus frisch nach Hannover gezogenen Roma-Familien stammen. Einige waren zwölf, andere um die 16 Jahre alt und alle „schulfremd“, so nennt es Grünreich. In ihren Herkunftsländern Rumänien oder Bulgarien haben die meisten nie Unterricht erlebt, fast alle Eltern sind Analphabeten. „Sie wussten nicht, wie man einen Stift hält, wie man mit Besteck isst – in vielen Bereichen stehen sie auf dem Entwicklungsstand von Kita-Kindern“, fasst Grünreich zusammen. Stillsitzen? Ein Buch lesen? Unmöglich. Um den Kindern diese Basisfähigkeiten beizubringen, gründete Grünreich mit der Unterstützung von Schulleiterin Karin Haller die „Starterklasse“. Ihr gehören Kinder aus unterschiedlichen Herkunftsländern an, viele stammen aus der Minderheit der Roma.

In Hannover wächst diese Gruppe seit Jahren. Großfamilien ziehen aus Bulgarien oder Rumänien zu, doch die Kinder tun sich schwer im deutschen Schulalltag. Immer wieder berichtet die Regionalzeitung „Hannoversche Allgemeine“ über Probleme: Lehrkräfte erzählen, in der Regel anonym, von Kindern, die schwänzen, sich prügeln, Erwachsene auslachen oder anpöbeln. Von „Clanstrukturen“ ist die Rede. Mehrere Schulen in Hannover erlauben nur noch ein Kind der Minderheit pro Klasse, um zu verhindern, dass der Unterricht gestört wird.

„Wenn erstmal die Startschwierigkeiten überwunden sind, holen sie schnell auf.“

In Grünreichs Klasse, in der fast nur Roma sind, wird an allen Tischen gelernt. Hinten sitzen zwei Jungen vor einem Vokabel-Memory, vorne beugt sich Elena über ein Zahlenlege-Spiel. Sie löst die Aufgabe schnell, „eigentlich ist sie viel zu klug für diesen Unterricht“, sagt die Lehrerin halblaut. Ziel ihrer Klasse ist, die Kinder fit zu machen für den Regelunterricht. Das gelinge in vielen Fällen: „Wenn erstmal die Startschwierigkeiten überwunden sind, holen sie schnell auf.“ Elena und Florentina sind seit einem halben Jahr in der Starterklasse, in der ein multiprofessionelles Team zurzeit zwölf Jugendliche betreut. Die Plätze sind begehrt.

Doch bis hierhin war es ein langer Weg. „Vertrauen und Willkommen“ sind zwei Worte, die Grünreich oft benutzt. Sie steht in Kontakt mit den Eltern, sie hat einen Verein gegründet, deren Mitglieder ehrenamtlich kleineren Kindern der Roma-Minderheit Vorschulunterricht erteilen. Sie wirbt Spenden ein, um damit Angebote wie den Besuch der Tierpädagogin mit ihren Meerschweinchen zu ermöglichen. Die Lehrerin kennt die engen Notunterkünfte, in denen Familien mit vier, fünf, acht Kindern leben. Der Weg in die Schule, in geregelte Abläufe, ist für viele sehr viel weiter als die zwei Stationen mit der S-Bahn, die zwischen Schule und Unterkunft liegen.

„Besondere Herausforderungen bei der Beschulung dieser Kinder und Jugendlichen rechtfertigen kein beliebiges Abweichen von schulrechtlichen Vorschriften.“ (Jasmin Schönberger)

Dorthin muss Marian nun zurück. Der 16-Jährige hat am Vortag Mist gebaut, er stand mit anderen Jungs vor dem Schuleingang, hat geraucht und sich über den Hausmeister lustig gemacht. Nun sitzt er kleinlaut vor Grünreich, die ihn für sein Verhalten rüffelt. Marian stammt aus einem Dörfchen in Rumänien, in dem Sandwege zu den Bretterhäuschen führen. Als er neu in Deutschland war, verstand er kein Wort und schlief im Unterricht, wenn er überhaupt den Weg zur Schule fand. Nun guckt der ehemalige Schulverweigerer unglücklich bei dem Gedanken, zwei Tage wegbleiben zu müssen. „Ich war typisch Zigeuner, ja?“

Zigeuner: Natürlich kennen sie das Wort und die damit verbundenen Vorurteile. Gleichzeitig sind sie stolz auf ihre Kultur, zelebrieren ihr Anderssein, die Mädchen mit ihren bunten Röcken, die Jungen mit den Macho-Posen. Rotzig sein ist immer eine Option: „Was willst du, bist du Polizei?“, fragt Elena, als Grünreich sie bittet, weiter an den Rechenaufgaben zu arbeiten. Später am Tag wird das Mädchen eine Stunde lang in der Klasse sitzen und ganz allein eine Aufgabe nach der anderen lösen.

Eine Klasse, in der überwiegend Kinder einer bestimmten ethnischen Gruppe sitzen – das widerspricht dem niedersächsischen Schulgesetz. Denn dort „ist die Inklusion auf Grundlage der Menschenrechtskonvention verankert, und daher können Ansätze, die Exklusion beinhalten, nicht befürwortet werden“, teilt die Sprecherin des Kultusministeriums, Jasmin Schönberger, auf E&W-Anfrage mit. „Besondere Herausforderungen bei der Beschulung dieser Kinder und Jugendlichen rechtfertigen kein beliebiges Abweichen von schulrechtlichen Vorschriften.“ Sie verweist auf „Sprachbildungszentren“, an die sich Schulen „für den Bereich ‚Osteuropäischer Zuzug‘“ wenden könnten.

„Ich würde mir wünschen, dass die herausragende pädagogische Arbeit der beteiligten Lehrkräfte anerkannt wird.“ (Karin Haller)

„Beliebig ist dieser Unterricht keineswegs, sondern basiert auf einem pädagogischen Konzept, das über drei Jahre evaluiert und angepasst wurde“, sagt Grünreich. Die Peter-Ustinov-Schule nimmt aufgrund ihrer Lage in einem sozialen Brennpunktviertel und ihrer sehr gemischten Schülerschaft am Förderprogramm „Schule plus“ teil. In diesem Rahmen gab es für die Starterklasse eine vorläufige und nur mündliche Genehmigung, teilt das Ministerium mit. Die endgültige Anerkennung des Projekts steht noch aus.

„Ich würde mir wünschen, dass die herausragende pädagogische Arbeit der beteiligten Lehrkräfte anerkannt wird“, sagt Schulleiterin Haller. So wichtig Inklusion sei, für Mädchen und Jungen, die bisher nie eine Schule besucht haben, „braucht es grundlegend andere pädagogische Konzepte. Diese Kinder mit einem Arbeitsblatt in eine normale Klasse zu setzen, bringt nichts.“

Grünreich würde das Konzept am liebsten noch weiter ausbauen. Ihrer Meinung nach wäre ein Zentrum mit Kita, Vorschule und Anfängerklassen sinnvoll, in denen „Schulungeübte“ an den Unterricht herangeführt werden können. Zurzeit laufen darüber Verhandlungen. Wieder geht es um die Frage der Inklusion als Richtschnur.

In der Klasse packen die Jugendlichen ihre Sachen. An der Tür dreht Rosa sich um. „Morgen komm‘ ich nicht, ich schwöre!“ Das sagt sie jeden Tag, es ist schon ein Ritual. Aber am nächsten Morgen ist sie wieder da – und alle anderen auch.