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LehrkräftemangelMangel und Überangebot

In NRW fehlen laut Prognosen in den kommenden zehn Jahren rund 15.000 Lehrerinnen und Lehrer. Besonders betroffen sind Schulen in sozialen Brennpunkten. Gleichzeitig gibt es für die Gymnasien voraussichtlich zu viele Bewerberinnen und Bewerber.

06.09.2018 - Katja Irle, freie Journalistin

An der Tür zur Schulleitung fehlt die Abdeckung für den Lichtschalter. Viele Fenster lassen sich schon seit Jahren nicht öffnen, weil es für die Rahmen angeblich keine Ersatzgriffe mehr gibt. „Haben Sie vorher gecheckt, ob da noch Strom drauf ist?“, fragt Schulleiterin Julia Gajewski, als die Reporterin ihr Ladekabel einstöpseln will. Die Pädagogin sagt das ohne ironischen Unterton. Solche Fragen gehören an der Essener Gesamtschule Bockmühle zum Alltag. An der Wand von Gajewskis Büro hängt ein Schild: „Ruhe bewahren, Humor behalten.“ Das Motto für die Arbeit im sozialen Brennpunkt.

In drei Jahren sollen die rund 1.460 Schülerinnen und Schüler in Essen-Altendorf einen Neubau bekommen. Bis dahin müssen sie mit den Provisorien des verfallenden 1970er-Jahre-Baus leben. Ein großer Aufenthaltsraum ist seit fünf Jahren geschlossen, weil das Grundwasser von unten hochdrückt. Die Isolierung der Schule ist eine Farce – im Sommer zu heiß, im Winter eiskalt. „Wir heizen den ganzen Stadtteil mit“, sagt Gajewski. Das tägliche Mensaangebot wird mittlerweile von weniger als zehn Schülern genutzt. Zu teuer und zu schlecht sei das Essen, zu kompliziert das Bestellsystem, sagt eine Lehrerin. An anderen Schulen ordern die Kinder ihr Essen längst online. Für die wenigen Menüs an der Bockmühle lohne sich der Service nicht, meint der Caterer.

„Mein Vorgänger hat mal gesagt: ,Wir sind eine alleinerziehende Schule.‘ Das trifft es ziemlich genau.“ (Julia Gajewski)

Die schlechte Ausstattung ist längst nicht das einzige Problem der Gesamtschule. „Wenn ich mir die Unterrichtsverteilung anschaue, packt mich das blanke Entsetzen“, sagt Gajewski. Die sportliche Frau mit dem Kurzhaarschnitt, die jeden Tag zehn Kilometer mit dem Fahrrad zur Schule fährt, betrachtet die Zahlen für 2018/19. Voraussichtlich fehlen acht Lehrerstellen. Engpässe gibt es auch in den Bereichen Sonderpädagogik und Sprachförderung. Das liegt zum einen am generellen Lehrkräftemangel in NRW, zum anderen an der Lage im sozialen Brennpunkt. „Nur wenige entscheiden sich bewusst für die Arbeit an so einer Schule“, weiß Gajewski aus Erfahrung. Die Schulleiterin ist aber auf genau solche Leute angewiesen. Sie braucht Personal, das mit Lernbehinderungen und Kindern aus belasteten Elternhäusern arbeiten will und umgehen kann. „Mein Vorgänger hat mal gesagt: ,Wir sind eine alleinerziehende Schule.‘ Das trifft es ziemlich genau.“

Die Schule in Essen-Altendorf ist eine von vielen in NRW, die vergeblich auf neues Personal warten. Nach der aktuellen Bedarfsprognose der schwarz-gelben Landesregierung fehlen in den nächsten zehn Jahren rund 15.000 Lehrkräfte. Die GEW geht von noch höheren Zahlen aus. Besonders betroffen sind die Grundschulen. Oder wie es die Landesregierung positiv umformuliert: „Für Bewerberinnen und Bewerber bestehen hier in den nächsten zehn Jahren hervorragende Beschäftigungsaussichten.“

Für den Personalmangel im Land gibt es strukturelle Gründe, aber auch hausgemachte Probleme. Im Gegensatz zu vielen anderen Bundesländern wurde ab 2011 jahrelang keine Bedarfsprognose für den Lehrerberuf mehr erstellt, obwohl es eklatante Veränderungen gab. „Die Geburtenzahlen sind nicht, wie prognostiziert, gesunken. Die Schulen hatten in den letzten Jahren viele Herausforderungen zu bewältigen, etwa die gestiegene Zuwanderung oder die Inklusion. Außerdem wurde das Lehramtsstudium für die Grundschulen verlängert“, erklärt der Sprecher des Schulministeriums, Daniel Kölle. Im Frühjahr veröffentlichte die Landesregierung deshalb eine neue Bedarfsprognose – mit erschreckenden Zahlen.

