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GastkommentarMangelwirtschaft beenden!

Die Pandemie hat das chronisch unterfinanzierte Bildungssystem an die Grenzen seiner Belastbarkeit gebracht. Genügend Geld für Bildung muss jedoch da sein, sonst droht unsere Gesellschaft, noch weiter auseinander zu driften.

01.02.2021 - Mechthild Schrooten, Professorin für Volkswirtschaftslehre, Hochschule Bremen

Covid-19 verursacht in vielen Lebensbereichen großes Leid. Die Pandemie hat das chronisch unterfinanzierte Bildungssystem an die Grenzen seiner Belastbarkeit gebracht. Die jahrelange Mangelwirtschaft verursacht aktuell hohe Kosten. Diese Krisenkosten fallen jedoch kaum bei den politisch Verantwortlichen an. Die immensen direkten und indirekten Kosten werden aktuell von engagierten Beschäftigten, Schülerinnen und Schülern, Kindern, Studierenden und Eltern getragen.

Dabei wird immer klarer: Kinder wollen Schule und Kita! Eltern wollen Schule und Kita! Studierende wollen Hochschule! Selten hat Schule, selten hat Bildung eine solche gesamtgesellschaftliche Wertschätzung erfahren. Die Beschäftigten im Bildungssektor wachsen aktuell vielfach über sich hinaus, entwickeln neue Formate und Vermittlungsformen. Das alles ist eine wunderbare Ausgangslage für eine kräftige Bildungsoffensive.

Deutschland hat Nachholbedarf

Doch eine Bildungsoffensive bedeutet mehr als eine halbherzige Digitalisierung vorhandener Prozesse. Sie setzt voraus, dass der in jeder Hinsicht systemrelevante Bildungssektor dauerhaft gut finanziert wird. Der internationale Vergleich zeigt, dass Deutschland einen erheblichen Nachholbedarf hat. In der Bundesrepublik liegen die Bildungsausgaben systematisch unter dem Durchschnitt in den Staaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). So erreichten die Ausgaben für die Primarstufe bis zum Tertiärbereich 2017 gerade einmal 4,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts; der OECD-Durchschnitt lag bei 4,9 Prozent. Gemessen in Euro entspricht die Differenz zum Durchschnitt in etwa 23 Milliarden Euro. Diese Summe ist erheblich; diese Finanzmittel fehlen jedes Jahr.

Engagement der Beteiligten

Die Mangelwirtschaft im deutschen Bildungssektor ist seit langem bekannt. Marode Schulgebäude symbolisieren Politikversagen. In der Pandemie-Zeit entstand aus der chronischen Unterfinanzierung eine massive zusätzliche Belastung. Investitions- und Innovationsstau passen nicht zu harten Hygienestandards. Zwar hat die öffentliche Hand für Bildung pandemiebedingt kurzfristig Finanzmittel bereitgestellt. Aber in einer Katastrophenzeit aufzuholen, was jahrelang vernachlässigt wurde, ist eine besondere Herausforderung.

Tatsächlich meistert der Bildungssektor in der Pandemiezeit komplexeste Herausforderungen innerhalb kürzester Zeit. Wenn er das schafft, so geht dies aber kaum auf kluge politische Entscheidungen zurück. Vielmehr hält das außerordentliche Engagement der Beteiligten die Bildungsinfrastruktur am Laufen. „Ehrenamt im Hauptamt“ und Improvisation mögen zwar kurzfristig weiterhelfen, ersetzen jedoch kein tragfähiges Konzept.

Verteilungskampf entbrannt

Während die meisten Menschen noch mit der Pandemiebewältigung im Alltag beschäftigt sind, ist auf der politischen Ebene längst ein Verteilungskampf um die zukünftige Staatsfinanzierung entbrannt. Die aktuelle Kreditfinanzierung außerordentlicher Ausgabenprogramme wird mit Sicherheit nicht dauerhaft aufrechterhalten werden können. Der Bildungssektor darf nicht wieder der Kassenlage von Kommunen und Bundesländern ausgeliefert werden. Der Bildungsföderalismus steht vor einer Bewährungsprobe.

Der Bildungssektor liefert viel mehr als Wissen. Zentrale Stichworte sind neben Chancen, Betreuung und Erziehung vor allem individuelle Förderung und emotionale Ansprache – dies und vieles mehr wird im Kontext von Bildung geboten. Genügend Geld für Bildung muss da sein, sonst droht unsere Gesellschaft, noch weiter auseinander zu driften. Bildung hat im Kern weitreichende verteilungspolitische Konsequenzen. Eltern, Kinder, Schülerinnen und Schüler, Studierende und die Beschäftigten im Bildungssektor haben es verdient, dass die Mangelwirtschaft der Vergangenheit angehört.