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Architektur der ReformpädagogikLernen wie daheim

Geprägt von der Reformpädagogik entwarf der Berliner Architekt Hans Scharoun in den 1960er- und 1970er-Jahren zwei Schulgebäude in Nordrhein-Westfalen. Diese beeindrucken noch heute.

13.02.2019 - Matthias Holland-Letz, freier Journalist

Die „Schulkaserne“ lehnte er ab. Nicht Untertanen sollten herangezogen werden. Es gehe um die „Erziehung freier Menschen im Interesse einer freien Gesellschaft“, erklärte Scharoun im Juni 1958. Er plädierte dafür, dass Schulräume auch „Gemütlichkeit“ und „Intimität“ ausstrahlen. Grundlage sei die „Schulwohnung, in der die Klasse gewissermaßen eine zweite Familie bildet“. Als „Schulwohnung“ sah Scharoun das Klassenzimmer – jeweils mit Eingangsbereich, Nebenraum und eigenem Garten.

Lünen bei Dortmund. In der Holtgrevenstraße liegt das von Scharoun geplante ehemalige Mädchengymnasium, erbaut 1955 bis 1962. Der Gebäudekomplex wird heute von der städtischen Geschwister-Scholl-Gesamtschule genutzt. Der Besucher steht zunächst in der weitläufigen Pausenhalle. Rosafarbene Säulen, mannshohe Pflanzen, Holzbänke, viel Licht. Der Raum habe „hohe Aufenthaltsqualität“, sagt Schulleiter Christian Gröne. Nischen laden ein, sich vom Schultrubel zurückzuziehen. Das wüssten vor allem jüngere Schülerinnen und Schüler zu schätzen, erzählt Gröne.

Rechter Hand befindet sich die Aula mit Platz für 300 Menschen. Sie hat ein zeltförmiges Dach, einen sechseckigen Grundriss, Parkettboden, sieben Sitzreihen – leicht ansteigend. Die Aula verkörpere „demokratische Aspekte“, erläutert Gröne. Sie gebe allen „das Gefühl des Mitdabeiseins“. Auf der untersten Bank sitzen vier Schülerinnen mit ihrem Musiklehrer. Sie üben Klarinette. Die vier gehörten zur „Bläserklasse“, sagt der Schulleiter.

Weiter zum Klassenraum der 5a. „Alle Klassenwohnungen haben individuellen Charakter, sowohl von der Architektur als auch von der Farbgebung“, sagt der 46-Jährige. Auch lasse sich die Sitzordnung schnell verändern. Im Anschluss ein Nebenraum, ohne Tür. Hier könnten zusätzliche Sitzgruppen hingestellt werden, erläutert Gröne. „Das ermöglicht Differenzierung.“ Vom Unterrichtsraum treten wir hinaus in den Klassengarten. Wir stehen auf einer Art Terrasse. Vor uns Beete, ein „Wildbienenhotel“, eine Sitzbank. „Bei gutem Wetter nutzen wir auch den Garten zur Differenzierung“, sagt der Schulleiter. Um die Beete müsse sich jede Klasse selbst kümmern. Ihm gefalle der Garten, erzählt Vincent, ein Elfjähriger aus der 6d. „Wir haben Rosen und Tulpen gepflanzt.“ Aber sei das nicht viel Arbeit? „Auch wieder wahr“, entgegnet Vincent.

„Wenn ich die Klasse betrete, fühle ich mich fast wie zu Hause.“ (Johann Budniak)

Ortswechsel. Marl im Ruhrgebiet. Von 1960 bis 1971 entstand hier nach Plänen Scharouns eine städtische Volksschule. Mit „Schulwohnungen“, zentral gelegener Aula, außerdem Fachräumen für den naturwissenschaftlichen und hauswirtschaftlichen Unterricht. Um die Jahrtausendwende herum befand sich die Schule in miserablem Zustand: das Dach undicht, Schimmelbefall, Leerstand. Das Gebäude „verkam fürchterlich, trostlos und rapide wegen fehlender Bauunterhaltung“, erinnert sich Hartmut Dreier, Pfarrer im Ruhestand aus Marl.