Nicht nur in den Grundschulen fehlt Personal, sondern auch an den Haupt-, Real, Sekundar- und Gesamtschulen. Auch der seit Jahren bekannte Lehrermangel an den Berufskollegs ist nicht behoben. Im Gegenteil: Es fehlen Lehrkräfte für Maschinen- und Elektrotechnik, aber auch in den Bereichen Gesundheit und Sozialpädagogik. Zudem gibt es viel zu wenige Sonderpädagogen – ein Los, das NRW mit fast allen anderen Bundesländern teilt, weil zu wenige ausgebildet wurden.

„Im vergangenen Jahr gab es 789 Seiteneinsteiger, das waren etwa 11 Prozent der gesamten Neueinstellungen.“ (Daniel Kölle)

Die einzige Schulform ohne Personalmangel ist das Gymnasium. Hier erwartet die Landesregierung mit Ausnahme der MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) einen Bewerberüberhang. Deshalb greift die Politik zu unkonventionellen Maßnahmen: „Wir machen Lehrern der Sekundarstufe II das Angebot, für zwei Jahre an einer Grundschule zu unterrichten“, so Ministeriumssprecher Kölle. Damit verbunden ist die Garantie, danach als Sek-II-Lehrkraft an einer weiterführenden Schule arbeiten zu können. Ein durchschlagender Erfolg war die Werbekampagne bislang nicht: 90 Verträge sind bis Mai zustande gekommen – rund 400 Grundschulen hatten sich Hoffnung gemacht, von dem Modell zu profitieren.

Darüber hinaus setzt das Land auf Quereinsteiger. An den Grundschulen gab es diese Möglichkeit in Kunst, Musik und Sport schon länger. Jetzt ist der Quereinstieg auch für das Fach Englisch möglich. Auch bei Haupt-, Real-, Sekundar- und Gesamtschulen hofft die Landesregierung auf weitere Seiteneinsteiger, ebenso bei den Berufsschulen. Als Wundermittel taugen die Berufsfremden aber nicht, wie Kölle einräumt: „Im vergangenen Jahr gab es 789 Seiteneinsteiger, das waren etwa 11 Prozent der gesamten Neueinstellungen.“

„Wir sind das Wohnzimmer für unsere Schüler. Viele sind lieber den ganzen Tag hier als zu Hause.“ (Gajewski)

Das Land hat zudem die Ausbildungskapazitäten an den Hochschulen erhöht. Doch erstens dauert es lange, bis der Pädagogennachwuchs in den Schulen ankommt. Zweitens reichen die Kapazitäten nach Ansicht der GEW bei weitem nicht aus. „Die Hochschulen haben am Grundschullehramt wenig Interesse“, sagt GEW-Landesvorsitzende Dorothea Schäfer. Sie weist auch auf die besondere Situation der Schulen in sozialen Brennpunkten hin, wie die der Gesamtschule Essen-Bockmühle. „Diese Einrichtungen haben es besonders schwer. Da müsste die Landesregierung gegensteuern und die Schulen besser ausstatten.“

Ministeriumssprecher Kölle verweist hier auf die angekündigten „Talentschulen“. 60 Schulen können sich künftig um zusätzliche Unterstützung beim Land bewerben. Profitieren sollen vor allem Einrichtungen in sozialen Brennpunkten, etwa im Ruhrgebiet. Brennpunkt und Ruhrgebiet? Bingo! Die Essener Gesamtschule Bockmühle wäre also ein idealer Kandidat. Schulleiterin Gajewski hat für die neue Idee trotzdem nur Zynismus übrig. Sie plagen gerade andere Sorgen, als in Düsseldorf Bewerbungsunterlagen für einen Talentwettbewerb einzureichen. Die Schule muss Abstriche am pädagogischen Konzept machen, weil Personal fehlt. Die durchgängige Doppelbesetzung der Klassen ist nicht mehr gewährleistet. „Meine Ko-Kollegin und ich leiten die Klasse normalerweise gemeinsam. Für die Kinder ist es wichtig, feste Ansprechpartner zu haben“, sagt Viola Müller, Klassenlehrerin einer 7. Klasse und Jahrgangssprecherin. Gajewski ergänzt: „Ein verlässlicher Beziehungsaufbau – das ist die einzige Chance, die wir hier haben. Dafür benötigen wir mehr Personal.“

