GEW - Die Bildungsgewerkschaft
Du bist hier:

CoronapandemieLüften und Masken tragen

Trotz Coronavirus hat das Schuljahr fast mit Normalbetrieb begonnen, meist ohne Maskenpflicht und mit wenigen Hygieneauflagen. Der Virologe Martin Stürmer, der selbst infiziert war, ist indes für einen Mund-Nasen-Schutz – auch im Klassenzimmer.

08.10.2020 - Interview: Sven Heitkamp, freier Journalist

  • E&W: In den Schulen sind die Klassenzimmer meist wieder voll, es gibt kaum Abstände, kaum eine Maskenpflicht – und das in geschlossenen Räumen. Ideale Bedingungen also für Neuinfektionen?

Martin Stürmer: In der wärmeren Zeit nach den Sommerferien konnte man das Ansteckungsrisiko durch permanente Frischluftzufuhr und viele Pausenhofzeiten sicher abmildern. Im Herbst aber, wenn es zunehmend kälter wird, sehe ich wachsende Risiken. Für das Corona-Virus SARS-CoV-2 herrschen dann im Unterricht leider optimale Verbreitungsmöglichkeiten. Umso wichtiger werden jetzt mehr Unterbrechungen, um gründlich durchzulüften. Damit könnte man trotz der Enge und des Fehlens von Masken eine gewisse Sicherheit schaffen. Für einen besseren Schutz der Gesundheit sollte man meines Erachtens den 45-Minuten-Fahrplan des Unterrichts für eine Übergangszeit modifizieren und mehr Zeiten für frische Luft einplanen.

  • E&W: Reichen aus Ihrer Sicht die Schutzvorkehrungen der Schulen aus?

Stürmer: Manche technischen Möglichkeiten, die weiterhelfen könnten, werden noch viel zu wenig genutzt. Zum einen gibt es mobile Luftfilter, die die Aerosole in der Luft abreichern und die man in Klassenzimmern aufstellen kann. Studien der Bundeswehr-Universität München haben mit solchen Luftreinigern für wenige Tausend Euro schon sehr gute Ergebnisse gezeigt. Zum Zweiten könnte man den CO2-Gehalt in den Klassenzimmern kontinuierlich messen und einen Schwellwert festlegen, bei dem eine Pause eingelegt und ordentlich durchgelüftet wird. Das funktioniert schon mit Geräten für etwa 100 Euro. Das Verfahren wäre nicht nur in Corona-Zeiten hilfreich, um Aerosole zu reduzieren, sondern könnte generell für bessere Luft im Klassenzimmer sorgen.

  • E&W: Sollten Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler im Unterricht Masken tragen?

Stürmer: Ich hielte es in diesem Herbst und Winter für das Mittel der Wahl, dass Lehrerinnen und Lehrer wie auch Schülerinnen und Schüler Masken im Unterricht tragen – auch wenn das von vielen Lehrkräften kritisch gesehen wird. Natürlich muss man zugleich dafür sorgen, dass diese Regel nicht zu einem permanenten Maskentragen führt. Es muss zwischendurch immer wieder Gelegenheiten geben, den Mund-Nasen-Schutz gefahrlos abzulegen und frische Luft zu tanken. Dafür muss es Konzepte geben. Zum Beispiel könnte man die Maske in Pausenzeiten auf dem Schulhof weglassen – statt sie gerade dann zu tragen, wie es zurzeit vielerorts praktiziert wird. Zudem könnte man mehr Pausenzeiten einplanen.

  • E&W: Erste Studien im In- und Ausland haben gezeigt, dass das Ansteckungsrisiko durch Schülerinnen und Schüler sehr gering ist – es gibt kaum Beispiele für solche Übertragungen. Wie groß schätzen Sie die Gefahr von Infektionen in Schulen und Kitas generell ein?

