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Grünes KlassenzimmerLernen unterm Apfelbaum

Bäume pflanzen, Natur entdecken: Der Frankfurter Verein Umweltlernen unterstützt Schulen dabei, ihre Schulhöfe grüner zu gestalten. So entstehen neue Lernräume – und Rückzugsorte.

13.02.2020 - Kathrin Hedtke, freie Jounalistin

Mit einer Kiste voller Blumenzwiebeln im Arm stapft Lehrerin Regina Kramer voran durch den Schulgarten der Elsa-
Brändström-Schule im Frankfurter Westend, vorbei an Haselnussbäumchen und Stachelbeersträuchern. In der Ecke zwischen Zaun und Steinmauer drängeln sich die Kinder der Klasse 2a um ein Hochbeet. „Welche Blumen blühen zuerst?“, fragt die Lehrerin. Alle Hände gehen hoch. „Sonnenblumen“, sagt ein Mädchen. „Tulpen“, rät eine Mitschülerin. „Ich glaube, zuerst blühen Osterglocken“, meint ein Junge. Die Schülerinnen und Schüler besprechen mit ihrer Lehrerin, wie herum die Zwiebel in die Erde gesteckt wird und was im Frühjahr daraus wächst: Krokus, Schneeglöckchen, Tulpe. Danach streifen die Kinder grüne Handschuhe über und machen sich an die Arbeit. Mit kleinen Schaufeln schieben sie vorsichtig die verwelkten Blätter zur Seite, zupfen Unkraut und entfernen Steinchen.

Bis vor etwa drei Jahren lag der Schulgarten weitgehend brach, niemand kümmerte sich groß darum. Bis die Grundschule mit Hilfe des Vereins Umweltlernen e. V. ihren Schulhof neu gestaltete. Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Eltern und Nachbarn halfen tatkräftig mit: Sie pflanzten einen Apfelbaum, setzten allerhand Obststräucher in die Erde, legten Beete an, bauten eine Kräuterspirale aus Steinen, zimmerten Hochbeete. Außerdem legten sie auf dem Schulhof einen Bewegungsparcours an, mit Baumstämmen zum Balancieren, Röhren zum Durchkriechen und dichten Büschen zum Verstecken.

Schulgarten als Lernort

Gerade an Grundschulen gebe es ein großes Bedürfnis, nicht nur eine Schaukel auf den Pausenhof zu stellen, sagt Gründungsmitglied und Geschäftsführer von Umweltlernen, Michael Schlecht. Schulgärten erlebten eine Renaissance. Dabei beschränkten sie sich längst nicht aufs „Wühlen und Gärtnern und Ernten“, fügt Schlecht hinzu. Vielmehr gebe es eine neue Bewegung, den Schulgarten als Lernort zu begreifen und mit dem Unterricht zu verknüpfen. Ob Ernährung, fairer Handel oder Klimaschutz, das Spektrum an Themen sei groß.

Auch die Klassenlehrerin der 2a verlegt ihren Unterricht gerne ins Freie, ins sogenannte grüne Klassenzimmer. „Wenn wir es im Sommer wegen der Hitze im Klassenzimmer nicht mehr aushalten, gehen wir an die frische Luft“, erzählt Kramer. Die Kinder sitzen auf Baumstämmen im Schatten unter der Linde, ab und zu fliegt ein Vogel vorbei. Die Lehrerin sagt, dass die Schülerinnen und Schüler beim Unterricht unter freiem Himmel entspannter seien. Sie ist überzeugt: „Die Luft macht‘s.“

Ob Rechnen oder Lesen, eigentlich ließen sich alle Fächer draußen unterrichten. Oft rückt Kramer die Goldparmäne in den Mittelpunkt. Von der Blüte bis zum Apfelsaft, ein Thema für die 1. Klasse. Ein andermal zählen die Kinder, wie viele Blätter am Baum hängen oder wie viele Insekten darauf krabbeln. Die Schülerinnen und Schüler malen den Baum zu verschiedenen Jahreszeiten, beschreiben ihn mit Wörtern und erfinden Geschichten: Zum Beispiel, was eine kleine Raupe mit dem Apfelbaum so alles erlebt.

Seit 25 Jahren unterstützt der Frankfurter Verein die Umweltbildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung an Schulen. Damals seien die Schulhöfe zubetoniert gewesen, erzählt Schlecht. Lehrkräfte hätten den Asphalt eigenhändig aufgerissen, um Platz für Grünflächen zu schaffen. Später kamen Themen wie Energiesparen, Klimaschutz, fairer Handel und Mobilität hinzu. Dazu bietet der Verein gemeinsam mit Lehrkräften auch Lernwerkstätten in Schulen an. Das Angebot ist eine Kooperation mit dem Stadtschulamt und dem Grünflächenamt.

