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Interview mit Yaffa Ben DavidMit den Rechten der Lehrkräfte planen

Israel kämpft gegen die zweite Ansteckungswelle des Coronavirus. Die Infektionszahlen stiegen mit der Wiederöffnung der Schulen im Mai. Ein Interview mit der Generalsekretärin der israelischen Bildungsgewerkschaft Histadrut HaMorim.

23.07.2020 - Das Interview führte Sigrid Thomsen

  • Sigrid Thomsen:  Israel hat seine Schulen nach dem ersten Corona-Ausbruch schnell geschlossen und schnell wieder geöffnet. Hatte die Lehrergewerkschaft Anteil an den Entscheidungen?

Yaffa Ben David: Gleich zu Beginn der Krise habe ich den Premierminister gebeten, alle Schulen zu schließen. Das geschah dann auch am 15. März. Bis zu den Ferien zum Passahfest im April waren sie komplett geschlossen. Die Lehrkräfte in Schulen und Kindergärten mussten auf Distanz unterrichten. Sie haben vom Anfang der Quarantäne bis wir wieder herauskommen ein Unterrichtsprogramm entwickelt und Aktivitäten auf den Weg gebracht.

„Die Lehrkräfte haben sehr hart gearbeitet, um alle Gruppen zu erreichen und den Unterricht fortzusetzen.“ (Yaffa Ben David)

  • Mit welchen Schwierigkeiten hatten Sie während der Schulschließung zu tun?

Lehrende wie Lernende mussten sich technologisch fortbilden und lernen, wie man Internetplattformen nutzt. Schwierig war, dass einige Schülerinnen und Schüler keine Computer besaßen, besonders in den ultra-orthodoxen und in einigen arabischen Gemeinschaften. In manchen Familien gab es nur einen Computer für mehrere Kinder, die lernen mussten. Die Regierung hat dann Geld zur Verfügung gestellt, um für die meisten dieser Kinder Computer zu kaufen. Die können sie auch in Zukunft nutzen. Die Gewerkschaft hat Lehrerinnen und Lehrern geholfen, verschiedene Wege der Kommunikation mit den Lernenden zu finden, zum Beispiel ihnen Aufgaben am Telefon zu geben. Die Lehrkräfte haben sehr hart gearbeitet, um alle Gruppen zu erreichen und den Unterricht fortzusetzen.

  • Unter welchen Bedingungen haben die Schulen im Mai wieder aufgemacht?

In Israel sind die Gruppen in Schulen und Kindergärten relativ groß. Deshalb haben wir bei der Wiederöffnung mit kleinen Gruppen angefangen. In Kindergärten zum Beispiel kamen die ersten 17 Kinder für die ersten drei Tage der Woche, und die zweite Gruppe von 17 Kindern in der zweiten Wochenhälfte. Auch in den ersten drei Klassen der Grundschule wurde in kleinen Gruppen gearbeitet. Nach einer Woche haben die Schulen den Normalbetrieb wieder aufgenommen. Als es dann so viele Ansteckungen gab, hat Histadrut HaMorim die komplette Schließung jeder Schule bei nur einem einzigen Coronafall verlangt. Das Gesundheitsministerium wollte erst bei drei Fällen schließen, aber der Premierminister hat unsere Position übernommen. In der Folge waren etwa 200 Schulen bis Ende Juni wieder geschlossen.

  • Wie wirkt sich die Krise auf die Arbeitsbedingungen der Lehrkräfte aus?

Es gab einen großen Konflikt mit dem Finanzministerium über Bezahlung und Arbeitszeit. Lehrerinnen und Lehrer sollten 17 zusätzliche Tage in den Sommerferien unentgeltlich arbeiten. Histadrut HaMorim hat auf hundertprozentiger Vergütung bestanden. Wir hatten mit allerhand Widerstand zu tun, vom Finanzministerium, der Öffentlichkeit und besonders von Eltern, die zur Arbeit mussten und nicht verstanden, wie viel Lehrkräfte während der Krise geleistet haben. Am Ende haben wir ein Abkommen mit dem Ministerium über neun zusätzliche Tage unterschrieben – aber unter der Bedingung, dass es für alle Lehrenden gilt. Histadrut HaMorim organisiert 160.000 Lehrkräfte von Kindergärten, Grundschulen und den unteren Klassen der höheren Schulen. Die Lehrkräfte der weiterführenden Schulen sind nicht von der Regierung angestellt, sie sind in einer anderen Gewerkschaft organisiert. Sie haben nicht zugestimmt, so wie wir es von Anfang an erwartet hatten. Unser Grundsatz der Gleichheit für alle Lehrkräfte wurde damit nicht eingehalten. Also begannen die Ferien am 1. Juli für alle ohne Verzug, wie sonst auch. Das war ein großer Sieg für Histadrut HaMorim.

