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Marokko: „Schickt eure Kinder in die Schule!“

Die Lehrergewerkschaft SNE in Marokko engagiert sich gegen Kinderarbeit und wird von der niederländischen Partnergewerkschaft AOb unterstützt. GEW-Kollege Norbert Müller war mit einer Delegation der AOb in Marrakesch und El Jadida.

04.05.2011 - Norbert Müller, stellvertretender Landesvorsitzender der GEW in Nordrhein-Westfalen

Vom 19. bis 26. Februar 2011 weilte ich für die GEW mit einer zwanzigköpfigen Delegation der niederländischen Lehrergewerkschaft AOb in Marokko. In den Städten Marrakesch und El Jadida, in denen zahlreiche Schulen an dem von der niederländischen Gewerkschaft AOb unterstützten Projekt „Schickt eure Kinder in die Schule!“ beteiligt sind, nahmen wir jeweils einige Tage Quartier. Um den Stellenwert des Projekts gegenüber den offiziellen Stellen des Landes zu stärken, war auch Jeremie Magermans von der Bildungsinternationale aus Brüssel mit angereist. Vom ersten Tag an wurden wir begleitet und umsorgt von Kolleginnen und Kollegen der marokkanischen Schwestergewerkschaft SNE, die das Projekt gegen Kinderarbeit vor Ort betreut.

Im Verlaufe der Woche besuchten wir zahlreiche Schulen - sowohl auf dem platten Lande wie auch in vornehmlich schwierigen Stadtteilen von Marrakesch, der Metropole des Landes und in der zweiten Wochenhälfte in El Jadida, einer Mittelstadt am atlantischen Ozean.

Etwa 1,4 Millionen Kinder im Alter bis zwölf Jahren gehen in Marokko nicht zur Schule. Davon arbeiten 600.000 Kinder in der Landwirtschaft, im Handwerk oder im industriellen Bereich. Das Projekt von SNE und AOb setzt hier an. In den Bezirken der beteiligten Schulen setzt man auf das Prinzip „Eltern überzeugen Eltern, ihre Kinder ebenfalls in die Schule zu schicken“. Neben Elternmitarbeit werden aus Projektmitteln Lehrerfortbildungen und zusätzliche Lehrerstellen sowie im begrenzten Maße Schulmaterialien finanziert. Auch die schulärztliche Untersuchung ist Bestandteil des Programms. Der Direktor einer Schule berichtete, dass stets eine große Zahl von Kindern wegen festgestellter Sehschwierigkeiten eine Brille erhält. Einmal im Jahr findet im Schulbezirk eine Demonstration von Schülern, Eltern und Lehrerschaft für den Schulbesuch der Kinder statt. Hierfür wird überall im Stadtbezirk mit Plakaten geworben. Auch auf den mitgeführten Bannern prangt der Appell „Schickt eure Kinder in die Schule!“

In den Schulen wurden wir freundlich empfangen. Bereitwillig stand uns der Zugang in die Klassen während des Unterrichts offen. Und obligatorisch war hernach eine Besprechung mit der Schulleitung, Lehrkräften und einer Vertretung der Schulaufsicht bei Tee und Gebäck. Offizielle Begegnungen gab es jeweils in den beiden Bezirksabteilungen des Schulministeriums. Hochrangige Offizielle empfingen uns und stellten sich der Diskussion. Ein Zeichen dafür, dass das Projekt gegen Kinderarbeit inzwischen auch Anerkennung bei den politisch Verantwortlichen genießt. Noch vor wenigen Jahren wurde das Problem der Kinderarbeit in Marokko totgeschwiegen.

Trotz sprachlicher Verständigungsschwierigkeiten war es eine eindrucksvolle und erkenntnisreiche Reise. Bleibt zu hoffen, dass das Projekt ausgeweitet werden kann. Ich profitierte davon, dass die meisten holländischen Kolleginnen und Kollegen aus dem Schul- und Hochschulbereich des Deutschen kundig waren. Eine junge Dramaturgin, die auch zur Delegation gehörte, arbeitet zurzeit an einem Theaterprojekt zur Kinderarbeit mit professionellen Schauspielern. Auf meine Nachfrage hin ermittelte sie, dass sämtliche Darsteller sich in der Lage sehen, ihre Texte auch in deutscher Sprache zu sprechen. Es lohnt sich wohl, die niederländisch-deutsche Kooperation auf Gewerkschaftsebene auch dadurch zu vertiefen, dass diese Theaterproduktion auch deutschen Schülerinnen und Schülern angeboten wird.

Von den politischen Unruhen im arabischen Raum, die zu diesem Zeitpunkt auch in einigen Städten Marokkos erste Auswirkungen zeigten, war unser Aufenthalt nur marginal berührt. Immerhin wurde der historische Platz in Marrakesch, auf dem zwei Monate später ein Selbstmordattentäter ein fürchterliches Blutbad anrichtete, just zu dem Zeitpunkt geschlossen, als wir dort unser Abendessen einnehmen wollten. Und in El Jahida fand an einem Abend eine Demonstration vor dem Theater statt.

 

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