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BuchtippLesePeter Februar für das Jugendbuch „Sankt Irgendwas“

„Sankt Irgendwas“ von Tamara Bach erzählt aus Sicht der Jugendlichen und in einem ausgefallenen Protokollstil von den Erlebnissen einer Klassenfahrt. Die Jury vergab dafür den LesePeter für den Monat Februar 2021.

01.02.2021

Abschlussfahrten in zehnten Klassen sind besonders, weil eine lang gewachsene Gemeinschaft mit dem Wissen unterwegs ist, bald getrennte Wege zu gehen. Das schweißt zusammen. Die 10b hat gar nichts Böses im Sinn, aber die Front zwischen ihr und ihrem Klassenleiter verhärtet sich zunehmend. Herr Dr. Utz steht kurz vor der Pension und organisiert die Klassenreise im traditionellen Format mit zahlreichen Lernangeboten. Doch irgendwann ist es auch mal gut mit Sanktionen, und das Abenteuer beginnt.  

Manifest über die Bedeutung von Klassenfahrten

Die Autorin Tamara Bach bringt in Form einer Collage-artigen Erzählsituation die Ereignisse der Klasse 10b zum einen aus dem Kollektiv der Schülerperspektive, zum anderen aus dem sachlichen Berichtstils des Klassenleiters virtuos zusammen. Faktisch realisiert sie dies aus einer Komposition von Tagesprotokollen verschiedener Schülerinnen und Schüler, zwei Mails des Klassenleiters an die Eltern sowie einer Rahmenhandlung von lose wirkenden Gerüchten und Vermutungen von Mitschülerinnen und Mitschülern aus den Parallelklassen. In Form eines Prologs mutmaßen diese Stimmen, was auf der Klassenreise passiert sein muss, dass die Eltern nun zu einem Elternabend geladen sind. Spekuliert wird über einen Brandanschlag, eine Explosion am Flughafen, über Drogenkonsum und mögliche Sanktionen für die ganze Klasse.

Bach entwirft ein unterhaltsames Manifest über Gerechtigkeit und die eigentliche Bedeutung von Klassenfahrten. Natürlich schwingt in der klischeehaften Darstellung von stereotypen Lehrkräften ein gewisser Beigeschmack über das häufig in Verruf geratene Berufsbild der Pädagogen mit. Viel prägnanter bleibt aber die Dramaturgie des Handlungsverlaufs. Eine überraschende Wendung verleiht der Erzählung nicht nur Heiterkeit, sondern zeigt auch Mitgefühl. „Sankt Irgendwann“ eignet sich sowohl als Lektüre für die Freizeit als auch für den Unterricht. Gesprächsstoff bietet sie in jedem Fall.

Klassenfahrten bleiben meistens dann in guter Erinnerung, wenn sie aus einer gesunden Mischung von ritualisierten Praktiken, die sich über Generationen bewährt haben und aus den individuellen Ausgestaltungen der beteiligten Akteure bestehen. Tamara Bach weiß diese Anteile virtuos miteinander zu verbinden, indem sie in Form einer Collage-artigen Erzählsituation die Ereignisse der Klasse 10b zum einen aus dem Kollektiv der Schülerperspektive, zum anderen aus dem sachlichen Berichtstil des Klassenleiters zusammenbringt.

Faktisch realisiert die für den novellenartigen Roman bekannte Autorin dies aus einer Komposition von Tagesprotokollen, die verschiedene Schülerinnen und Schüler zunächst noch nach relativ nachvollziehbaren Vorgaben anfertigen, zwei Mails des Klassenleiters an die Eltern sowie einer Rahmenhandlung von lose wirkenden Gerüchten und Vermutungen von Mitschülerinnen und Mitschülern aus den Parallelklassen.

Vom Tatsachenbericht zum Klassentagebuch

In Form eines Prologs mutmaßen diese Stimmen, was denn auf der besagten Klassenreise passiert sein muss, dass die Eltern nun zu einem Elternabend geladen sind. Spekuliert wird über einen Brandanschlag, eine Explosion am Flughafen, über Drogenkonsum und mögliche Sanktionen für die ganze Klasse. Doch Genaues weiß man nicht. Es folgt eine vor sechs Monaten verfasste Mail des Klassenleiters an die Eltern der 10b, in der er über die anstehende Studienfahrt und die damit verbundenen üblichen Regeln und Verbote informiert. Dann übernehmen die Schülerinnen und Schüler das Wort und protokollieren nach einem Rotationsprinzip den Ablauf der gemeinsam verbrachten Tage, beginnend mit der Abfahrt im gebuchten Reisebus.

