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„Man muss es wollen und anpacken“

Interview mit Ute Erdsiek-Rave, Bildungsministerin von Schleswig-Holstein

03.02.2011 - Tina Fritsche

E&W: Frau Erdsiek-Rave, als Bildungsministerin von Schleswig-Holstein haben Sie die Umsetzung der inklusiven Schule vorangetrieben. Später haben Sie den Expertenkreis „Inklusive Bildung“ der deutschen Unesco- Kommission initiiert. Warum?
Ute Erdsiek-Rave: Mich treibt dieses Thema um. Ich sehe zwar, dass vieles in Bewegung ist, aber die öffentliche Aufmerksamkeit schwindet wieder. Ich möchte natürlich auch, dass es in meinem Bundesland weiter vorangeht. Wir haben hier konsequent Sonderschulen in Förderzentren weiterentwickelt und sonderpädagogische Kompetenz in die allgemeinbildenden Schulen hineingebracht. Mit der Inklusionsquote stehen wir an der Spitze aller Länder. Es fehlte aber noch die Streichung aller Inklu­sionsvorbe­hal­te, um das Schulgesetz konform zu machen mit der UN-Konvention. Daraus wird mit der neuen schwarz-gelben Landesregierung aber nichts werden. Es fehlte bisher auch an bundesweiter Vernetzung von Wissen und Erfahrung zur inklusiven Bildung, dazu will die UNESCO mit dem Expertenkreis in Zukunft beitragen.

E&W: Mit der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ist inklusive Bildung im Völkerrecht verankert. Deutschland hat das Übereinkommen im Frühjahr 2009 ratifiziert. Wie lange geben uns die Vereinten Nationen Zeit, die Vorgaben zu realisieren?
Erdsiek-Rave: Die Konvention macht keine Zeitvorgabe, aber sie ist nicht unverbindlich, sondern geltendes Recht und ihre Umsetzung wird beobachtet. Das Tempo hängt vom politischen Willen ab, aber auch vom Druck der Betroffenen und von den Schulen selbst. In den nächsten zehn Jahren sollten wir auf den europäischen Durchschnitt kommen. Alles andere wäre ein Armutszeugnis.

E&W: Jedes Kind mit einer geistigen oder auch schweren körperlichen Behinderung muss also die Möglichkeit bekommen, eine allgemeinbildende Schule zu besuchen?
Erdsiek-Rave: Das ist ja der Kern der Konvention, es geht um das Menschenrecht auf inklusive Bildung. Und das betrifft nicht nur Menschen mit Behinderung. Die Sonderschulen für Lernbehinderte etwa haben sich zu Sammelbecken von sozial Benachteiligten und Migrantenkindern entwickelt. Drei von vier machen keinen Schulabschluss. Unsere Aufgabe ist es, diesen jungen Menschen einen Platz zu geben und nicht, sie auszusondern.

E&W: Wie aber sollen die Länder inklusive Schule umsetzen, wenn es schon an der Schulstruktur hakt? Es lässt sich ja offenbar noch nicht einmal ein längeres gemeinsames Lernen einführen, wie man an der Verhinderung der Primarschule in Hamburg sieht.
Erdsiek-Rave: Sicher kann man da einen Zusammenhang sehen. Trotzdem bin ich optimistisch. Das Schulsystem insgesamt ist in Bewegung und damit – davon bin ich überzeugt – ist auch eine Veränderung in Richtung Inklusion möglich. Es wird einfacher, über die Heterogenität von Gruppen zu sprechen, alle Pädagoginnen und Pädagogen vorzubereiten auf gemeinsamen Unterricht und klarzumachen, in welcher Form beide Säulen des zweigliedrigen Systems inklusiv werden sollen.

E&W: Eine Befragung der GEW unter ihren Mitgliedern hat gezeigt, dass zwar eine Mehrheit Inklusion in Bildungseinrichtungen will, aber skeptisch ist, ob und wie sie realisiert werden kann.
Erdsiek-Rave: Ich kann die Sorge und Skepsis der Lehrkräfte gut verstehen. Viele fragen sich, ob sie den Anforderungen, sehr unterschiedliche Kinder gemeinsam zu unterrichten, gewachsen sind. Und kein Lehrender sortiert gerne ein Kind aus oder lässt es zurück. Lehreraus- und -fortbildung sind deshalb zentrale Schlüssel zum Erfolg. Wie bei allen Veränderungen helfen auch hier nur Aufklärung, Fortbildung und Unterstützung.

E&W: Sollten Lehrende selbst initiativ werden, um die inklusive Schule in Bewegung zu bringen?
Erdsiek-Rave: In Schleswig-Holstein beobachte ich, dass der Prozess, den wir begonnen haben, weitergeht, obwohl keine neuen Impulse aus der Landesregierung kommen. Auch in anderen Bundesländern gibt es zum Glück viele Initiativen engagierter Lehrkräfte und Betroffener. Eins ist klar: Man braucht Unterstützung, die Kompetenz der Sonderpädagogen in Schulen und möglichst Bewegung im gesamten Schulumfeld.

E&W: Was halten Sie von dem Argument, Inklusion sei zwar eine schöne Idee, aber letztendlich in der Praxis zu teuer?
Erdsiek-Rave: Inklusion ist keine beliebige Reformidee, die man gut finden oder auch ablehnen kann. Sie muss ­umgesetzt werden und das geht nicht kostenlos. Wir leisten uns ein sehr kos­tenintensives Sonderschulsystem. Der Bildungsforscher Klaus Klemm hat vorgerechnet (s. Seite 12ff.), wie diese Ressourcen für inklusive Schule genutzt werden können, wenn man sie in das Regelschulsystem überführt. Man muss es nur wollen und anpacken.

E&W: Welche Rolle kommt der Kultusminis­terkonferenz (KMK) in diesem Prozess zu?
Erdsiek-Rave: Ach, wissen Sie, es ist ja schon eine große Leistung der KMK, sich trotz 16 unterschiedlicher Schulgesetze überhaupt gemeinsam zu bewegen. Die KMK hat im November eine Vereinbarung zur sonderpädagogischen Förderung verabschiedet, und damit müssen sich die Länder auf den Weg machen. Inklusion ist keine organisatorische Aufgabe und keine Last, sondern eine Leitidee, die dem sozialen Leben an Schulen gut tut.

 

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