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Deutscher Schulpreis„Macht das Beste aus euren Schülern!“

Die Integrierte Gesamtschule List in Hannover ist 2018 Preisträgerin beim Deutschen Schulpreis. Feedbackkultur und Zusammenarbeit bestimmen den Unterrichtsalltag. „Mein Stichwort, um die Schule zu beschreiben, lautet Team“, sagt eine Lehrerin.

10.09.2018 - Esther Geißlinger, freie Journalistin

Das Huhn hockt vertrauensvoll in Sarah Schwallichs Händen. Die Schülerin betreut das Tier schon, seit es aus dem Ei geschlüpft ist. Täglich geht die 13-Jährige mit ihrer Freundin Karla Flebbe in das Hühnergehege, das Teil des kleinen Schulzoos der Integrierten Gesamtschule (IGS) List in Hannover ist. Auch Meerschweinchen sowie einige Reptilien in einem Terrarium gehören zum Bestand und müssen täglich betreut werden. Kindern Verantwortung zu übertragen, ist Teil des pädagogischen Konzepts und eines der vielen Bausteinchen, die diese Schule so besonders machen. In diesem Jahr wurde die IGS List dafür mit einem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet.

Schulleiter Oswald Nachtwey hat lange dafür gearbeitet: Seit 2006 hat sich die IGS mehrfach um den Schulpreis beworben und bereits einige Nominierungen erhalten. Es wieder und wieder zu versuchen, das zeugt von langem Atem – und von dem Wissen, hier preiswürdige Arbeit zu leisten. Nachtwey sitzt in seinem Büro, ein schmaler Mann mit Brille und Wildlederjacke. Eigentlich hat er wenig Zeit, aber wenn er erst einmal anfängt, über seine Schule zu sprechen, kann er nicht so schnell wieder aufhören. Das Konzept der IGS List lässt sich mit einem Satz zusammenfassen: „Macht das Beste aus euren Schülern!“ Es gibt kein Sitzenbleiben oder Abschulen, die Kinder bleiben von Klasse 5 bis Klasse 10 im Klassenverband und im Jahrgang zusammen. Erst danach wechseln die Jugendlichen in die Oberstufe, die drei IGSen gemeinsam bilden.

Dort sind alle Abschlüsse bis zum Abitur möglich. So wie Klassen und Jahrgang feste Teams bilden, tun es auch die Lehrkräfte. Ein Tandem, meist aus einer Frau und einem Mann, führt jede Klasse. Die Klassenlehrer-Duos bilden das Jahrgangsteam, auch die Fachlehrer sitzen in festen Runden zusammen. Dadurch ist praktisch jede und jeder sowohl in ein Klassenlehrer-Tandem eingebunden als auch Mitglied einer Fachkonferenz. Teamwork gilt ebenfalls für die Schulleitung: „Das geht gar nicht anders“, sagt Nachwey. „Für so ein komplexes System braucht man das Wissen vieler.“

„Unser Ziel ist, dass kein Kind ohne Abschluss geht.“ (Oswald Nchtwey)

Ein zweiter Baustein heißt Rückkopplung. Was läuft gut, wo hakt es? Die „Feedbackkultur“ ist einer der Punkte, auf die die IGS in ihrer Bewerbung um den Schulpreis besonderes Gewicht gelegt hat. Wie das im Alltag aussieht, zeigen Milena Wolf und Lisa Victor mit ihren „LEOs“. Die Abkürzung steht für „Lern-Entwicklungs-Ordner“. Mit Zeichnungen und Aufklebern haben die Mädchen die Vorderseite der Ordner selbst gestaltet, auf der Innenseite kleben Fotos. Der LEO begleitet die Kinder durch ihr Schulleben, er soll etwas sein, das sie gern in die Hand nehmen. Lisa klappt den Ordner auf und zeigt ein Blatt mit einem vorgedruckten, vielfach unterteilten Kreis. Einige Felder hat sie mit Buntstift ausgemalt: Es handelt sich um eine Selbstbeurteilung. Hat sie ihre Englisch-Vokabeln gut gelernt, hat sie in Mathe die Formel wirklich begriffen? So ganz einfach sei das nicht, sich selbst ehrlich zu bewerten, sagen die beiden Sechstklässlerinnen. „Aber es geht schon“, meint die 12-jährige Milena. „Man denkt über sich nach.“ Die Lehrkräfte vergleichen die Selbstwahrnehmung regelmäßig mit ihrer Einschätzung. Abweichungen werden besprochen.