Stürmer: Kitas und Schulen sehe ich tatsächlich nicht als Hotspots, an denen wir viele und massive Covid-19-Ausbrüche erleben werden. Kinder haben zwar auch ein Risiko, sich und andere zu infizieren. Solche Beispiele gibt es. Bei den bisherigen Infektionsfällen hatten sich die Betroffenen aber primär außerhalb der Schule angesteckt, die jeweilige Klasse wurde dann vorsorglich in Quarantäne geschickt. Von einer Infektionsweitergabe unmittelbar an Schulen kenne ich bisher in Deutschland noch keine Fallberichte – was nicht heißen soll, dass sich die Lage in diesem Herbst nicht ändern könnte.

  • E&W: Wie groß ist aus Ihrer Sicht das Ansteckungsrisiko für die Pädagoginnen und Pädagogen?

Stürmer: Bloß, weil es bisher in den Schulen und Kitas kaum Ansteckungen gab, heißt das nicht, dass dies nicht passieren kann. Ich kann gut verstehen, dass besonders ältere Kolleginnen und Kollegen große Bedenken haben. Daher gibt es einige Schulen, die eine Maskenpflicht verhängen, auch wenn dies vom jeweiligen Bundesland gar nicht gefordert wird. Wenn man sich individuell schützen möchte, rate ich zur FFP2-Maske, weil nur sie die Aerosole mit einer hohen Wirksamkeit abhält.

  • E&W: Wie schätzen Sie die Situation speziell in den Kitas ein?

Stürmer: Es wird sicher nicht möglich sein, das Risiko in den Kitas auf null zu senken. Tendenziell gilt nach wie vor: Je kleiner die Kinder sind, umso weniger infizieren sie sich und umso besser überstehen sie eine Infektion. Allerdings sind viele Thesen, über die wir zurzeit verfügen, in der Notbetreuung entstanden und nicht im Regelbetrieb. Am sinnvollsten ist es sicher, die Gruppen klein zu halten und dort, wo dies möglich ist, sie nicht zu durchmischen. Mehr wird man – neben guter Lüftung – zur Risikominimierung in Kitas nicht tun können.

  • E&W: Sollte eine Schule mit einer vollständigen Schließung reagieren, wenn ein positiv getesteter Corona-Fall auftritt, wie dies ja schon teilweise zu Beginn dieses Schuljahres geschehen ist?

Stürmer: Das hängt vom Konzept der Schule ab. Wenn die Lerngruppen gut voneinander getrennt und nachverfolgbar sind, kann man auch eine einzelne Lerngruppe isoliert in Quarantäne schicken. Sollte aber zum Beispiel eine Lehrkraft betroffen sein, die mehrere Klassen betreut, wird das Trennen sicher schwierig. Daher muss es lokale und individuelle Antworten geben.

  • E&W: Erwarten Sie eine zweite große Welle – oder wird es bald wieder einen ganz regulären Schulbetrieb geben?

Stürmer: Je mehr sich unser Alltag mit der kalten Witterung in geschlossene Räume verlagert, umso mehr werden wir flächendeckend steigende Infektionszahlen sehen. Ich bin dennoch guter Dinge, dass wir dank bisheriger Erfahrungen eine zweite große Welle vermeiden können, wenn sich alle Beteiligten zusammenreißen. Und ich bin optimistisch, dass wir nächstes Jahr einen Impfstoff bekommen und die Einschränkungen beherrschbar werden. Viele Einschnitte, über die wir jetzt diskutieren, sind also hoffentlich nur für das laufende Schuljahr notwendig. Danach können wir, wenn alles gut läuft, deutlich entspannter zu einer Normalität zurückkehren – aber ich hoffe mit ein paar Lehren aus der Corona-Zeit.

  • E&W: Welche Lehren sollten dies sein?

Stürmer: Wichtig wären generell eine stärkere Einhaltung einfacher hygienischer Maßnahmen im Schulalltag. Auch die neuen Formate von Schule und Arbeit, die durch Corona plötzlich wichtig wurden, wie mehr Homeoffice und Online-Meetings sowie mehr digitaler Unterricht, sollten in Zukunft weiter genutzt werden.