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Virtuelle WeiterbildungMit dem Avatar im Meeting

Auch in der Weiterbildung arbeiten Anbieter zunehmend mit Lernvideos, E-Books, Audiodateien, Webinaren und Lern-Apps. Das hat auch Auswirkungen auf die Arbeit des Personals: Es gibt Bildungsträger, die nun auf Vollzeitbeschäftigung setzen.

08.10.2018 - Klaus Heimann, freier Journalist

Bei der WBS-Trainings AG in Berlin lernen Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Weiterbildung nicht mehr selbst vor Ort. Stattdessen steuern sie ihren Avatar, ihr virtuelles Ich, eine künstliche Figur, der die Lernenden aus Fleisch und Blut Leben einhauchen. Der Avatar arbeitet im Büro, bespricht sich im Meetingraum oder trifft sich in der Pause auf der Terrasse oder im Garten mit den anderen.

WBS-Vorstand Joachim Giese erklärt, warum Weiterzubildende wie Dozentinnen und Dozenten damit gute Erfahrungen machen: „Die Beteiligungsquote der Teilnehmenden steigt, der Dozent bekommt ein besseres Feedback.“ Und: Wenn ein Avatar zu lange inaktiv ist, nickt er auch schon einmal ein. „Das erkennt der Trainer und weiß: Hier ist sozusagen ein kleiner Schubser notwendig“, erläutert Giese. Und er erzählt von den Materialien, die in der Mediathek des 3D-LearnSpace auf die wissbegierigen Avatare warten – von Tutorials über Webinare bis zu virtuellen Unterrichtseinheiten. An 200 Standorten bietet WBS Training Kurse im Second Life an. Der Bildungsträger hofft, so möglichst viel vom wachsenden Weiterbildungskuchen abzubekommen.

Unter den 17.000 Weiterbildungsträgern bundesweit ist „Lernen mit dem zweiten Ich“ allerdings noch kein Megatrend. Auch viele etablierte Weiterbildungsanbieter sind bisher eher zurückhaltend, wie aus dem Monitor Digitale Bildung der Bertelsmann Stiftung hervorgeht. „Die digitale Transformation traditioneller Weiterbildungsformate, Organisationen und Geschäftsmodelle hat gerade erst begonnen“ – so formuliert es Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

Klassische Weiterbildungsanbieter setzen eher ergänzend auf digitale Bildungsangebote; seltener bieten sie Onlineformate oder virtuell-kollaborative Lernsettings an. Das gilt auch für das berufsfortbildungswerk (bfw) des DGB. „Wir sind – vielleicht anders als manche Wettbewerber – der Ansicht, dass man nicht alles digitalisieren kann und auch nicht sollte“, erklärt Reinhold Petermann von der Geschäftsführung. „Wir setzen weiter überwiegend auf Angebote in Präsenzform.“

„Vielerorts haben wir es nicht mehr geschafft, in einer ausreichend großen Gruppe Präsenzunterricht zu organisieren. Das virtuelle Klassenzimmer hilft da ungemein.“ (Dina Bösch)

In Deutschland ist viel Geld in Sachen beruflicher Weiterbildung unterwegs. Die Beschäftigten, die Betriebe und die Bundesagentur für Arbeit investierten 2015 rund 56,3 Milliarden Euro. In 2000 lag dieser Betrag nur bei rund 33 Milliarden, wie Daten des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) zeigen. Dieser Aufwuchs ist ebenso ein Beleg für die steigende Bedeutung der Weiterbildung wie jene, dass die Zahl der Teilnehmenden an Weiterbildung steigt. Dennoch reicht es im internationalen Vergleich für Deutschland bisher nur zu einem Platz im Mittelfeld. Dafür, dass sich das ändert, zeigt sich die Branche allerdings optimistisch.

Der sich aus der Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft ergebene Bildungsbedarf soll nun Motor sein für weiter steigende Umsätze. Für Thiemo Fojkar, Vorsitzender des Bundesverbands der Träger beruflicher Bildung (BBB) und Chef des Internationaler Bund (IB), erklärt: „So viele gute Chancen hatten wir noch nie. Das Marktpotenzial ist da und die Digitalisierung befeuert die Entwicklung.“

Das ist bei der Deutschen Angestellten-Akademie (DAA) nicht anders. Im vergangenen Jahr hat Geschäftsführerin Dina Bösch 1.350 Leute neu eingestellt. Die DAA setzt schon länger auf das virtuelle Klassenzimmer und hat damit Erfolg. Für Chefin Bösch ist das die Antwort darauf, dass die Teilnehmerzahlen bei regionalen Präsenzseminaren bei gleichzeitig wachsender Vielfalt der nachgefragten Inhalte sinken: „Vielerorts haben wir es nicht mehr geschafft, in einer ausreichend großen Gruppe Präsenzunterricht zu organisieren. Das virtuelle Klassenzimmer hilft da ungemein.“

„Wir brauchen Fachkräfte für digitales Lernen. Die kommen nicht zu uns, wenn wir prekäre Beschäftigung anbieten.“ (Joachim Giese)

Denn nun ist es egal, ob in der Geschäftsstelle Flensburg zwei, in Cottbus vier und in Hamburg nochmals vier Lernende mit ihrem Bildungsgutschein der regionalen Arbeitsagentur auflaufen. „Im virtuellen Klassenzimmer organisieren wir den Kurs überall da, wo es notwendig ist. Oft in Form eines Webinars: Das ist immer live, der Trainer ist virtuell zugeschaltet“, berichtet Bösch, die seit drei Jahren an der Spitze der DAA steht. Im Hintergrund hält der Träger noch ein modulares Weiterbildungsangebot bereit. Mehr als 3.000 sogenannte Nuggets liegen auf dem Firmenserver in der hauseigenen Mediathek. Dennoch gilt: Auch in der virtuellen Welt schätzen die Teilnehmenden den persönlichen Kontakt. „Die richtige Mischung aus Lernbegleitung und Fachdozenten vor Ort oder im virtuellem Unterricht ist meist der richtige Ansatz“, erläutert Bösch.

Natürlich hat das virtuelle Klassenzimmer mit seinen Lernvideos, E-Books, Audiodateien und Webinaren auch Auswirkungen auf die Arbeit des Personals. In einer Branche, in der es nur so wimmelt von schlecht bezahlten freiberuflichen Honorarkräften, gibt es Bildungsträger, die umschwenken und auf Vollzeitbeschäftigung setzen. Denn digitales Lernen bringt, quasi als Nebeneffekt, eine zeitlich gleichmäßige Auslastung der Lehrenden. Der Buchhaltungskurs läuft jetzt virtuell über das ganze Jahr hinweg. „Im Präsenzseminar wusste ich nicht, wo und ob ich überhaupt den Trainer einsetzen konnte. Das ist jetzt anders. Deswegen können wir den Dozenten fest anstellen“, erläutert WBS-Vorstand Giese.

In Fojkar, dessen Verband Tarifpartei für GEW und ver.di ist, haben die Gewerkschaften einen Mitstreiter für gute Arbeit gefunden. „Ich bin gegen prekäre Beschäftigungsverhältnisse in der Branche. Dafür kämpfe ich im Verband.“ Der erfahrene Weiterbildner muss einräumen, dass er dafür manchmal auch Kritik einstecken muss. Dabei ist seine Logik ziemlich überzeugend: „Wir brauchen Fachkräfte für digitales Lernen. Die kommen nicht zu uns, wenn wir prekäre Beschäftigung anbieten.“

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