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Coronapandemie„Lüften, lüften, lüften“

Alle 20 Minuten sollen im Unterricht die Fenster aufgerissen werden, in den Pausen zusätzlich die Türen. So hat es das „Expertengespräch Lüften in Schulräumen“ der Kultusministerkonferenz beschlossen. Doch genügt das?

12.11.2020 - Jeannette Goddar, freie Journalistin

Es ist 14 Uhr, für den Physiklehrer Christian Strube beginnt die 7. Stunde im Raum 2.50 des Berliner Robert-Havemann-Gymnasiums. Über der Tür hängt ein CO2-Messgerät, bezahlt mit einem der zahlreichen Preisgelder, die die Schule für ihre Klimaschutzprojekte erhalten hat. Mit Lüften kennt man sich also aus; seit Jahren informieren zu Energieberatern fortgebildete Schülerinnen und Schüler andere Berliner Schulen. Wichtige Regeln: Der CO2-Wert von 1.000 ppm (parts per million) soll nicht überschritten werden. Und, so steht es schon seit Vor-Corona-Zeiten auf einem Plakat: „Kippen hilft nicht.“ Bekannt ist auch: Die Grenze von 1.000 ppm, „früher“ nur aus Gründen der Konzentration gesetzt, gilt nun auch wegen der Ansteckungsgefahr: Je mehr CO2, desto mehr Aerosole.

Im Raum 2.50 pendelt sich der Wert, als alle 32 (!) Schülerinnen und Schüler sitzen, bei rund 900 ein. Strube beginnt die Stunde mit einem Erklärfilm, für den die Vorhänge geschlossen werden müssen. Die Fenster bleiben angelehnt. 940, 965, 999 ... 1.005, nach sieben Minuten ist die 1.000 gerissen, nach zehn Minuten zeigt die Anzeige schon 1.200 ppm an. Sie auf 900, dann 800 zu senken, dauert, bei wieder weit geöffneten Fenstern, rund zwei Minuten. Allerdings um einen Preis, den man sich in diesen Zeiten kaum zu erwähnen traut: Bei jedem vorbeifahrenden Auto, erst recht bei Motorrädern, verstehen von den 32 Schülern nur die Umsitzenden, wenn einer spricht.

Was wird im Winter?

„Aber Herr Strube“, fragt ein Schüler, „wie soll das denn im Winter werden?“ – „Tja“, sagt der Lehrer, „wir müssen uns etwas einfallen lassen. Wenn wir die Fenster offenlassen, werdet ihr krank. Und die Heizung reguliert den Raum auf 20 Grad hoch; wir heizen also monatelang zum Fenster hinaus.“ Selbst in dem Gymnasium, dem schon zu vielen klimatischen Problemen etwas eingefallen ist, sind sie derzeit ratlos: „Wir könnten beim Stoßlüften in eins der Fenster einen Ventilator stellen. Dann geht die Umwälzung schneller“, überlegt Strube. Richtig viel bringen, sagt er, würden aber nur Lüftungsanlagen: „Die saugen 60 Kubikmeter pro Stunde, fast lautlos.“ Nach einer Bezirksabfrage der Berliner Schulverwaltung vom August gibt es zwar an einer Reihe Schulen solche Anlagen; allerdings zumeist in Turnhallen oder Küchen. Das einzige Bundesland, das (bis Anfang Oktober) angekündigt hat, 50 Millionen Euro für Lüftungsanlagen zur Verfügung zu stellen, ist Bayern.

Damit regelmäßig gelüftet wird, braucht es mindestens CO2-Geräte. Das ist die Erfahrung der Energieberater am Robert-Havemann-Gymnasium, die jüngst die Schülerfirma energyECO gegründet haben. Außer zum Klimaschutz sind sie nun auch beratend in Sachen Aerosol-Prävention unterwegs, auf ihrem jüngsten Plakat steht: „Nur Lüften hilft. Gegen Corona. Für gutes Lernklima. Für Energieeffizienz.“ So bekannt sind sie schon, dass Andreas Otto, baupolitischer Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus, heute zu Gast ist. Er hat über einen Test von der Schülergruppe gehört, mit dem diese – vor Corona – überprüfte, wie es um das Lüften bestellt ist: „Die Ergebnisse in Räumen mit CO2-Messgerät waren viel besser als in denen ohne“, erklärt der 16-jährige Levi Perner. Am besten seien Geräte, wie sie im Raum 2.50 hängen: kein kleiner Sensor, sondern für alle sichtbar, mit Zahlenwerten statt Rot und Grün.

Ein Gerät, das die Schülerfirma gut findet und nach den Sommerferien zusammen mit den Info-Plakaten sogar selbst vertrieb, kostet rund 150 Euro. Inzwischen ist es – wenig überraschend – ausverkauft. Und nun? Energieberater Bela Gruhl sagt: „Nun versuchen wir, die Komponenten aufzutreiben und selbst Geräte zu bauen.“