Dreier engagierte sich im Initiativkreis Scharounschule Marl, der ab 2005 für den Erhalt der denkmalgeschützten Anlage kämpfte. Der Initiativkreis stand nicht allein. In der Nacht zum 9. Juni 2006 besetzten Marler Schülerinnen und Schüler das Gebäude. Sie protestierten gegen den drohenden Abriss. Der Widerstand hatte Erfolg, die Sanierung begann 2009. Kosten: 10,5 Millionen Euro. 3,6 Millionen Euro steuerte die Stadt Marl bei, 6,9 Millionen übernahm das Land Nordrhein-Westfalen. Heute hat die Scharounschule zwei Nutzer – die städtische Musikschule und die katholische Aloysius-Grundschule.

Zurück nach Lünen. Schulleiter Gröne führt hinauf in den „Kunstraum 1“. Ein großer, lichtdurchfluteter Saal, der an ein Künstler-Atelier erinnert. Hölzerne Staffeleien drängen sich in der Ecke, an der Stirnwand befindet sich die Bühne eines Puppentheaters. Sieben Stufen führen hinauf zu einer kleinen Galerie. „Von dort können die Schüler auf ihre Bilder hinunterschauen“, erklärt Gröne. Johann Budniak unterrichtet Musik, Biologie und Deutsch an der Geschwister-Scholl-Gesamtschule. Es sei „etwas ganz besonderes, hier arbeiten zu können“, sagt der 59-Jährige. Er lobt die Weitläufigkeit des Gebäudes, das von 2010 bis 2014 aufwändig saniert wurde. „Wenn ich die Klasse betrete, fühle ich mich fast wie zu Hause“, versichert Budniak.

„Die Klassenzimmer sind groß. Da hat man viel Platz.“ (Henning, 5b)

Petra Borosch, Lehrerin für Englisch und Gesellschaftslehre, ebenfalls 59 Jahre, kam 2010 an die Scharounschule in Lünen. „Ich war total stolz, hier zu unterrichten“, erzählt die Pädagogin. Ihr gefalle „die Musikalität“. Gehe man durch das Schulgebäude, höre man immer eine der Bläserklassen. „Das beschwingt.“ Allerdings sehen beide Lehrkräfte auch Nachteile. Die Schule ist denkmalgeschützt. Das bedeute „kein Bohren in den Wänden, auch kein Nageln“, kritisiert Budniak. Er verweist auf die umlaufenden Oberlichter in den Klassenräumen. Es gebe „kaum Möglichkeiten, die Räume zu verdunkeln“. Was die Arbeit mit dem Beamer enorm erschwere. Auch Borosch beklagt „fehlende moderne technische Möglichkeiten“. „Da muss man improvisieren.“ Gröne berichtet: „Die Pausenhalle ist sehr laut.“ Der Schall werde „nirgendwo geschluckt, nur reflektiert“. Das, so der Schulleiter, bemängelten vor allem die Kolleginnen und Kollegen, die in der Halle Aufsicht führen.

Auch Schülerinnen und Schüler äußern Kritik. Etwa zu den Fachräumen im Obergeschoss. „Im Sommer extrem warm und im Winter extrem kalt“, berichtet Lea aus der Jahrgangsstufe 12. Doch gibt es auch Anerkennung. „Die Klassenzimmer sind groß. Da hat man viel Platz“, findet Henning, der die 5b besucht. Vincent aus der 6d mag „die schöne, große Aula“. Und die Pausenhalle. „Wenn es regnet, stelle ich mich da unter.“ Der zwölfjährigen Viviane gefällt, „dass die Räume nicht eckig sind“. Ein Lob aus Schülermund – dem Architekten Scharoun hätte das gefallen.

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