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Lohnlücke wird zur Rentenfalle

14.11.2016 - Frauke Gützkow, im GEW-Vorstand für Frauen- und Seniorenpolitik verantwortlich

Die Altersrenten von Frauen und Männern klaffen nach wie vor weit auseinander. Dass Frauenrenten weiter so niedrig ausfallen, zeigt, dass die geschlechterbedingte Arbeitsteilung noch immer ein zentrales Thema ist. Die Politik muss umsteuern.

Die durchschnittlichen Altersrenten von Frauen und Männern liegen noch immer weit auseinander: Eine Erzieherin (97 Prozent Frauenanteil im Erzieherberuf) beispielsweise erreicht nach 40 Beitragsjahren lediglich eine Rente, die bei rund 60 Prozent des Alterseinkommens eines Facharbeiters in der Metallbranche liegt. Das macht zweierlei deutlich: Die traditionelle Arbeitsteilung von Männern und Frauen lebt fort und spiegelt sich nach wie vor auf dem Arbeitsmarkt wider. Zudem sind es noch immer die Frauen, die für die Familie beruflich zurückstecken und deswegen in Teilzeit gehen.

Kürzere Wochenarbeitszeiten bedingen geringere Einzahlungen in die gesetzliche Rentenversicherung und wirken sich im Alter in niedrigeren Renteneinkommen aus. Das ist Fakt. Ein weiteres Manko: Frauen unterbrechen ihre Erwerbstätigkeit häufiger für längere Zeit, weil sie Kinderbetreuung oder Pflegeaufgaben übernehmen. Und immer noch sind sie es, die einen sehr hohen Preis für ihre familiäre (Allein-)Zuständigkeit zahlen.

Schmale Renten sind allerdings nicht nur Folge individueller weiblicher Erwerbsbiografien, sondern auch Ausdruck diskriminierender Arbeitsmarktpolitik: Frauen arbeiten nicht selten – mangels Alternativen – in Minijobs oder in sogenannten Frauenberufen, die schlecht bezahlt werden. Hinzu kommt, dass viele Branchen häufig nur Teilzeitplätze anbieten. Das trifft nicht nur auf Einzelhandel, Gastronomie oder Reinigungsgewerbe, sondern ebenso auf Arbeitsplätze in Kitas und Horten, an Hochschulen und in der Weiterbildung zu. Frauen werden so oft in die Zuverdienstrolle gedrängt, ihren Lebensunterhalt können sie daher nicht alleine bestreiten. Die Lohnlücke wird zur Rentenfalle.

"Die kurze Vollzeit für alle ist eine politische Zielmarke."

 

Mit seinem Motto "Rente muss für ein gutes Leben reichen" kämpft der DGB für einen Kurswechsel in der Rentenpolitik. Als erster Schritt soll das Niveau gesetzlicher Rente stabilisiert werden. Das ist gerade für Arbeitnehmerinnen wichtig, für die die gesetzliche Rente die wichtigste Säule der Alterssicherung ist – vor allem dann, wenn sie keine Betriebsrente oder nicht den finanziellen Spielraum haben, zusätzlich privat vorzusorgen. Fest steht: Die Höhe der Renten ist ein Spiegelbild des Erwerbsverlaufs, der nachträglich nicht korrigiert werden kann. Deshalb will der DGB, dass Politik einen sozialen Ausgleich für Geringverdienende schafft.

Die Gewerkschaften fordern für diese Gruppe, zu der viele Frauen gehören, eine Rente nach Mindestentgeltpunkten, das heißt die Rentenpunkte sollten auf 75 Prozent des durchschnittlichen Renteneinkommens aufgestockt werden. Die Arbeitnehmerorganisationen machen sich zudem für einen sozialen Rentenausgleich aller Frauen und Männer stark, die gesellschaftlich notwendige Arbeit leisten beziehungsweise geleistet haben. Erziehungs- und Pflegezeiten müssen materiell stärker berücksichtigt werden.

Dass Frauenrenten heute noch so niedrig ausfallen, zeigt, dass die geschlechterbedingte Arbeitsteilung nicht nur ein zentrales Thema war, sondern immer noch ist. Hier muss Politik umsteuern. Sicher, Teilzeit der Familie zuliebe, ist eine Ursache von Altersarmut und finanzieller Abhängigkeit. Aber: Gute Arbeit ist vor allem eine, von der Frauen wie Männer auch mit ihren Altersrenten ihre Existenz sichern können. Auf der gewerkschaftlichen Agenda steht – nicht nur mit Blick auf die Rente – auch eine andere Arbeitszeitpolitik. Erwerbs- und Familienarbeit sollten sich Männer und Frauen künftig gerechter zeitlich aufteilen können.

Die "kurze Vollzeit" für alle ist eine politische Zielmarke, das heißt eine wöchentliche Arbeitszeit von circa 32 Stunden als Richtgröße für Männer wie für Frauen, von der je nach Lebensphase und –form nach oben und unten abgewichen werden kann. Sie wäre nicht nur ein wichtiger Schritt, der Frauen vor Altersarmut schützen könnte, sondern auch eine Voraussetzung, Männern die partnerschaftliche Übernahme von Familienarbeit zu ermöglichen.

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