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Mord an Samuel PatyFrankreichs Dilemma

Das laizistische Schulsystem Frankreichs konnte den Vormarsch des radikalen Islam nicht stoppen. Nicht erst seit dem Mord an dem Lehrer Samuel Paty fordern Politiker und Wissenschaftler mehr Selbstbewusstsein bei der Verteidigung der eigenen Werte.

04.12.2020 - Christoph Ruf, freier Journalist

Wer derzeit die Homepage der französischen Regierung besucht, findet dort an prominenter Stelle die Rede, die Staatspräsident Emmanuel Macron anlässlich der Trauerfeier für Samuel Paty gehalten hatte. Der Lehrer war von einem 18-jährigen Islamisten grausam ermordet worden, weil er seinen Schülerinnen und Schülern – auf freiwilliger Basis – die Mohammed-Karikaturen aus „Charlie Hebdo“ gezeigt und anhand derer mit ihnen über das Thema Meinungsfreiheit diskutiert hatte (E&W 12/2020).

„Das Problem ist der islamistische Separatismus. Das bewusste, theoretisch unterfütterte politisch-religiöse Vorhaben, das immer mehr Abstand zu den republikanischen Werten schafft und sich oft durch die Schaffung einer Parallelgesellschaft manifestiert“, sagte Macron. Und er sprach von einer „Ideologie, die behauptet, dass ihre eigenen Gesetze denen der Republik überlegen seien“.

Debatte über den politischen Islam

Spätestens seit den Anschlägen auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ und das „Bataclan“ (beide 2015) wird die Debatte über den politischen Islam in Frankreich grundsätzlicher denn je geführt. In zunehmendem Maße wird dabei auch über den Laizismus diskutiert, denn der ficht in den Augen der meisten Franzosen mit den religiösen Fanatikern einen Kampf um die Deutungshoheit in den staatlichen Schulen aus.

Immer wieder kreist die Debatte dabei auch um die Thesen von Jean-Pierre Obin, der in seinem jüngst erschienenen Buch „Comment l`islame a pu pénétrer l`école“ (Wie der Islam in die Schule eindringen konnte), „Islamismus“ und Laizität als gegensätzliche Pole darstellt.

Islamismus, am ehesten mit „politischer Islam“ zu übersetzen, definiert der ehemalige Chef-Schulinspektor des Landes und überzeugte Republikaner als Versuch, „die bürgerlichen Gesetze dem religiösen Gesetz unterzuordnen“ und einem religiösen Gesetzeskodex, der Scharia, Geltung zu verschaffen. Für dessen Anhänger seien die westlichen Gesellschaften – und zuvorderst deren Schulen – „dar-al-Harb“ („Kriegsgebiet“), Gebiete, die erst noch erobert werden müssen, damit auch dort die Scharia gelten könne.

Religiöser Fanatismus auf dem Vormarsch

Dabei ist die Trennung von Staat und Kirche ein tief verinnerlichter Baustein der französischen Republik. Religion gilt als Privatsache, in die sich keine staatliche Institution – und schon gar nicht die Schule – einzumischen hat. Undenkbar, dass, wie in Deutschland, ein Kruzifix in französischen Gerichten oder Klassenzimmern hängen könnte, „Religion“ ein Schulfach wie Mathematik ist oder der Staat „Kirchensteuer“ eintreibt. Wenn Schülerinnen und Schüler mit religiösen Symbolen oder Kleidern die Klassenzimmer betreten, ist das natürlich ebenfalls ein Bruch des laizistischen Prinzips, das von keinem politischen Lager in Frage gestellt wird. Dass „die Verteidigung der Laizität die DNA der Linken ausmacht“, hat gerade wieder Olivier Faure, Generalsekretär der Sozialdemokraten (PS), betont.

Die Gründe für den Vormarsch des religiösen Fanatismus sind vielfältig. Sie reichen von der Kolonialgeschichte Frankreichs bis hin zur Tatsache, dass Polizeigewalt sich überproportional stark gegen Muslime richtet. Die viel beschworenen republikanischen Werte klingen in den Ohren der sozial und kulturell abgehängten „cités“ oft hohl. Vor allem dort berichten Lehrkräfte von Elterngesprächen, in denen Mütter ihre Angst davor äußern, dass ihre Kinder in den Terrorismus abgleiten. Und das nicht ohne Grund. Bei Gedenkminuten für die Opfer von Terror-Anschlägen kam es in Frankreich hundertfach zu offenen Solidaritätsbekundungen mit den Attentätern.

Sorge über Radikalisierung von Jugendlichen

Für viele Franzosen war der Mord an Samuel Paty ein Schock. Doch Wissenschaftler und Lehrervertreter warnen seit langem vor einer Radikalisierung bei Teilen der muslimischen Jugendlichen, die laut einer Studie des Politologen Hakim el-Karoui heute in doppelt so hoher Zahl wie die Generation ihrer Eltern (25 Prozent) eine Grundhaltung vertreten, die den Werten der Republik klar entgegensteht. Die These, nach der Frauen vor allem „dafür da sind, um Kinder zu gebären und großzuziehen“, wird in einer repräsentativen Umfrage aus dem Jahr 2016 von 41 Prozent aller Muslime geteilt, nur 6 Prozent halten die Entstehung der Arten für ein Ergebnis der Evolution.