„Der Schutz der Risikogruppe ist ein großes Problem in Israel, nicht nur an den Schulen.“

  • Gibt es Schutzmaßnahmen für die Risikogruppen unter den Lehrkräften?

Die Regierung fordert die Lehrerinnen und Lehrer auf, zur Schule zu kommen, selbst wenn sie zu einer Risikogruppe gehören. Allerdings unterrichten sie dann nur in kleinen Gruppen und an abgetrennten Orten. Das Problem ist, dass wir dafür nicht genug Raum in den Schulen haben. Es gibt auch nicht ausreichend Lehrkräfte, um die zu ersetzen, die außerhalb des Lehrplans arbeiten. Der Schutz der Risikogruppe ist ein großes Problem in Israel, nicht nur an den Schulen.

  • Gelten besondere Regeln für die Abschlussprüfungen?

An den Grundschulen fanden die Prüfungen einfach nicht statt. Statt Zensuren wurden Bewertungen in die Zeugnisse geschrieben. Die Abiturprüfungen an den weiterführenden Schulen laufen gerade. Dafür kommen die Prüflinge in die Schule, allerdings nur in kleinen Gruppen. Das Bildungsministerium hat auch das Material und die Anzahl der Fächer für die Vorbereitung reduziert. Anstelle von Dutzenden haben die Studierenden jetzt nur fünf Fächer, damit kommen sie klar.

  • Die Coronakrise ist auch beim Kontakt der Gewerkschaften mit ihren Mitgliedern eine Herausforderung. Wie geht die israelische Bildungsgewerkschaft damit um?

Es gibt verschiedene Wege, Kontakt mit Mitgliedern zu halten, zum Beispiel haben wir SMS und alle Arten von Textnachrichten verschickt. Um auf die Fragen unserer Mitglieder einzugehen, haben wir eine Corona-Telefonnummer eingerichtet; die wurde von etwa 6000 Mitgliedern genutzt. Wir bieten Vorträge und Diskussionen online über Videokonferenzen an. Außerdem gibt es einen Marketing-Klub, der Mitgliedern hilft, billig an Produkte zu kommen. Durch den haben wir während der Quarantäne, als niemand raus durfte, Menschen mit den Dingen versorgt, die sie brauchten.

  • Was sind Ihre Forderungen für den Umgang mit der Krise in Zukunft?

Wir haben das Bildungsministerium um ein Programm für das kommende Schuljahr gebeten. Histadrut HaMorim hat Fachleute zu Rate gezogen, wie die Schulen wieder beginnen sollten - mit welchem Unterrichtsprogramm, wie sich das Lernen zusammen und auf Abstand organisieren ließe und so weiter. Nach unserer Meinung sollten wir auch im nächsten Schuljahr in kleinen Gruppen unterrichten.

„Mit Selbstdisziplin kommen wir gemeinsam da raus und besiegen diese Krankheit.“

  • Was können Sie aufgrund Ihrer Erfahrungen den Kolleginnen und Kollegen in Deutschland empfehlen?

Arbeit in kleinen Gruppen, Kreativität und keine Angst vor Veränderungen wie,  je nach Wetter, Unterricht im Freien oder auf Distanz. Alle müssen sich an die Regeln halten, Masken tragen, Abstand wahren, sich die Hände waschen und Desinfektionsmittel benutzen, wie in unseren Schulen. Verantwortlich ist jeder persönlich. Mit Selbstdisziplin kommen wir gemeinsam da raus und besiegen diese Krankheit.

Für die Gewerkschaft ist es sehr wichtig, mit der Regierung zusammenzuarbeiten und den Arbeitsplan für das nächste Jahr mitzugestalten. Wir müssen sicherstellen, dass die Rechte von Schulleitungen und Lehrkräften bereits bei der Planung berücksichtigt werden.

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