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Werbung in der Schule„Land der Stifter und Schenker“

Während der Corona-bedingten Schließungen ist deutlich geworden, wie schlecht viele Schulen für Distanzunterricht ausgestattet sind. Die private Wirtschaft steht in den Startlöchern, um einzuspringen. Das birgt Gefahren.

14.12.2020 - Nadine Emmerich, freie Journalistin

Durch den Digitalpakt Schule könnten gewinnorientierte Unternehmen nach Einschätzung des Sozialwissenschaftlers Tim Engartner noch stärker in die Klassenzimmer vordringen und ihren Einfluss ausbauen. Mit Apple, Samsung und Microsoft träten sehr wirkmächtige US-Konzerne auf den Plan, warnte der Direktor der Akademie für Bildungsforschung und Lehrerbildung der Goethe-Universität Frankfurt am Main bei der Onlineveranstaltung „Werbung in der Schule – Wie Wirtschaft das Klassenzimmer erobert“ der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv). Verschärft wird das Problem durch die Corona-Pandemie, die zeigt, wie stark die Schulen bei der -Digitalisierung zurückliegen.

Viele Schulen haben zu wenig Geld, viele Unternehmen springen nur allzu bereitwillig ein. Dahinter stecken Ziele wie Imagepflege, Kundenakquise, Agenda-Setting oder verkaufsfördernde Werbung. Dabei bleibt es nicht bei Brotboxen und Alltagsmasken mit Firmenlogos. Rund 800.000 kostenlose Lehrmaterialien sind online verfügbar, die meisten davon von Firmen, Verbänden und Stiftungen. 22 von 30 Dax-Unternehmen boten laut vzbv im Jahr 2017 Unterrichtsmaterialien an.

Auch wenn politisch Einigkeit herrscht: Ein effizientes Vorgehen gegen die Einflussnahme aus der Wirtschaft bleibt schwer, so vermittelte es die vzbv-Veranstaltung. Dies mochte auch dem virtuellen Format geschuldet sein: Die Abschlussdiskussion fiel wegen technischer Probleme aus, es gab nur einzelne Reden. So konnte die rheinland-pfälzische Bildungsministerin und Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Stefanie Hubig (SPD), das bisherige politische Handeln loben, ohne Fragen beantworten zu müssen.

Der vzbv sieht die KMK in der Pflicht: Es gebe zu viele, zu unterschiedliche und zu unklare Regelungen in den Bundesländern. „Und es gibt viele Schlupflöcher“, sagte Vorstand Klaus Müller. Die KMK könne bundesweit einheitliche Regelungen beschließen.

GEW für werbefreie Schule

Auch die GEW hat Forderungen an die Kultusministerien: In ihrem „Lobby-Check: Für eine werbe- und lobbyismusfreie Schule“ plädiert sie etwa für die Prüfung von Materialien, Portalen und Kooperationen durch staatliche Monitoringstellen, das eventuelle Nachjustieren von Schulgesetzen und die Sensibilisierung von Lehrkräften. Die KMK solle „Empfehlungen zum Umgang mit Lobbyismus und Werbung an Schulen“ entwickeln.

Engartner betonte, die Schulpflicht beinhalte auch, dass der Staat darauf achte, welche Inhalte im Klassenzimmer vermittelt würden. Während Schulbücher streng geprüft würden, gebe es ein solches Verfahren für freie Unterrichtsmaterialien nicht. Lasse man ein „Lobbyparkett“ an Schulen zu, drohten diese, „zu Werbeplattformen zu verkommen“. Das Land der Dichter und Denker werde zum „Land der Stifter und Schenker“.

Hubig verteidigte die Anstrengungen der Politik: Werbeverbote seien in den Schulgesetzen aller Bundesländer verankert. Unterschieden werden müsse zudem bei der Art des Engagements: Partnerschaften mit Betrieben, die der Berufs- und Studienorientierung dienten, seien „ausdrücklich erwünscht“. Mit Blick auf die Corona-Krise und das Herantreten von IT-Firmen an Schulen betonte sie, Bund und Länder hätten den Digitalpakt um das Sofortausstattungsprogramm für Schulträger erweitert. Ausschreibung und Anschaffung für Endgeräte und Lizenzen erfolgten so, dass „die Einwirkungsmöglichkeit von potenziellen Sponsoren nicht gegeben ist“.

Hubig hält den „aufgeklärten Verbraucher“ für den besten Schutz. Deshalb sei Verbraucherbildung in allen Ländern vorgegeben. In der KMK-Empfehlung zum Thema sei formuliert, dass Schülerinnen und Schüler Kompetenzen für ein reflektiertes und selbstbestimmtes Konsumverhalten erwerben sollten. Die SPD-Politikerin versprach aber, „Impulse“ aus der Tagung mitnehmen: „An dem Thema kann man nicht genug arbeiten.“