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Mit vereinten Kräften gegen Kinderarbeit

Seit drei Jahren trägt die malische Lehrkräftegewerkschaft SNEC dazu bei, dass mehr Jungen und Mädchen in dem westafrikanischen Land Schulen besuchen. Die GEW-Stiftung fair childhood – Bildung statt Kinderarbeit fördert das Projekt.

12.01.2018 - Bruni Römer, Schriftleiterin der "E&W" Schleswig-Holstein

Wer sich mit Soumeïla H. Maiga unterhält, erfährt: Am Anfang des Projekts, das die Kinderarbeit in Mali zurückdrängen soll, steht die Fortbildung der Lehrkräfte. „Zunächst bilden wir in den Dorfschulen den Direktor und eine Lehrkraft als Verbindungsperson aus“, erzählt der Koordinator des SNEC-Projekts, „mit einer Handreichung der Bildungsinternationale (BI) lernen sie die Definition von Kinderarbeit und Techniken für die Gespräche zur Sensibilisierung der Eltern.“ Nahezu 800 Lehrkräfte wurden in dem 18-Millionen-Einwohner-Land auf diese Weise seit 2015 geschult.

Parallel entstehen an Schulen „Clubs gegen Kinderarbeit“ – Mitglieder sind Schülerinnen und Schüler. Diese klären in den Dörfern über die Risiken von Kinderarbeit auf, suchen Kontakt zu Kindern, die nicht zur Schule gehen, erforschen die Gründe und teilen ihre Informationen mit der Verbindungslehrkraft. Diese sucht dann das Gespräch mit den Kindern und deren Eltern. „Was die Schüler mir erzählen, hilft mir, eine geeignete Strategie für das Überzeugungsgespräch mit dem arbeitenden Kind und seinen Eltern zu finden“, erzählt Verbindungslehrer Noumoutieba Diarra. Auch die Fortbildung der SNEC empfindet er als hilfreich: „Dort habe ich gelernt, besser mit den Angehörigen zu kommunizieren, etwa ihre Beweggründe aufmerksamer anzuhören, bevor ich sie zu überzeugen versuche.“

„So machen wir klar, dass Bildung eine Priorität ist.“

In jeder der beteiligten Kommunen in insgesamt fünf Regionen Malis gründete die SNEC ein Komitee (Comité de veille). Mitglieder sind die traditionellen religiösen Dorfchefs sowie Vertreterinnen und Vertreter von Frauen-, Arbeitgeber- und Zivilorganisationen. Auch dieses leistet einen zentralen Beitrag zur Sensibilisierung gegen Kinderarbeit und für Schulbildung. Ein typisches Vorgehen ist: Der Chef des Dorfes beruft eine Versammlung der Einwohnerinnen und Einwohner ein. Alle haben Rederecht – aber zum Schluss erklärt der Chef, dass Kinderarbeit in dem Dorf künftig nicht akzeptiert werde. „Diese Entscheidung der lokalen, von der Bevölkerung respektierten Autoritäten hilft uns sehr dabei, die Familienmitglieder zu überzeugen, alle Kinder in die Schule zu schicken“, erzählt Diarra. Yakouba Bagavogo, Dorfoberer und Komitee-Präsident in dem Ort Yéréfouméla, erläutert: „Wer ablehnt, sein Kind in die Schule zu geben, kann zum Beispiel von der Solidarität der Jugendgruppe zur gegenseitigen Erntehilfe ausgeschlossen werden. So machen wir klar, dass Bildung eine Priorität ist.“

In sogenannten „Associations de mères d’élèves“ (AME) tragen Mütter zur Sensibilisierung bei. „Sie überzeugen Ehemänner und Kinder von der Bedeutung der Schulbildung“, erläutert SNCE-Koordinator Maiga. Die Mutter Madié Bagayogo hat dafür ein ganz konkretes Beispiel: „Wer gut gelernt hat, kann zum Beispiel Lehrkraft mit einer festen Arbeit und garantiertem Einkommen werden. Mädchen hingegen, die sich in der Hauptstadt Bamako in Haushalten verdingen, sind vielfältiger Ausbeutung ausgesetzt. Dass Mädchen schwanger aus der Stadt zurückkamen und von der Dorfgemeinschaft nicht akzeptiert wurden, hat viele zum Nachdenken gebracht.“

„Analphabetismus tut weh!“

Kadjatou Douna, eine Müttervertreterin in dem Dorf Syentoula, ergänzt: „Dieses Projekt hat die Lehrkräfte verändert. Sie reagieren sofort, sobald ein Kind der Schule fernbleibt. Das Vorgehen der Lehrkräfte und des Comité de veille verpflichtet die Eltern, ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Und: Ich konnte dank ihrer Unterstützung meine neunjährige Tochter wieder zur Schule schicken. Ich hatte kein Geld für Schuhe und Schulmaterial und habe sie zu Hause behalten. Sie jetzt so glücklich und erfolgreich zu sehen, weil sie die Schule besucht, das hat mich überzeugt, dass ich alles für ihren Schulbesuch tun muss.“ Möglich war das, weil die AME in einigen Dörfern Unterstützungsfonds schuf: Umgerechnet 15 Cent, die die Mitglieder jede Woche bezahlen, ermöglichen der Schule, Kindern in Not zu helfen.

Allein in dem Dorf Yéréfouméla wurde so erreicht, dass binnen weniger Monate neun Jungen und 17 Mädchen in die Schule zurückkehrten. In Syentoula wurde ein ganzes Jahr lang kein Kind zum Schulabbrecher. „Der siebenjährige Moussa wollte zum Arbeiten und Geldverdienen in die Großstadt. Wir konnten ihm klarmachen, dass er dort nur von Tag zu Tag etwas verdient, wir aber vom Lernen in der Schule ein ganzes Leben lang profitieren“, erzählt Clubmitglied Youssouf. Die zwölfjährige Fatoumata ergänzt: „Meine Motivation, im Club mitzumachen, ist: Ich will dafür sorgen, dass in unserem Dorf die Zahl der Menschen, die nicht lesen und schreiben können, zurückgeht. Nur wer das kann, kann seine Angelegenheiten selbst regeln und ist nicht auf die Hilfe anderer angewiesen. Analphabetismus tut weh!“

„Inzwischen kommt Kinderarbeit als Thema im offiziellen Unterrichtsprogramm vor.“

In den fünf beteiligten Regionen sind mithilfe des SNEC-Projekts rund 550 Kinder zurück in die Schule gekommen; die Abbruchrate an den beteiligten Schulen fällt; die schulischen Leistungen der Kinder verbessern sich. „Das ermutigt die Lehrkräfte“, sagt ein Schulleiter, „sie haben speziellen Unterstützungsunterricht für Schülerinnen und Schüler, die reintegriert werden, entwickelt.“ Auch die SNEC profitiert von dem Projekt: „Dank des Fortbildungsangebots haben wir zahlreiche neue Mitglieder gewonnen. Auch unser Ansehen in der Gesellschaft ist gestiegen“, berichtet Projektkoordinator Maiga. Bis auf die Regierungsebene sei das Engagement durchgedrungen. „Inzwischen kommt Kinderarbeit als Thema im offiziellen Unterrichtsprogramm vor“, fährt er fort. Zu guter Letzt werde die Position der Gewerkschaft in ihrem Bemühen um die Integration der kommunalen Lehrkräfte in den öffentlichen Dienst gestärkt: 800 Lehrkräfte wurden bisher in diesen übernommen. „Dort“, so Maige, „arbeiten sie zu deutlich besseren Bedingungen als zuvor.“

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