Eine traurige Tatsache ist auch der Massenexodus jüdischer Schülerinnen und Schüler. In den vergangenen 15 Jahren haben zwei Drittel von ihnen den staatlichen Schulen den Rücken gekehrt, wie in dem 2016 erschienen Buch „Reflektionen über den Antisemitismus“ von Dominique Schnapper (und anderen) ausgeführt wird.

Lehrerinnen und Lehrer in den Fächern Biologie, Literatur und Geschichte klagten darüber, dass Teile des Lehrplans angefeindet würden. In einem Gymnasium im Großraum Lyon, das hauptsächlich von Schülern besucht wird, die aus den Maghrebstaaten stammen, wurde die Forderung erhoben, die Werke us-amerikanischer Autoren nicht mehr zu lesen, weil die „USA der Hauptfeind des Islam“ seien.

Religion als Feigenblatt für Kriminalität

Wie so oft dient die Religion zuweilen auch nur als Feigenblatt für kriminelle Aktivitäten. Bernard Ravet, langjähriger Schuldirektor im proletarischen Norden von Marseille, berichtet, wie ihm stadtbekannte Drogendealer anboten, dafür zu sorgen, dass im Viertel niemand mehr wegen „anti-islamischer Kleidung“ belästigt werde – er müsse nur klären, dass auf dem Schulhof wieder Drogen verkauft werden können, ohne ständig von Aufsehern belästigt zu werden.

Schule als Gegengewicht zur Indoktrination?

Bliebe die Frage nach der Funktion der Schule, in der viele Politiker, aber auch Gewerkschafter die einzige Institution sehen, die noch ein Gegengewicht zu religiöser Indoktrinierung bilden kann. Auch deshalb finden sich in Frankreich nicht viele Wissenschaftlerinnen oder Politiker, die die strikte Trennung von Staat und Kirche in Frage stellen. Der Soziologe Farhad Khosrokhavar tut das nicht. Er hält es für richtig, dass Frankreich „das Prinzip der freien Meinungsäußerung“ verabsolutiere. Man müsse aber feststellen, schreibt er in einem Aufsatz für die linke „Humanité“, dass die gesellschaftlichen Gräben in den vergangenen Jahren auch dadurch größer geworden seien. Immer mehr muslimische Mädchen und Konvertitinnen verschleierten sich, obwohl der Staat darauf bestehe, dass religiös motivierte Kleidung an der Schule nichts verloren habe.

Khosrokhavar vertritt damit allerdings eine Minderheitenmeinung. Im Gegensatz zu ihm finden sowohl Macron als auch Obin, dass der Laizismus zuletzt auf immer weniger entschlossene Verteidiger zählen kann – ein Argumentationsmuster, das auch von vielen konservativen Intellektuellen geteilt wird. Es seien, so Obin, nicht zuletzt die Feigheit der Republikaner und die mangelnde Prinzipientreue von Direktorinnen und Direktoren, die den Vormarsch des Islamismus erst möglich gemacht haben. Auch Linke sprächen von „wir“ oder „die Franzosen“ in Abgrenzung von „den Muslimen“. Obin findet das verräterisch. Für ihn ist jeder Franzose, der auf französischem Staatsgebiet geboren ist und die Grundregeln des Zusammenlebens akzeptiert.

Schweigen um des Schulfriedens willen

Doch während die Schule genau diesen Universalismus vermitteln und jedem religiösen Machtanspruch einen Riegel vorschieben müsse, passiere vielerorten das Gegenteil, sagen Lehrerinnen und Lehrer. Von der Schulleitung würden sie gebeten, „nicht zu übertreiben“, sie seien zwar im Recht, der Schulfrieden aber ein hohes Gut, berichtet Ravet aus dem Alltag in Marseille. „Dieses Schweigen ist nicht das Ergebnis geheimer Direktiven von ganz oben, von Ministern oder Direktoren“, sagt Obin. Der bekennende Linke, der heute zur Unterstützung von Macron aufruft, hatte bereits 2004 in seiner Funktion als Generalinspekteur für das französische Schulwesen in einem Bericht vor Angriffen des radikalen Islam auf die Schulen gewarnt.

Sein 37-seitiger Bericht wurde von der damaligen Regierung allerdings nicht veröffentlicht mit der Begründung, die Publikation könne das Leben französischer Geiseln im Irak gefährden. Doch auch später wurde er nicht publiziert. „Es ist kulturell tief verinnerlicht, ein moralischer Grundkonsens bei den Führungskräften im Erziehungswesen“, sagt Obin heute. Menschen, die sich vehement gegen Homophobie, Misogynie oder Antisemitismus einsetzten, verstummten, wenn all das von Muslimen ausgehe. Aus Angst, man könne ihnen Rassismus vorwerfen, verrieten sie so ihre eigenen Ideale und fielen damit weltweit den liberalen Muslimen in den Rücken.