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Lärm in Bildungseinrichtungen„Lärmpausen einlegen“

Michael E. Deeg, Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde (HNO) und Sprecher des Deutschen Berufsverbandes der HNO-Ärzte, erklärt die Auswirkungen von Krach am Arbeitsplatz.

13.05.2020 - Interview: Esther Geißlinger, freie Journalistin

  • E&W: Herr Deeg, laut Untersuchungen können beim Toben und Spielen in einer Kita Spitzenwerte von über 100 Dezibel auftreten. Können Sie uns mal übersetzen, wie laut das ist?

Michael E. Deeg: Um Lautstärken einzuordnen, gibt es Referenzwerte. Im Berufsleben gilt, dass Arbeitgeber ab einem Grenzwert von 85 Dezibel einen Hörschutz zur Verfügung stellen müssen. Das liegt deutlich unter 100 Dezibel. Um einen Vergleich zu ziehen: 100 Dezibel erreicht ein Presslufthammer, von dem man zehn Meter entfernt steht. 110 Dezibel entsprechen einem Martinshorn, ebenfalls aus einer Entfernung von zehn Metern. Bei 120 Dezibel liegt die Schmerzschwelle: Das Geräusch ist so laut, dass man zurückweicht. Hinzu kommt, dass die Entwicklung exponentiell ist – dieses Wort hören wir zurzeit ständig im Zusammenhang mit der Entwicklung der Corona-Pandemie-Kurven. Aber es betrifft auch unsere Sinne. Alle 20 Dezibel steigt der Pegel um das Zehnfache. Von 90, dem Punkt, ab dem Schwerhörigkeit entstehen kann, auf 110 Dezibel steigert sich der Schall also um ein Mehrfaches.

  • E&W: Welche Lautstärke ist optimal, um Worte nicht nur akustisch, sondern auch inhaltlich gut zu verstehen?

Deeg: Auch dazu gibt es einen Orientierungswert. Bei 65 Dezibel sollte man mit normalem Hörvermögen aus ein bis zwei Metern Entfernung 100 Prozent verstehen können. Versteht man 80 Prozent oder weniger, braucht es ein Hörgerät.

  • E&W: Was passiert im Ohr, wenn der Lärm zu stark ist?

Deeg: Schall ist eine Welle. Sie breitet sich als Kompressionswelle in der Luft aus, wird vom Trommelfell aufgenommen, verstärkt und aufs Innenohr übertragen. Die Welle wandert durch die Hörschnecke, man kann sich das vorstellen wie die Ringe auf dem Wasser, nachdem ein Stein hineingefallen ist. Auf der sogenannten Basilarmembran trifft die Welle auf die haarförmigen Sinneszellen des Innenohrs. Jetzt geht es um die reine kinetische Kraft, mit der diese Sinneshärchen getroffen werden. Bei einer normalen Welle nehmen die Haare die Energie auf und geben den Impuls an die Nervenzellen weiter. Wenn die Energie aber zu hoch ist, werden die Härchen mit Gewalt abgeschert und können bei zu großer Kraft nachhaltig beschädigt werden. Stellen Sie sich ein Kornfeld vor, durch das ein Regensturm geht. Danach liegen die Ähren flach, und nicht alle richten sich wieder auf.

  • E&W: Viele Menschen klagen darüber, dass Lärm bei ihnen Stress verursacht. Wie entsteht der?

Deeg: Im medizinischen Sinn muss man das trennen, und auch rechtlich wird Lärm als Stressfaktor anders betrachtet, denn Ruhe ist ein Grundbedürfnis. So liegt die Grenzwertverordnung für Lärmbelastung in Wohngebieten bei 60 Dezibel, deutlich unter den 85, ab denen die physische Belastung des Innenohrs beginnt. Der größte Teil der Menschen hat ein Problem, bei Krach konzentriert zu arbeiten. Lärm hat Auswirkungen auf den Schlaf und das vegetative Nervensystem.

  • E&W: In einer Werkstatt sind Kopfhörer Pflicht. In Kita oder Schule würden solche „Mickey-Mäuse“ nicht nur komisch aussehen, sondern wären auch schädlich, weil die Fachkräfte die Kinder ja verstehen müssen. Welchen Rat haben Sie?

Deeg: Der wichtigste Tipp lautet: Lärmpausen einlegen. Wenn ein lauter Pegel lange Zeit einwirkt, richtet er mehr Schaden an als Lärm, der unterbrochen wird. Darüber hinaus gibt es spezielle, angepasste Stöpsel, die im Ohr untergebracht werden. Sie wirken selektiv, dämmen zwar den Pegel, lassen aber noch Geräusche hindurch. Das ist der Unterschied zu „Mickey-Mäusen“, durch die man nicht mehr wirklich viel hört. Musiker benutzen diese Filter, damit sie sich beim Spielen selbst hören können. Wirksam ist eine Kombination aus Pausen und intelligentem Hörschutz.

  • E&W: Wie sieht es mit den Lärmschutzverordnungen in Bildungseinrichtungen aus?

Deeg: Lärmschutz ist nicht gewerk-spezifisch. Die Gesetzliche Unfallversicherung als berufsgenossenschaftlicher Träger unterscheidet nicht, ob jemand auf dem Bau, in der Kita oder Schule Lärm ausgesetzt ist. Maßgeblich sind allein die Schallwerte. Dazu gibt es rechnerische Größen, die sich an einem Achtstundentag in der Industrie orientieren. Der Technische Dienst der Berufsgenossenschaft kann die Belastung am Arbeitsplatz messen, und nach der Zahl der gearbeiteten Jahre wird das Risiko eines Lärmschadens berechnet. Im Ohr finden sich Merkmale, ob eine Schwerhörigkeit lärmbedingt oder degenerativ entstanden ist. Das lässt sich bei einem Tonaudiogramm, einem Hörtest, erkennen.

  • E&W: Was ist mit den Kindern? Können junge Ohren den Krach besser vertragen?

Deeg: Nein, da besteht kein Unterschied zu den Erwachsenen. Das Innenohr, das Schneckenorgan, ist schon vor der Geburt ausgereift – so kann das Kind bereits im Mutterleib normal hören. Damit unterliegt das Organ genau denselben Einflüssen wie bei einem Erwachsenen. Bisher legen keine Daten nahe, dass es in unserer lauter gewordenen Welt mehr Hörschäden gibt. Aber ein Risiko besteht durch digitale Musiksysteme: Die früheren analogen Geräte wie Walkman oder Lautsprecher verzerrten den Klang, wenn zu laut gedreht wurde. Digitale Geräte lassen sich störungsfrei bis zur Belastungsgrenze aufdrehen. Das kann Schäden verursachen. Denn, wie gesagt, ob Musik, Baulärm oder Kinderstimmen, es kommt nur auf den Pegel an.