Was zunächst noch als schlichter Tatsachenbericht daherkommt, entwickelt sich zu einer Art Klassentagebuch. Als Ole sein Talent für die sensible Kommentierung der sich zuspitzenden Atmosphäre zwischen Herrn Dr. Utz und der Klassengemeinschaft entdeckt, wird er zum genauen Beobachter zahlreicher Erlebnisse, die Eindruck hinterlassen. Der Wandel vom nüchternen Tatsachenbericht hin zum feinfühligen Erzählen verdeutlicht einmal mehr, dass eine Klassenreise eben nicht nur eine schulische Pflichtveranstaltung ist. Sie hinterlässt Spuren, die Individuen prägen und Einfluss auf die persönliche Entwicklung nehmen.  

Flucht vor den Regularien

Weil der eigentlich erfahrene Lehrer den Bildungsauftrag nicht vernachlässigen will, plant er für jeden Tag mindestens zwei Referate und ahndet auch kleine Zuwiderhandlungen mit sofortigen Sanktionen. Die Schülerinnen und Schüler hingegen wollen eigentlich nur das Hier und Jetzt genießen. Die begleitende Lehrerin beobachtet gerade das mit Wohlwollen. Dabei begehren die Jugendlichen im Grunde wenig auf und nehmen auch Fehlplanungen der Klassenleitung mit Gelassenheit hin.

Als am fünften Tag ein unerlaubt mitgenommenes Handy in den Gang des Busses fällt und klingelt, lässt Herr Dr. Utz den geplanten Filmabend entfallen und setzt Küchendienst an. Die Stimmung sinkt auf den Nullpunkt, das merkt auch der Busfahrer. Durch das gemeinsame Hören der Playlist hat er sich vom neutralen Beobachter zum stillen Vertreter der Schülerschaft entwickelt. Schließlich ist er es auch, der den vermeintlichen Eklat auslöst.

Bei einem Ausflug am letzten Tag sorgt er dafür, dass die Klasse ohne die beiden Lehrkräfte zunächst ans Meer fährt und am Abend das Stadtfest feiert. „Eskapismus hey hey!“ Die Flucht vor den Regularien des Lehrers löst allerdings den besagten Elternabend aus, der jedoch folgenlos bleibt. Denn sowohl der Direktor als auch die begleitende Lehrerin stellen fest, „dass jetzt gut sei mit Sanktionen und Strafen“.

Prägnante Dramaturgie

Tamara Bach entwirft ein unterhaltsames Manifest über die Gerechtigkeit und die eigentliche Bedeutung von Klassenfahrten. Natürlich schwingt in der klischeehaften Darstellung von stereotypen Lehrkräften ein gewisser Beigeschmack über das häufig in Verruf geratene Berufsbild der Pädagogen mit. Viel prägnanter bleibt aber die Dramaturgie des Handlungsverlaufs. Denn die überraschende Wendung durch die Initiative des Busfahrers verleiht der Erzählung nicht nur Heiterkeit, sondern zeigt auch Mitgefühl. Die Lektüre eignet sich sowohl für die Freizeit als auch für den Unterricht. Gesprächsstoff bietet sie in jedem Fall.

Die AJuM vergibt den LesePeter monatlich abwechselnd in den Sparten Kinderbuch, Jugendbuch, Sachbuch und Bilderbuch.

Tamara Bach, 1976 in Limburg an der Lahn geboren, studierte in Berlin Englisch und Deutsch für das Lehramt. Ihr erstes Buch, „Marsmädchen“, wurde als noch unveröffentlichtes Manuskript mit dem Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet und erhielt außerdem den Deutschen Jugendliteraturpreis. Weitere Bücher und Auszeichnungen folgten, u.a. der Katholische Kinder- und Jugendbuchpreis 2013 für „Was vom Sommer übrig ist“.

2014 stand „Marienbilder“ auf der internationalen Auswahlliste White Ravens. Bachs Roman „Vierzehn“ wurde gleich in zwei Kategorien für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Nach ihrem jüngsten Jugendbuch, „Mausmeer“, erscheint jetzt ihr erstes Kinderbuch bei Carlsen. Heute lebt und schreibt Bach in Berlin.

Tamara Bach, Sankt Irgendwas, Carlsen, 2020, 128 Seiten, ab 14 Jahren, ISBN 978-3-551-58430-4, 13 Euro