„Sie bekommen ein Gefühl dafür, dass sie selber etwas verändern können. Das ist das Nachhaltigste überhaupt.“ (Bernd Abraham)

In erster Linie, betont Schlecht, gehe es um fachliche Hilfe zur Selbsthilfe. Bei Umweltlernen arbeiten unter anderem Landschaftsgärtner und Architekten. Sie beraten Schulen und helfen bei der Umsetzung. Baumaßnahmen an Schulen werden finanziell unterstützt. Insgesamt steht jedes Jahr ein Budget von etwa 150.000 Euro zur Verfügung, inklusive aller Personalkosten. Bei 150 Schulen in Frankfurt am Main sei das Geld immer schnell weg, sagt Schlecht. Pro Jahr werden etwa 30 bis 40 Projekte gefördert.

Projektleiter Bernd Abraham berichtet von einer 3. Klasse: Im Ethikunterricht sprachen die Kinder über Waldbrände und wollten etwas tun. Die Lehrerin fragte beim Verein: „Was können wir machen?“ So entstand die Idee, einen Baum auf dem Schulhof zu pflanzen. Über das Grünflächenamt organisierten sie eine Flügelnuss, die fünf Wochen später mit einem Bagger eingesetzt wurde. Zudem kam eine Mitarbeiterin von Umweltlernen zwei Tage in die Klasse, um darüber zu sprechen, warum Bäume so wichtig fürs Klima sind. Abraham betont: Es gehe darum, dass die Kinder erlebten, was aus ihrer Idee entstehe. „Sie bekommen ein Gefühl dafür, dass sie selber etwas verändern können. Das ist das Nachhaltigste überhaupt.“

Kinder sollen forschen, entdecken, lernen können – und zwar richtig. Deshalb setzt Umweltlernen darauf, künftig weniger Projekte zu realisieren. „Dafür gibt es mehr Pädagogik“, sagt Abraham. Zum Team gehören auch eine Ökologin und eine Biologin. Sie wollen sich mehr Zeit für die Kinder nehmen. Aus diesem Grund gibt es in Zukunft mehr Projektwochen als -tage. Sie hätten die Erfahrung gemacht, dass es den Schülerinnen und Schülern guttue, länger intensiv an einem Thema zu arbeiten.

An der Elsa-Brändström-Schule kümmern sich die 2. Klassen regelmäßig um die Beete im Schulgarten. Jede Woche gehen die Kinder nach draußen, gießen die Pflanzen, beobachten, wie die ersten Blumen sprießen. Im vergangenen Jahr haben sie Kräuter angebaut, davor waren es Kartoffeln, diesmal ist Gemüse an der Reihe. Welche Sorten, legen die Mädchen und Jungen selber fest. Das Ziel: „Die Kinder sollen Freude am Gärtnern entwickeln“, so Kramer, „und Kontakt zur Natur bekommen.“ Teilweise wüssten die Stadtkinder gar nicht, wo ihr Essen herkomme. Gemeinsam mit Eltern haben sie deshalb nach der Ernte schon Kartoffelsuppe gekocht und Kartoffelbrei gestampft.

Garten-AG am Nachmittag

Bei jedem Ausflug in den Schulgarten seien die Kinder ganz aufgeregt, berichtet die Lehrerin. Michael, 9, nimmt ganz vorsichtig einen Wurm mit seinen Handschuhen hoch und setzt ihn ein Stück weiter auf die Erde. „Ich habe schon zwei Würmer gefunden“, sagt der Junge – und strahlt übers ganze Gesicht. Die feste Verankerung des Schulgartens im Sachunterricht trägt dazu bei, dass die ganze Schulgemeinde eingebunden wird.

An der Elsa-Brändström-Schule wird nachmittags zudem eine Garten-AG angeboten. Marlene, 8, nimmt daran teil: „Weil ich es mag, Sachen einzupflanzen.“ Oma und Opa hätten einen Garten, da helfe sie immer mit. In der AG pflegen die Kinder ihr eigenes Beet – und dürfen später auch ein paar Tomaten oder Karotten mit nach Hause nehmen. An der Schule wird Umweltbildung in allen Jahrgängen großgeschrieben: In den 3. Klassen steht Nachhaltigkeit auf dem Stundenplan, in den 4. Klassen sind die Mädchen und Jungen als Energiedetektive unterwegs.

Michael hat keinen Garten zu Hause, aber einen Balkon. Er habe seine Mutter überredet, dort Blumen zu pflanzen, berichtet der Neunjährige. Er nehme „diese Dinger“, der Junge zeigt mit Daumen und Zeigefinger die Größe einer Zwiebel, und daraus wachse eine Pflanze. Nach den Hausaufgaben dürfe er beim Gießen helfen. Warum er das so gerne macht? Der Junge zuckt mit den Schultern: „Macht halt Spaß!“