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GanztagKooperation zwischen Tür und Angel

Wenn multiprofessionelle Teams an einer Schule arbeiten, bietet das mehr Fördermöglichkeiten. Manche Ressourcen bleiben aber ungenutzt, weil Zeit für den Austausch fehlt. Ein Besuch einer offenen Ganztagsgrundschule in Bremen.

05.01.2021 - Anne-Katrin Wehrmann, freie Journalistin

Normalerweise steht den Jungen und Mädchen an der Alfred-Faust-Grundschule nachmittags ein buntes Angebot an Beschäftigungen zur Verfügung, aus dem sie auswählen können. Aber was ist in diesen Zeiten schon normal? Corona hat dazu geführt, dass AGs nicht mehr stattfinden können und Kooperationen mit Sportvereinen und der örtlichen Musikschule brachliegen. Die etablierte tägliche „Was-ihr-wollt-Zeit“ ist zu einer „Was-gerade-möglich-ist-Zeit“ geworden, für Mensa und nachmittägliche Lernzeit mussten die Kinder in Kohorten eingeteilt werden.

Die ohnehin schon zeitintensive Organisation des Ganztagsbetriebs ist dadurch nicht weniger aufwendig geworden, im Gegenteil. „Allein dadurch, dass manche Eltern gerade in Kurzarbeit sind oder von zu Hause aus arbeiten und darum ihre Kinder vom Essen abmelden, haben wir einen Mehraufwand für Organisation“, berichtet Schulleiterin Christiane Langer.

„Manchmal fühle ich mich wie die Managerin eines Betriebs. Ich arbeite jetzt jeden Tag zwei Stunden mehr als vorher, anders lässt sich das alles gar nicht regeln.“ (Christiane Langer)

Seit gut vier Jahren ist die Bremer Grundschule jetzt im offenen Ganztag. Von den aktuell rund 330 Schülerinnen und Schülern sind knapp 200 für die Nachmittagsbetreuung angemeldet. Aus den ursprünglich 34 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sind inzwischen 54 geworden: Neben den schulinternen Lehrkräften und Sonderpädagoginnen sind auch Fachkräfte diverser externer Träger im Haus – unter anderem acht Pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (PM), eine Sozialpädagogin und zwei Sozialpädagogen, eine Psychologin, eine Ergotherapeutin, eine Logopädin, der Hausmeister, die Reinigungskräfte und das Küchenpersonal.

Darüber hinaus bedarf es der Abstimmung mit dem Caterer, dem für die Essensabrechnung zuständigen Callcenter und den unterschiedlichen Kooperationspartnern im Stadtteil. „Manchmal fühle ich mich wie die Managerin eines Betriebs“, sagt Langer. „Ich arbeite jetzt jeden Tag zwei Stunden mehr als vorher, anders lässt sich das alles gar nicht regeln.“

„Aber die multiprofessionelle Kooperation nimmt auch viel Zeit in Anspruch – und die fehlt eigentlich immer.“ (Cordula Meyer)

Seit Beginn des Schuljahres hat die Schulleiterin bei der Organisation des Ganztags Unterstützung durch ihre Kollegin Cordula Meyer, die den bis dahin vakanten Posten der zweiten Konrektorin und Ganztagskoordinatorin übernommen hat. Für ihre Ganztagsaufgaben hat die Klassenlehrerin sechs Schulstunden pro Woche zur Verfügung. Einen Großteil dieser Zeit braucht sie schon allein für die Verteilung der Pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf die einzelnen Gruppen und zur Organisation der Krankenvertretung am Nachmittag.

Hinzu kommen monatliche Treffen mit den PM, von denen derzeit fünf beim Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) angestellt sind und drei beim Bremer Bildungsressort. „Bei den Erzieherinnen ist die Fluktuation sehr hoch“, berichtet Meyer, „darum braucht es da gerade zu Schuljahresbeginn viel Zeit für inhaltliche Absprachen.“ Sie halte es grundsätzlich für sehr positiv, verschiedene Professionen im Haus zu haben, da das für die Kinder wertvolle Impulse und neue Ideen bringe. „Aber die multiprofessionelle Kooperation nimmt auch viel Zeit in Anspruch – und die fehlt eigentlich immer.“

Zu den wichtigsten externen Trägern an der Schule gehört neben dem ASB die Bremer Hans-Wendt-Stiftung, die für das sozialpädagogische und psychologische Angebot zuständig ist. Insgesamt 17 Plätze mit jeweils unterschiedlichen Stundenbemessungen stehen für die integrative Förderung zur Verfügung, bei der Kinder mit sozial-emotionalen Entwicklungsrisiken individuelle Unterstützung erhalten. „Das Tolle ist hier die Zusammenarbeit mit den Lehrkräften“, sagt Sozialpädagogin Nina Esenwein. „Die sind sehr engagiert und übernehmen Übungen für den Unterricht, die für die Entwicklung dieser Kinder besonders wichtig sind.“

„Die packen dann noch ein paar Stunden oben drauf, damit das funktioniert – und ich bin sehr froh, dass sie das tun.“ (Nina Eisenwein)

Den Angestellten der Stiftung stehe grundsätzlich genügend Kooperationszeit zur Verfügung. Die Lehrkräfte dagegen seien auch ohne die regelmäßigen Absprachen innerhalb der multiprofessionellen Teams schon voll ausgelastet. „Die packen dann noch ein paar Stunden oben drauf, damit das funktioniert – und ich bin sehr froh, dass sie das tun.“

Damit alle Beteiligten aus der Schule an einem Strang ziehen könnten, wäre zum Beispiel eine strukturierte Fachberatung wichtig, betont Diplompsychologin Renate Kimmich: „Da findet eine Verzahnung der sozialpädagogisch-psychologischen Förderung mit den schulischen Inhalten sowie der Freizeitpädagogik statt.“ Unter den gegebenen Umständen könne der Austausch mit den Erzieherinnen vom ASB dagegen nur zwischen Tür und Angel stattfinden.