Auch das Ganztagsangebot lässt sich nicht länger stemmen. Dabei werde genau das an der Brennpunktschule besonders gebraucht, sagt die Schulleiterin: „Wir sind das Wohnzimmer für unsere Schüler. Viele sind lieber den ganzen Tag hier als zu Hause. Das dürfen wir ihnen nicht einfach wegnehmen.“

Nordrhein-Westfalen in Zahlen:
  • Laut einer neuen Prognose der Landesregierung für den Lehrkräftearbeitsmarkt fehlen allein in den kommenden zehn Jahren rund 15.000 Lehrerinnen und Lehrer an Grund-, Haupt,- Real-, Sekundar-, Gesamtschulen und Berufskollegs sowie in der Sonderpädagogik. Zusätzliche Lehrkräfte werden auch durch die Rückkehr zu G9 gebraucht. Dem gegenüber steht ein Überhang von Pädagoginnen und Pädagogen in der Sekundarstufe II – hier könnte es rein rechnerisch etwa 16.000 Bewerberinnen und Bewerber zu viel geben.
  • Besonders betroffen vom Personalmangel sind die Grundschulen. Die GEW hat vorgerechnet, dass in den kommenden Jahren 3.000 bis 5.000 Lehrkräfte fehlen werden. Das liegt auch daran, dass die Ausbildung verlängert wurde, sodass aktuell weniger Absolventinnen und Absolventen auf dem Markt sind.
  • Mehrere Maßnahmen sollen den Lehrkräftemangel in den Grundschulen und im Sek-I-Bereich mildern. Lehrerinnen und Lehrer der Sekundarstufe II können für zwei Jahre an einer Grundschule unterrichten. Danach haben sie eine Garantie, an eine weiterführende Schule versetzt zu werden. Das Land setzt außerdem auf Quereinsteiger. Neu ist, dass sich die Grundschulen auch für Seiteneinsteiger im Fach Englisch öffnen – das war bisher nur in Kunst, Musik und Sport möglich.
  • Ein neuer Erlass ermöglicht es, dass künftig 600 neue Stellen zur Unterstützung in der Schuleingangsphase der Grundschule beispielsweise mit Sozialpädagoginnen und -pädagogen sowie anderen pädagogischen Fachkräften besetzt werden. Im Lehramt Sonderpädagogik sollen bis zu 250 zusätzliche Bachelor-Studienplätze ab dem Wintersemester 2018/19 geschaffen werden, für das Lehramt Grundschule sind es mehr als 300 Studienplätze.

„Werbekampagnen werden den Mangel nicht beheben“

Der Fachkräftemangel wird sich in Nordrhein-Westfalen (NRW) weiter verschärfen, vor allem in den Grundschulen. Damit sich künftig mehr junge Leute für den Lehrerberuf entscheiden, muss das Land sie besser bezahlen. Deshalb fordert die GEW seit langem A13 als Einstiegsbesoldung für alle Lehrämter. Der einheitliche Lohn wäre nicht nur gerechter, sondern auch ein gutes Mittel, um den Beruf langfristig aufzuwerten. Die Werbekampagne der Landesregierung dagegen kann den Fachkräftemangel und seine Auswirkungen nicht beheben. Auch der Plan, 60 Leuchtturmschulen in schwierigen sozialen Lagen zu fördern, wird kaum zu Entlastung führen. Wer Lehrkräfte gewinnen will, muss den Job dort attraktiver machen, wo er besonders schwierig ist. In NRW gibt es fast 1.000 Schulen in sozialen Brennpunkten. Sie alle brauchen dringend Unterstützung. Anstatt ein paar Talentschulen auszuzeichnen, sollte ein schulbezogener Sozialindex entwickelt werden. Bildungsgerechtigkeit muss wieder deutlicher auf die schulpolitische Agenda. Deshalb brauchen auch jene Schulen mehr Personal und andere Ressourcen, die das gemeinsame inklusive Lernen umsetzen.

Dorothea Schäfer, GEW-Vorsitzende NRW

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