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Tarifrunde LänderManager, Sozialarbeiter, Mangelverwalter – nebenbei Lehrer

Birgit und Jan Drebes unterrichten an Berliner Grundschulen. In den vergangenen Jahren haben sie an Protestaktionen der GEW teilgenommen, Flugblätter verteilt, mit Kolleginnen und Kollegen diskutiert. Warum ist das für sie wichtig?

27.12.2018 - Jörg Meyer, freier Journalist

Seit 37 Jahren sind Birgit und Jan Drebes im Berliner Schuldienst. Seit 37 Jahren sind sie verheiratet. Und seit 37 Jahren sind sie Gewerkschaftsmitglieder; zunächst in der Gewerkschaft Unterricht und Erziehung im Freien Deutschen Gewerkschaftsbund, seit 1990 in der GEW. Wir treffen Birgit und Jan in Prenzlauer Berg. „Die Tätigkeit des Lehrers und der Lehrerin hat sich im vergangenen Jahrzehnt extrem geändert“, erzählt Jan. „Die Vorstellung, morgens gehe ich in die Schule, mache meinen Unterricht, und nachmittags, wenn die Kinder etwas gelernt haben, bin ich fertig und bereite den nächsten Tag vor, stimmt so überhaupt nicht mehr.“ Seit den 1990er-Jahren unterrichtet Jan an einer kooperativen Halbtagsgrundschule in Pankow – früher eine Schule für sprachbehinderte Kinder, vor einigen Jahren kam eine Grundschule dazu. Die Kinder lernen gemeinsam in Gruppen.

Birgit arbeitet an einer verlässlichen Halbtagsgrundschule in Friedrichshain. Die Kinder werden von 8.15 bis 14 Uhr unterrichtet und danach im Schulhort betreut. „Wir sind eine inklusive Schwerpunktschule mit dem Förderschwerpunkt Autismus“, erzählt die 56-Jährige. Der Arbeitstag beginnt um 7.45 Uhr.

Birgit Drebes bereitet den Raum vor, die Kinder trudeln nach und nach ein. „Wir haben einen offenen Beginn.“ Meist unterrichtet sie von 8.15 bis 14 Uhr, dann beginnt die Betreuung im Hort. Wenn die Kinder Mittagspause haben, findet wöchentlich die einstündige Teamzeit statt. Da besprechen Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher die aktuellen Entwicklungen in der Klasse. Die Zusammenarbeit ist eng. „Sowohl die Erzieherinnen als auch die Betreuerin bringen sich stark in die Unterrichtsbegleitung ein und übernehmen Verantwortung – besonders für Kinder mit besonderen Bedürfnissen“, sagt Birgit. „Ohne ihre Unterstützung kann ich mir erfolgreiche Unterrichtsarbeit gar nicht mehr vorstellen.“

Nach 14 Uhr folgen Sitzungen, Nachbereitung und Vorbereitung. „Wir haben nur einen Teamraum für rund 70 Kolleginnen und Kollegen“, sagt die Lehrerin. „Wenn es da ruhig genug ist und ich einen freien Computer finde, schreibe ich nachmittags Anträge, Elternbriefe oder ähnliches, aber oft nehme ich mir die Arbeit mit nach Hause.“ Bei Jan, der sich mit dem Satz „… und eigentlich bin ich immer noch ganz gerne Lehrer“ vorstellt, sieht der Arbeitstag ähnlich aus. „Aber ich habe meist nicht durchgehend Unterricht. Ich kann früher mit der Papierarbeit anfangen und muss weniger zu Hause machen.“ Die Vorbereitung mache neben dem Unterricht noch rund 10 Prozent seiner Arbeitszeit aus, sagt der 57-Jährige.

„Wir könnten ein eigenes Team von Sekretariatskräften zur Unterstützung gut gebrauchen.“ (Jan Drebes)

Viel Zeit verschlinge die Bürokratie: „Wir könnten ein eigenes Team von Sekretariatskräften zur Unterstützung gut gebrauchen.“ Jan holt aus. Das Thema treibt ihn spürbar um: „Ich gebe mal ein Beispiel. Wenn du heutzutage siehst, dass ein Schüler Probleme hat und Förderung braucht, musst du mit vielen Stellen sprechen und jede Menge Papiere ausfüllen, bis das Kind vielleicht einen Schulhelfer bekommt. Meist wird der Antrag abgelehnt. Das ist die Realität. Damit verbringen wir unsere Nachmittage. Und ich denke mir: ‚Man sieht doch, dass das Kind Hilfe braucht.‘“

Birgit ergänzt: „Ich wünschte mir, dass man den Lehrerinnen und Lehrern vertraut. Wenn wir sagen, dass ein Kind mit dem Schulbus fahren muss, weil sonst die Beschulung gefährdet ist, dann ist das so. Wir kennen unsere Schülerinnen und Schüler. Dafür sollte man nicht fünf Papiere ausfüllen müssen.“ „Diese Praxis bedeutet auch die fortschreitende Privatisierung eines staatlichen Auftrags“, kritisiert Jan. „Wir sind damit beschäftigt, Mittel für externe Träger zu beantragen. Es ist die Rolle der Lehrerinnen und Lehrer, den Mangel zu verwalten.“