„Darum können wir viele ihrer Ressourcen gar nicht richtig nutzen“, erläutert Kimmich. „Die haben einen ganz anderen und wertvollen Blick auf die Kinder. Aber sie haben einfach nicht die Zeit zum Kooperieren.“ Beim wöchentlichen Jour fixe mit der Schulleitung würden zwar wichtige Fragestellungen zu schulischen Abläufen und den Entwicklungen der Kinder besprochen: „Aber alle Details können so nicht bei uns ankommen.“

Hohe Fluktuation

Eines der großen Probleme, die sich in der Praxis zeigen: Die PM werden im Wesentlichen für die Nachmittagsbetreuung zwischen 13 und 16 Uhr benötigt, eine Begegnung mit den überwiegend vormittags tätigen Lehrkräften findet da kaum statt. Die meisten von ihnen haben deswegen auch nur Verträge über 15 Stunden pro Woche. „Und das eben nachmittags, das ist nicht sehr attraktiv“, weiß Schulleiterin Langer. „Die Fluktuation ist darum gewaltig. Wir investieren viel Zeit in ,Training on the Job‘ und müssen dann immer wieder von vorne anfangen.“ Unter diesen Bedingungen sei es nachvollziehbar, dass viele der PM einfach „nur“ ihren Job machten. „Für eine umfassende Förderung der Kinder ist das aber zu wenig. Sie müssten mehr als Anleiter agieren und nicht nur als Betreuer, mehr ihre Profession als Erzieher mit einbringen.“

Eine, die das aus Überzeugung und notfalls auch nach Feierabend tut, ist die ASB-Mitarbeiterin Laura Faulstich. Die 28-Jährige hat einen Master of Education und arbeitet seit knapp zwei Jahren als Pädagogische Mitarbeiterin an der Schule. Anders als bei den anderen PM läuft ihr Vertrag über 29 Stunden, davon ist eine Stunde als Kooperationszeit eingeplant. „Das ist aber erstens zu wenig, und zweitens ist es im Unterrichtsalltag schwierig, gemeinsame Zeiten mit den anderen im Team zu finden“, berichtet sie.

Dadurch, dass sie auch vormittags in Doppelbesetzung im Unterricht mitwirkt, besteht für sie zumindest die Möglichkeit zum regelmäßigen Gespräch mit den Lehrkräften. Häufig kommt es aber auch vor, dass sie als Vertretungskraft eingesetzt wird und letztlich doch allein vor der Klasse steht. „Ich fühle mich auf Augenhöhe mit den Lehrkräften, weil sie den Austausch tatsächlich sehr schätzen“, sagt Faulstich. „Bei den Kolleginnen, die erst um 13 Uhr kommen, ist das schon etwas schwieriger. Die haben manchmal das Gefühl, dass sie einfach übernehmen und nicht richtig mit einbezogen werden.“

„Als negativ zeigt sich allerdings, dass Ganztagsangebote und Unterricht flächendeckend kaum miteinander verknüpft sind und keine gegenseitige Befruchtung stattfindet.“ (Stephan Kielblock)

Der Blick in die Bremer Praxis deckt sich mit dem, was die Forschung in den vergangenen Jahren herausgefunden hat. „Empirische Studien zeigen, dass die multiprofessionelle Kooperation insgesamt gut läuft und als gewinnbringend wahrgenommen wird“, berichtet Stephan Kielblock, Ganztagsexperte am DIPF/Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation sowie ehemaliger Koordinator der 2019 abgeschlossenen Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG). „Als negativ zeigt sich allerdings, dass Ganztagsangebote und Unterricht flächendeckend kaum miteinander verknüpft sind und keine gegenseitige Befruchtung stattfindet.“

Was die Zusammenarbeit der multiprofessionellen Teams angehe, gebe es durchaus Entwicklungsbedarf, meint der Wissenschaftler. „Die Schulen müssten in einem ersten Schritt klären, wer dort auf pädagogischer Ebene eigentlich unterwegs ist, was man gemeinsam erreichen möchte und wie die Kooperation konkret gestaltet sein soll.“ Diesen Klärungsprozess gemeinsam zu durchlaufen, sei aus seiner Sicht entscheidend. Übertragbare Musterlösungen oder allgemeingültige Rezepte gebe es nicht, so Kielblock: „Dafür haben die einzelnen Schulstandorte zu unterschiedliche personelle und räumliche Ausstattungen und zu unterschiedliche Charaktere. Das ist ein Prozess, den jede Schule individuell durchlaufen muss.“

Für Schulleiterin Langer bleibt ein wesentlicher Punkt die Zeitfrage. Es sei im Alltag praktisch nicht zu leisten, die externen Kooperationspartner an der Entwicklung und Gestaltung des Ganztags zu beteiligen, meint sie. „Zumal wenn sie wie die PM nur wenige Stunden hier sind und dann auch noch permanent wechseln.“ Ungeachtet dessen halte sie die multiprofessionelle Kooperation insgesamt für sehr wichtig, weil die Kinder durch die unterschiedlichen Blickwinkel und Ansätze umfassender gefördert werden könnten. „Das kann in der Praxis aber nur dann gut funktionieren, wenn es im Stundenkontingent feste Zeiten für Teamarbeit gibt. Und zwar so, dass auch alle im Team die Kooperation als Bereicherung wahrnehmen können und nicht als zusätzliche Last.“