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Pädagogik und Digitalisierung„Man sieht viele Bücher“

Noch nie verlief ein Semester an den Hochschulen so wie das aktuelle: Corona führt zum digitalen Lernen. Eine Herausforderung für Lehrende wie Lernende. Katja Schmidtpott, Japanologie-Professorin an der Ruhr-Uni Bochum, zieht eine erste Bilanz.

10.07.2020 - Interview: Stephan Lüke, freier Journalist

  • E&W: Vielen Dank für Ihre Einladung, unser Interview per Zoom zu führen. Leider ist das Internet bei mir zu instabil … Ist die Technik auch ein Problem des digitalen Semesters?

Katja Schmidtpott: Bislang läuft alles reibungslos. Ich sitze in meinem Arbeitszimmer daheim. Von hier aus gebe ich meine fünf wöchentlichen Kurse, Sprechstunden und nehme an Sitzungen und Vorträgen teil.

  • E&W: Klingt ja alles ganz entspannt. Standen Sie dem neuen Weg des Lehrens und Lernens von Beginn an so locker gegenüber?

Schmidtpott: Ganz im Gegenteil. Als ich im März bei einer Tagung in den USA hörte, dass sich die dortigen Kolleginnen und Kollegen auf den digitalen Unterricht in Schulungen vorbereiteten, habe ich ehrlich gesagt noch gehofft, darum herumzukommen.

  • E&W: Ihre Hoffnung erfüllte sich nicht. Wie haben Sie sich in der Kürze der Zeit umgestellt?

Schmidtpott: Sie erwähnen schon ein entscheidendes Stichwort: Ich habe leider nicht die Zeit gehabt, die umfangreichen Schulungs- und Unterstützungsangebote der Uni anzunehmen, meine Vorträge aufzuzeichnen oder gar Erklärvideos zu erstellen – wie es sich manche Studentinnen und Studenten wohl erhofft hatten. Es ist auch fraglich, ob das sinnvoll gewesen wäre, denn unsere Seminare in den Geisteswissenschaften leben nun einmal vom direkten Austausch und einer lebendigen Diskussion. Und zwar synchron. Ich biete meine Einführungsvorlesung zur Geschichte Japans sowie meine Seminare daher nun in Zoom-Konferenzen an. Die große Einführungsvorlesung besuchen digital ebenso viele Lernende wie es in den vorigen Semestern als Präsenzveranstaltung der Fall war.

  • E&W: Wie haben Sie sich dabei gefühlt?

Schmidtpott: Es ist schon ein komisches Gefühl. Mein Powerpoint-Vortrag nimmt drei Viertel des Bildschirms ein, daneben sehe ich eine Liste mit den -Namen der angemeldeten Gäste.

  • E&W: Dann fehlt Ihnen ja jedes Gefühl, wie Ihre Zuhörerinnen und Zuhörer auf Sie und Ihre Inhalte reagieren, oder?

Schmidtpott: Das ist tatsächlich gewöhnungsbedürftig. Ich spüre weniger, wie das Gesagte ankommt, ob ich die Gruppe verliere. Das kann auch die Meldefunktion nicht ersetzen. Wenn sich beispielsweise eine Studierende mit einer Nachfrage meldet, weiß ich nicht, ob nur sie etwas nicht verstanden hat oder ob das mehreren so geht. Unangenehm finde ich, in kleinen Seminaren in „schwarze Kacheln“ zu blicken, wenn Lernende die Kamera nicht einschalten.

  • E&W: Warum verzichten Lernende auf die Kamera?

Schmidtpott: Manche möchten sich wohl nicht in die Privatsphäre schauen lassen, die anderen sehen lassen, dass sie vielleicht gerade erst aufgestanden sind, wie und wo sie wohnen. Viele sind angesichts der geschlossenen Universitäten und Hochschulen wieder zu ihren Eltern gezogen, manchmal wollen diese keine Bilder von ihrem Heim preisgeben. Es gibt viele Gründe, zum Teil wohl auch technischer Natur, und wir können niemanden zwingen, die Kamera einzuschalten. Ich habe umgekehrt kein Problem damit, mein Homeoffice zu zeigen. Es ähnelt ohnehin dem der meisten Kolleginnen und Kollegen – man sieht viele Bücher.

  • E&W: Verändert sich die Qualität und Intensität der Seminare?

Schmidtpott: Aus meiner Sicht nicht wesentlich. Ob sich der digitale Fernunterricht dauerhaft bewähren wird, muss sich aber noch zeigen. Hier hoffe ich auf Erkenntnisse durch Umfragen und Evaluationen zu diesem Digitalsemester durch Lehrende und Studierende.

  • E&W: Sind unter diesen Umständen Prüfungen möglich?

Schmidtpott: Wir haben bereits eine mündliche Bachelor-Prüfung abgenommen. Meine Beisitzerin, aber auch der Student und ich haben keinen nennenswerten Unterschied zur Präsenzprüfung festgestellt. Auch die Note wäre nach unserer Einschätzung nicht anders ausgefallen. Als problematisch empfand ich allerdings das Eindringen in die Privatsphäre des Studenten.

  • E&W: Inwiefern?

Schmidtpott: Der Prüfling muss mit seiner Kamera per 360 Grad-Schwenk durch den Raum beweisen, dass nirgendwo ein Spickzettel hängt. Er muss mit dem Rücken zur Tür sitzen, damit wir sehen können, dass während der Prüfung kein „Flüsterer“ hineinkommt. Und schließlich muss er seine Prüfungssituation, sprich den Bildschirm vor sich fotografieren, damit gewährleistet ist, dass sich auch dort keine unerlaubten Hilfsmittel befinden.

  • E&W: Und wenn das Internet während der Prüfung zusammenbricht?

Schmidtpott: Dann soll die Prüfung so bald wie möglich fortgesetzt werden. Es wird dabei mit einer anderen Frage fortgefahren. Bei wiederholtem Verbindungsabbruch wird die Prüfung gestoppt und im Zweifelsfall in Präsenz wiederholt.

  • E&W: Welche Vorteile bringt das Digitale?

Schmidtpott: Wenn alle ihre Kamera eingeschaltet haben, kann man beispielsweise in der Seminardiskussion schnell einmal ein Papier, einen Text oder Ähnliches zeigen, muss das Dokument nicht erst wandern lassen oder eine Kopie machen. Oder man kann spontan eine Website aufrufen, die alle anschauen können. Dadurch gewinnt die Diskussion an Intensität. Und natürlich wird einiges an Reisetätigkeit eingespart, zum Beispiel Fahrten zu Vortragsveranstaltungen oder Konferenzen.

  • E&W: Was, glauben Sie, bleibt von dieser digitalen Welt in der Nach-Corona-Zeit?

Schmidtpott: Erst einmal bin ich froh, dass der Unibetrieb per Videokonferenz recht gut läuft. Aber ich spüre auch eine gewisse „Bildschirm-Müdigkeit“, die mich in meinem Homeoffice ab und zu befällt. Die Tür- und Angelgespräche mit Kollegen und Kolleginnen, der Austausch am Rande, die Anregungen und Klärungen auf dem kurzen Dienstweg fehlen einfach. Dennoch werden wir wohl mehr Möglichkeiten des Digitalen ausnutzen. Ich kann mir beispielsweise Sprechstunden für Studierende auch online vorstellen – das wäre weniger aufwändig für Studierende, die extra zur Uni anreisen müssen. Das Digitale kann Persönliches und Präsenz zwar nicht ersetzen, es kann aber in manchen Fällen eine sinnvolle alternative Kommunikationsmöglichkeit sein.

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