Die Berliner Schulen machen seit Jahren Schlagzeilen: marode Gebäude, schlechte Ausstattung, Lehrkräftemangel. Zumindest von Letzterem spürt Birgit an ihrer Schule nicht viel: „Wir waren schon immer große Teams im Unterricht, das ist nicht nennenswert schlechter geworden.“ Außerdem gebe es immer wieder Menschen, die an ihrer Schule arbeiten wollen. Aber: Mit zunehmenden Aufgaben und steigenden Schülerzahlen sind auch die unterrichtenden Teams größer geworden. „Dadurch ist unsere Schule mittlerweile viel zu klein und zu schlecht ausgestattet. Wir haben kein Internet in den Klassenräumen. Das ist doch unterirdisch!“

„Bei uns fehlen Erzieherinnen und Erzieher für den Hort am Nachmittag und mit Fachausbildung für Kinder mit Förderbedarf, Schulhelfer, kurzum: Wir suchen händeringend Leute.“

An der Schule von Jan, die in einem Neubau untergebracht ist, sieht es bei der Ausstattung deutlich besser aus. Dafür fehlt Personal. „Ich hatte in diesem Jahr erstmals ein Kind mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung in der Gruppe“, erzählt der Pädagoge. Dem Kind stehen zusätzliche Förderstunden zu, „und dafür brauchst du eine zweite Lehrerin“. Zwar habe sich das Verhältnis Schüler zu Lehrer zahlenmäßig nicht gravierend geändert. „Vor einigen Jahren wurden aber die zusätzlichen Lehrerstunden etwa für sprachbehinderte Kinder gekürzt. Das macht sich bemerkbar.“ Auch für die Arbeit im Hort mangele es an Fachkräften: „Bei uns fehlen Erzieherinnen und Erzieher für den Hort am Nachmittag und mit Fachausbildung für Kinder mit Förderbedarf, Schulhelfer, kurzum: Wir suchen händeringend Leute.“

Die Stimmung in der Belegschaft sei solidarisch, sagt Jan, aber hie und da knirsche es auch. Weil beispielsweise bei Personalversammlungen früher oft fast nur die Themen der Lehrkräfte auf der Tagesordnung standen, organisieren die Erzieherinnen und Erzieher in der Pankower Schule eigene Personalversammlungen: „Einerseits begrüße ich das, weil es ihnen hilft, andererseits ist das blöd, weil es die Trennung der Belegschaft zementiert.“ Birgit lacht: „Das gibt es bei uns nicht. Wenn die Lehrkräfte zu viel über sich gesprochen haben, haben unsere Erzieherinnen mit deutlichen Worten und lautstark ihren Platz auf den Personalversammlungen gefordert und bekommen.“

Der kommenden Tarifrunde sehen die beiden mit Spannung entgegen – und das aus mehreren Gründen. Die Kundgebungen böten auch die Möglichkeit, mit den Erzieherinnen besser in Kontakt zu kommen. „Im Alltag klappt das oft nicht wie gewünscht, weil unsere Arbeitszeiten nicht ineinandergreifen“, berichtet Jan. Das ist an Birgits Schule ähnlich. Die eine Stunde Teamzeit pro Woche reiche bei weitem nicht aus.

In den vergangenen Jahren haben sich Birgit und Jan an Warnstreiks beteiligt, Flugblätter verteilt, mit Kolleginnen und Kollegen diskutiert. „Wir haben uns damals bewusst nicht verbeamten lassen, weil wir uns das Streikrecht nicht nehmen lassen wollten“, sagt Jan. Das Gefühl, gemeinsam mit anderen auf die Straße zu gehen und sich gemeinsam gegen Ungerechtigkeiten zu wehren, sei ein sehr gutes. „In der Tarifrunde wollen wir eine deutliche Tabellenerhöhung“, sagen beide.

Die GEW in Berlin hat bei der Bezahlung kürzlich einen großen Erfolg erzielt: Verbeamtete Grundschullehrkräfte bekommen A13 statt bisher A12, angestellte Kolleginnen und Kollegen werden von E11 nach E13 höhergruppiert. „Dadurch werden wir genauso viel wie unsere Kolleginnen und Kollegen an Gymnasien verdienen. Das ist ein Beispiel dafür, wie es gerechter geht: gleiches Geld für gleichwertige Arbeit“, sagt Jan. Es gehe aber nicht nur ums Geld, sondern auch um gesellschaftspolitische Statements gegen rechts oder um die Bildungspolitik an sich. Eines ist für Birgit und Jan Drebes selbstverständlich: „Wenn meine Gewerkschaft zum Streik aufruft“, sagt Birgit, „dann bin ich solidarisch und gehe mit raus.“

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