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Kongress der CNTE in Brasilien

Nur wenige Tage nach Amteinführung der neuen brasilianischen Staatspräsidentin Dilma Rouseff fand in Brasilia der Kongress der Lehrergewerkschaft CNTE statt. Die GEW-Kollegin Barbara Geier war eingeladen und berichtet von ihren Erfahrungen.

21.01.2011 - Barbara Geier

Fotos: CNTE

Zwischen Weihnachten und Karneval steht das öffentliche Leben in Brasília normalerweise still. Wer es sich irgendwie leisten kann entflieht der Hitze und den unberechenbaren Regenfällen. Zwei große Ereignisse haben den Januar diesmal jedoch zu einem Ausnahmemonat in der brasilianischen Hauptstadt gemacht. Am 1. Januar folgte Dilma Rouseff als erste Frau im Präsidentenamt ihrem charismatischen Vorgänger Lula. Regierungsmitglieder vieler befreundeter Staaten waren der Einladung zur Amtseinführung gefolgt. Nicht so die Bundesrepublik Deutschland. Das andere Großereignis in Brasilía war der vom 13.-16. Januar stattfindende Kongress der Lehrergewerkschaft CNTE, an dem ich als Vertreterin der GEW zum zweiten Mal teilnehmen durfte. Neben den 2.500 Delegierten aus ganz Brasilien nahm sich die internationale Delegation mit Vertretern von Gewerkschaften aus 17 Ländern sehr klein aus, hatte jedoch für die Brasilianer eine große Bedeutung. Der alte und neue Präsident der CNTE, Franklin Leão, sowie die Referentin für Internationale Beziehungen, Fátima da Silva, hoben in ihren Ansprachen die Beteiligung der GEW und die guten Beziehungen zum Vorsitzenden Ulrich Thöne durch die gemeinsame Arbeit in der Bildungsinternationale besonders hervor.

Der Kongress war bestimmt von der Aufbruchstimmung, in der sich die brasilianischen Kollegen nach den acht Regierungsjahren der Arbeiterpartei (PT) befinden. So waren die meisten Beiträge einer ausführlichen Rückschau gewidmet. Immer wieder wurde betont, dass Brasilien einen Präsidenten aus einer Familie von Analphabeten brauchte, um Bildung als erste Priorität in das Regierungsprogramm zu nehmen. Das Erreichte beinhaltet u.a. einen Mindestlohn für Lehrerinnen und Lehrer, eine Stärkung der Professionalisierung des Lehrerberufes, die Einrichtung von weiteren gebührenfreien Universitäten, Quoten für arme Studenten an privaten Universitäten, neue berufsorientierende Schulen, Erweiterung der Schulpflicht von 4 - 17 Jahre und nicht zuletzt eine ganze Reihe von Sozialprogrammen, vor allem die Bolsa Família, die es Familien erleichtern, ihre Kinder in die Schule zu schicken.

Es fiel den Delegierten sichtlich schwer Forderungen an ihr Erziehungsministerium zu stellen. So stand immer wieder die Verbesserung der Qualität des Unterrichts im Mittelpunkt. Ansonsten wurden allgemeine politische Forderungen, wie der Abzug brasilianischer Soldaten aus Afghanistan oder Haiti gestellt. Der Antrag, Brasilien solle die diplomatischen Beziehungen zu Israel abbrechen, wurde abgelehnt. So waren zwar extrem linke Gruppierung lautstark vertreten, sie konnten sich aber bei der Wahl für den neuen Vorstand nicht durchsetzen. Die weitgehend alte PT-Liste gewann mit 82%. Den guten Kontakt zur Regierung konnte die Internationale Delegation bei dem einstündigen Treffen mit dem alten und neuen Erziehungsminister Fernando Haddad miterleben. Unsere norwegische Kollegin und Vizepräsidentin der Bildungsinternationale, Haldis Holst, erhielt die Zusage des Ministers, die Chance und Verantwortung auf internationaler Ebene zu nutzen, wo sich Brasilien als G20-Mitglied intensiv für Bildung und für die Education for all -Ziele einsetzen kann. Mit etwas verhaltenem Lachen nahm die Delegation die vom Minister dem ehemaligen Präsidenten Lula zugeschriebene Antwort auf, dass Brasilien, bei allen G-Punkten aktiv sei. CNTE-Präsident Franklin Leão ermahnte den Minister, seine Gewerkschaft werde kritisch darauf achten, dass die Regierung ihre Versprechen einlöst.

Der Kongress der CNTE war für mich als Vertreterin der GEW eine intensive Erfahrung. Unsere Anwesenheit und die Meinung der GEW wurde sehr geschätzt. Die internationale Delegation bestand aus zahlreichen auch mit der GEW befreundeten Gewerkschaften aus Norwegen, Frankreich, Spanien, Portugal, Cabo Verde, Angola, Argentinien, Uruguay, Paraguay, Chile, Kolumbien, Costa Rica, Dominikanische Republik, Nicaragua, Curaçao, USA und Canada. Wir verbrachten viel Zeit zusammen, nicht nur beim Kongress, sondern auch bei den üppigen Mittag- und Abendessen. Ein besonderes Erlebnis war die Begegnung mit Anita Freire, der Witwe des großen brasilianischen Pädagogen Paulo Freire. "Die Pädagogik der Unterdrückten" und viele andere Publikationen Freires sind immer noch hochaktuell. Ich konnte die Zeit in Brasilien auch nutzen, Kontakte zur DGB-Kollegin und Sozialreferentin der Deutschen Botschaft in Brasília, Claudia Meyer, und zur Friedrich-Ebert-Stiftung in São Paulo aufzunehmen. So sehe ich für die Zukunft viel versprechende Perspektiven für eine gemeinsame Arbeit zwischen der brasilianischen Lehrergewerkschaft CNTE und der GEW.

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