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Malaysisch-deutscher Austausch zu Kinderarbeit

05.12.2017 - Susanne Hemmerling

Das Französische Gymnasium Berlin hatte im November Besuch von malaiischen Schülerinnen der 10. Klasse. Gemeinsam mit ihren deutschen Austauschschülerinnen und -schülern haben sie einen Tag lang Wege aus der Kinderarbeit diskutiert.

Mitten im vollen Schulaustausch-Programm zwischen Bundestagsbesuch, Museumsmarathon und Filmanalyse von Sergej Eisensteins „Oktober“ steht der Projekttag zu Kinderarbeit. 22 Schülerinnen der Schule „SMK I.J. Convent“ in Malaysia im Alter von 15 und 16 Jahren sind bereits am frühen Montagmorgen bereit und munter um sich mit Schüler*innen des Französischen Gymnasiums am Tiergarten über das ernste Thema auszutauschen. Den didaktischen Rahmen haben ihre Begleitlehrerinnen Uscha und Elizabeth vorbereitet, gemeinsam mit stellvertretenden Schulleiter der deutschen Austauschschule, David. Arbeitsmaterialien hat fair childhood zur Verfügung gestellt, die Stiftungsreferentin Susanne ist ebenfalls angereist und steigt zunächst mit den malaiischen Schülerinnen ins Thema ein.

„Vielleicht wird Kinderarbeit in Malaysia nicht offiziell erfasst, aber ich halte es für wahrscheinlich, dass sie gerade ländlichen Gegenden durchaus vorkommt“

Im Rollenspiel-Warmup erleben die Mädchen wie gut es sich anfühlt freien Zugang zu Bildung, gut bezahlte Arbeit und medizinische Versorgung genießen zu können, und was es bedeutet davon abgehängt zu sein, ausgebeutet und ausgegrenzt zu werden. Im Laufe des Tages werden wir immer wieder darüber sprechen, dass ein von materiellen Ängsten weitgehend freies Leben keine Selbstverständlichkeit für alle Menschen ist.

In ihrer Heimatstadt Johor Bahru, direkt an der malaysisch-singapurischen Grenze, haben die Mädchen zur Vorbereitung bereits Berichte zu Kinderarbeit studiert. Offizielle Zahlen über Kinderarbeit in ihrem Heimatland gibt es keine. In Gruppen erarbeiten sie Facetten und Ursachen von Kinderarbeit und staatliche Handlungsmöglichkeiten zur Bekämpfung heraus. Fehlender Zugang zu Bildung, besonders von Mädchen, spielt offenbar eine wichtige Rolle. Austauschschülerin Sandra betont aber, dass finanzielle Bedürfnisse die Hauptursache für Kinderarbeit seien. Und ihre Einschätzung zu Kinderarbeit in Malaysia? „Vielleicht wird Kinderarbeit in Malaysia nicht offiziell erfasst, aber ich halte es für wahrscheinlich, dass sie gerade ländlichen Gegenden durchaus vorkommt“, vermutet sie.

„Ich war schon als Kind darüber informiert, was in der Welt passiert. Das hilft auch dabei Kinderarbeit besser zu verstehen“

Nach der Mittagspause stoßen deutsche Schülerinnen und Schüler dazu. Durch die gemischten Gruppenarbeiten führt Thomas, Englisch- und Geschichtslehrer, und ermuntert die Schüler*innen immer wieder zum kritischen Hinterfragen lokaler Probleme in globalen Zusammenhängen. Moderne Sklaverei liegt ihm als Unterrichtsthema am Herzen, Ausbeutung anhand von Kinderarbeit zu erklären fällt ihm leicht. Beim Bilderrundgang durch viele Kinderarbeitsbeispiele stellen die Schüler*innen heraus, dass Kinderarbeit sehr vielfältig ist und auch mit dem Konsumverhalten von Menschen in weiter entfernten Erdteilen zusammenhängt. Dass wird auch in der anschließend geschauten Doku deutlich, in der die zwölfjährige Zara aus dem Leben ihrer Familie als Saisonarbeiterinnen und Erntehelfer in der Türkei berichtet, wodurch sie jedes Jahre viele Wochen Schulunterricht verpasst, obwohl der Schulabschluss für ihren Berufswunsch Krankenpflegerin sehr wichtig ist. Die Schokoprodukte mit den Haselnüssen aus ihrer Ernte sind für sie selbst unerschwinglich.

In der anschließenden Diskussion werden sich die Schüler*innen einig, dass nachhaltig und fair zu kaufen eine gute Möglichkeit ist, selbst etwas gegen Ausbeutung von Kindern, und auch von Erwachsenen, zu tun. Jesseca, Schülerin des Französischen Gymnasiums, gelingt es mühelos Kinderarbeit in den Zusammenhang mit Migration zu setzen und kennt viele Beispiele für Ausbeutung. Das Thema liegt ihr. Ihr globales Wissen, sagt sie auf Nachfrage, hat sie schon über ihre Eltern mitbekommen. „Meine Eltern haben schon immer internationale Nachrichten geschaut, und ich war schon als Kind darüber informiert, was in der Welt passiert. Das hilft auch dabei Kinderarbeit besser zu verstehen“,  erklärt die Schülerin.

In der abschließenden Diskussion berichtet Susanne aus den Projekten der GEW-Stiftung fair childhood und ihren Erfahrungen mit der Bekämpfung von Kinderarbeit vor Ort. Ob nicht Geburtenkontrolle ein geeignetes Mittel gegen Übervölkerung, und damit Armut und Kinderarbeit sei, möchten ein paar Schülerinnen wissen. Oder wenn Kinder kriegen an das Einkommen gekoppelt wäre? „Nein“, macht Susanne deutlich „denn wie würde es sich für euch anfühlen, wenn euch jemand sagt dass ihr nur ein Kind und eure Nachbarn drei haben dürfen, weil sie mehr verdienen?“ Der Gegenvorschlag stattdessen Familien sozialpolitisch zu unterstützen, den Bildungszugang zu verbessern und Frauenrechte zu stärken, stößt auf breite Zustimmung der Mädchen. Denn dort wo Mädchen und Frauen sich selbstbestimmt bilden können, sinkt die Geburtenrate, geht das Armutsrisiko zurück, und damit auch Kinderarbeit.

Anhand vieler Beispiele macht die GEW-Referentin deutlich, dass Schulen bauen und Geld geben allein nicht reicht, sondern dass der Wunsch zur Veränderung von den Menschen aus Regionen mit Kinderarbeit selbst kommen muss. Die Schülerinnen wollen auch wissen, welche Schwierigkeiten es bei der Bekämpfung von Kinderarbeit gibt. Als eine der größten Herausforderungen steht der Spagat an vorderer Stelle, den jede Non-Profit-Organisation leisten muss: Angebote machen, unterstützen und helfen, und dabei den Staat als eigentlich verantwortlichen Akteur nicht aus seiner Pflicht zu entlassen oder gar zu ersetzen.

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