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Lehrerinnen an Grundschulen diskriminiert

03.05.2016

Die schlechtere Besoldung von Grundschullehrkräften gegenüber anderen LehrerInnen diskriminiert Frauen. Das zeigt ein Rechtsgutachten der GEW. Die Juristin Eva Kocher fordert, gleichwertige Arbeit gleich zu bezahlen.

Bundesweit würden Grundschullehrkräfte in der Regel in die geringer entlohnte Besoldungsgruppe A 12 eingestuft, während ihre Kolleginnen und Kollegen an anderen Lehramtstypen – etwa der Sekundarstufe I und II – nach A 13 bezahlt würden, klagt Kocher. "In Schleswig-Holstein etwa verdienen Grundschullehrkräfte monatlich 370 bis 450 Euro weniger." Am Beispiel der Bundesländer Hessen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig Holstein hat das GEW-Rechtsgutachten untersucht, ob diese ungleiche Behandlung eine mittelbare Geschlechterdiskriminierung sei.

Der Frauenanteil bei den Grundschullehrkräften liegt demnach bei über 90 Prozent, während im Lehramt an Gymnasien im Durchschnitt nur rund 60 Prozent Frauen tätig sind. "Damit trifft die schlechtere Eingruppierung und Bezahlung Frauen überproportional", sagt Kocher. Der hohe Frauenanteil an Grundschulen lasse den Verdacht einer indirekten Diskriminierung aufkommen.

Das Gutachten kommt unter anderem zu dem Schluss, dass sich die Ausbildung und die Anforderungen an den Beruf der Grundschullehrkräfte in den vergangenen 30 Jahren stark verändert hätten. Heute werde wie bei Lehrkräften der Sekundarstufe I und II ein Masterabschluss beziehungsweise Staatsexamen erwartet. "Man braucht also für beide Tätigkeiten eine gleichwertige Ausbildung", unterstreicht Kocher. Das deute darauf hin, dass an die Tätigkeiten gleichwertige Anforderungen gestellt würden - und "dann müssen sie auch gleich bezahlt werden."

Wertschätzung für Grundschullehrerinnnen ist geringer

In Hamburg diskutierten jüngst Grundschullehrerinnen über Ursachen, Vorurteile und Möglichkeiten, die Situation zu verändern, sowie die Folgen dieser Diskriminierung im Berufsalltag. Ein Tenor der Runde: Inklusion und Ganztagsschulen verlangten den Lehrkräften immer mehr ab. Die Grund- und Mittelstufenlehrein Lehrerin Claudia Blumetwa sagte: "Ich brauche nicht nur zusätzliche Zeit, ich brauche auch zusätzliches Wissen. Ich muss mich in vieles neu einarbeiten, was ich im Studium nicht gelernt habe, und vor allem brauche ich Zusatzqualifikationen. Ich habe ein geistig behindertes Kind in einer Klasse, ich habe hochbegabte Mädchen und Jungen. Das heißt, ich muss viel differenzieren."  

Grundschullehrerin Eva Klock ergänzte: "Ich hatte schon Schülerinnen und Schüler, in deren Elternhaus ich ein Drogenproblem vermutete. Es gibt Scheidungen der Eltern oder das Kind wird geschlagen. Ich stimme mich mit Beratungsstellen ab, mit der Familienhilfe, mit dem Amt für soziale Dienste, mit der Polizei, mit Schulärztinnen und -ärzten."

Zugleich machten die Frauen die Erfahrung, dass die Wertschätzung für Grundschullehrerinnen geringer sei. "Viele Eltern glauben vielleicht auch deswegen, sie könnten sich bei uns stärker einmischen. Sie versuchen, den Unterricht mitzubestimmen oder stellen meine Fachkompetenz in Frage. Grundschule könne eigentlich jede und jeder, glauben sie offenbar", betont Blum.

Das vollständige Interview sowie den kompletten Bericht der Hamburger Gesprächsrunde können Sie in der Mai-Ausgabe der "E&W" nachlesen.

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