Früher gab es Feedback vor allem in den Zeugnissen. Doch die zwölfseitigen Berichte kosteten die Lehrkräfte viel Zeit und wurden in vielen Familien gar nicht richtig gelesen. Frust auf beiden Seiten. Die neue Feedbackkultur sieht vor, schneller rückzumelden. Nach den Sommerferien besprechen die Klassenlehrkräfte mit jedem Kind persönliche Ziele für das neue Schuljahr: „Ich will mich öfter melden.“ Oder: „Ich will Hausaufgaben ordentlich erledigen.“ Zum Halbjahr werden die Eltern einbezogen. Der Trialog, an dem Kinder, Eltern und Lehrkraft teilnehmen, ist ein verbindliches Element, in dem Stärken und Schwächen benannt und Ziele für die nächsten Monate festgelegt werden. Wie schön Rückmeldungen sein können, berichten Lisa und Milena: „Einmal haben wir uns gegenseitig Zettel ans T-Shirt geheftet, auf denen stand, was wir aneinander gut finden.“

Der Erfolg gibt der Schule recht: Im Landesvergleich erreicht die IGS List überdurchschnittlich gute Werte, obwohl in den fünften Klassen nur ein Drittel der Kinder eine Empfehlung für das Gymnasium hat. „Unser Ziel ist, dass kein Kind ohne Abschluss geht“, sagt Schulleiter Nachtwey. Zurzeit beträgt die Abbrecherquote 1 Prozent – über 5 Prozent sind es in Niedersachsen im Schnitt.

„Es ist schon interessant zu sehen, dass Menschen, auch aus der Politik, unsere Arbeit loben, aber ihre eigenen Kinder dann auf ein Gymnasium schicken.“ (Nachtwey)

Die IGS liegt im eher bürgerlichen Viertel List der Landeshauptstadt, Wand an Wand mit einem Gymnasium, mit dem sich die IGS auch Sporthalle und Aula teilt. Es herrscht Trubel an der Schule: Während einer Projektwoche probieren die Kinder Dinge jenseits des normalen Unterrichts aus. In der Aula probt eine Theater-AG, in der Sporthalle werden Bälle gedribbelt. Überall in den weißen Gebäuden, die um den mit Fußballtoren ausgestatteten Pausenhof gruppiert sind, hallen Stimmen. Die Gebäude sind freundlich gestrichen und frisch saniert – der Rahmen stimmt. Aber die Schule legt Wert darauf, immer weiter an sich zu arbeiten, ein „lernendes System“ zu sein.

Dazu gehört auch, sich mit anderen Schulen zusammenzutun. So ist Nachtwey nicht nur Leiter der IGS, sondern auch Vorsitzender des Qualitätsnetzwerks der Integrierten Gesamtschulen der Region, dem 31 IGSen angeschlossen sind. In dieser Funktion führte er in den vergangenen Jahren harte Debatten mit dem Land Niedersachsen um Inklusion. Nachwey ärgert, dass Gymnasien sich meist weigern, Kinder mit geistigen Behinderungen oder Lernschwächen aufzunehmen. Die IGS List steht seit 2013 für Kinder mit Förderbedarf offen. Gleichzeitig ist die Schule seit 2005 Mitglied im Kooperationsverbund Hochbegabtenförderung. Im Unterricht behandelt die ganze Klasse ein Thema, aber jedes Kind lernt in seinem Tempo und mit seinen Zielen.

Ob ein Titel wie der Schulpreis hilft, gegenüber der Politik stärker aufzutreten? Nachtwey wiegt den Kopf: Dieser Gedanke habe bei der Bewerbung keine Rolle gespielt. „Aber es ist schon interessant zu sehen, dass Menschen, auch aus der Politik, unsere Arbeit loben, aber ihre eigenen Kinder dann auf ein Gymnasium schicken“, sagt der Pädagoge.

„Mein Stichwort, um die Schule zu beschreiben, lautet Team.“ (Gisela Meyer)

„Lernendes System“ bedeutet auch, gute Ideen anderer zu übernehmen. Dazu zählt die „Herausforderung“, die in Berlin entwickelt wurde. Idee dahinter: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen sich Ziele setzen, sich bewähren, ihre Grenzen erfahren und Vertrauen in die eigene Leistung entwickeln. Zum zweiten Mal fand das Projekt an der IGS List statt, nun bereiten die Achtklässler, die teilgenommen haben, ihre Präsentation vor. Mehr oder weniger ernsthaft: Auf einem Flur im Erdgeschoss schieben zwei Jungen einen dritten, der auf einem Longboard hockt. Johlend saust er den Gang entlang. Die Skateboards spielten in ihrer „Herausforderung“ eine zentrale Rolle. Drei Gruppen waren jeweils mehrere Tage unterwegs. Sie mussten mit wenig Geld, ohne Smartphone und fremde Hilfe eine lange Strecke zu Fuß, per Fahrrad oder eben mit dem Longboard zurückgelegen. Ob sich die Eltern keine Sorgen gemacht haben? Der 14-jährige Felix Hindahl schüttelt den Kopf. „Die fanden es cool, und meine Schwester war froh, dass ich eine Weile nicht zu Hause war.“ Er und seine Gruppe haben in Gemeindezentren übernachtet, um Geld zu sparen, und sich fast nie verirrt.

„Ein großartiges Projekt“, findet Gisela Meyer. Die Lehrerin hat das Abenteuer vorbereitet, ist selbst aber nicht mitgereist. Die Mädchen und Jungen, die zwischen 14 und 15 Jahre alt sind, mussten ihre Tour selbst meistern, als Begleitung waren ältere Jugendliche im sozialen Jahr dabei. Neues probieren, Schule immer weiter denken – all das seien wichtige Elemente der Lernkultur an der IGS List. „Aber mein Stichwort, um die Schule zu beschreiben, lautet Team“, sagt Meyer.

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