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BedarfsprognoseKMK erkennt Lehrkräftemangel an

Mit einem Jahr Verspätung hat die Kultusministerkonferenz (KMK) die Aktualisierung ihrer Lehrkräfte-Bedarfsprognose vorgelegt. Das nun auch ganz offizielle Ergebnis: In Deutschland werden seit Jahren zu wenige Lehrkräfte ausgebildet.

12.11.2018 - Gesa Bruno-Latocha, Referentin im Vorstandsbereich Tarif- und Beamtenpolitik

Das Ergebnis der Vorausberechnungen bis zum Jahr 2030 entspricht der Tendenz, die auch Praktiker in Schulen und Personalräten beobachten. Während es im gymnasialen Bereich vor allem im Westen ein Überangebot an ausgebildeten Lehrkräften gibt – abgesehen von den üblichen „Mangelfächern“ wie Mathe, Physik, Musik oder Kunst – fehlen in nahezu allen anderen Schulformen voll ausgebildete Bewerberinnen und Bewerber. Im Moment herrscht bundesweit Lehrkräftemangel. Nach den Erwartungen der KMK wird sich die Lage im Westen Mitte des nächsten Jahrzehnts entspannen.

Streng genommen bildet der Bericht nicht den Lehrkräftebedarf ab im Sinne von „Wie viele Lehrkräfte bräuchte man, um den gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden“. Es handelt sich vielmehr um eine Addition der geplanten jährlichen Einstellungen in den Schuldienst der 16 Bundesländer, die anderweitig getroffene Entscheidungen über Ganztag, Inklusion oder Pflichtstundenmaß widerspiegeln.

Das „Lehrkräfteangebot“, wie die KMK die Zahl der Absolventinnen und Absolventen des Vorbereitungsdienstes nennt, ist das Ergebnis von (Haushalts-)Entscheidungen der Länder in den vergangenen Jahren. Da wurden Hochschulen kaputtgespart, Studiengänge eingestellt oder mit Zulassungsbeschränkungen klein gehalten, Arbeits- und Studienbedingungen verschlechtert sowie Stellen im Vorbereitungsdienst gestrichen. Letztlich sind es also die Länder selbst, die für das „Angebot an Lehrkräften“ verantwortlich sind. So löblich das Vorhaben der KMK ist, regelmäßig Vorausberechnungen vorzulegen – Papier ist geduldig, es kommt auf die politischen Konsequenzen an. Und da haben frühere Berichte leider viel zu wenig bewirkt.

Die KMK betont in ihrer aktuellen Prognose, der Fehlbetrag liege im Jahresdurchschnitt bis 2030 über alle Schulformen hinweg „nur“ bei rund 700 Lehrkräften. Dies sei in Relation zum Bestand von fast 800.000 Lehrkräften gar nicht so viel. Doch die KMK-eigenen Zahlen sprechen eine andere Sprache, wenn man ins Detail geht. Vor allem ist der prognostizierte Mangel in jeder Hinsicht ungleich verteilt:

  • Er konzentriert sich zeitlich auf die nächsten fünf Jahre, wobei die Hälfte des Fehlbetrages allein auf das Jahr 2018 entfällt. Warum dieses Jahr mit gut 41.000 geplanten Neueinstellungen so aus dem Rahmen fällt, wird leider nicht erläutert. Die Zuarbeit der Länder an die KMK liegt bereits länger zurück; ob die vielen Einstellungen auch tatsächlich realisiert werden konnten, wird sich erst noch herausstellen.
  • Durchschnittswerte über alle Schulformen hinweg verschleiern das Ungleichgewicht zwischen dem Gymnasium und dem Rest. „Minuswerte“ – weniger Absolventen als Neueinstellungen – für den gymnasialen Bereich weist der Bericht lediglich in einzelnen Bundesländern aus und zwar für die Jahre, in denen die Rückabwicklung von G8 zu G9 greift (Niedersachsen 2020, Bayern 2025, Nordrhein-Westfalen (NRW) und Schleswig-Holstein 2026). Einzig Sachsen-Anhalt schafft es, selbst fürs Gymnasium durchgängig weniger Lehrkräfte auszubilden als es selbst einzustellen plant.
  • Der Mangel konzentriert sich regional auf die östlichen Bundesländer, einschließlich Berlin. Hier werden in den nächsten fünf Jahren mit durchschnittlich 5.100 rund ein Drittel weniger Absolventen erwartet als aktuell an Einstellungen geplant sind. Überraschend kommt das nicht: Bereits die KMK-Prognose von 2011 etwa erwartete für den Osten ab dem Jahr 2016 eine bis 2019 auf 2.000 Lehrkräfte anwachsende Lücke – bei 5.300 Absolventen jährlich ab 2018.

„Die Belastungen durch die Mangelsituation dürfen nicht länger auf dem Rücken der Lehrerinnen und Lehrer ausgetragen werden.“ (Marlis Tepe)

Jährliche Einstellungen und Absolventenzahlen zu vergleichen, zeichnet ein unvollständiges Bild. Die Zahl der „überzähligen“ gymnasialen Neulehrkräfte eines Jahres lässt die vielen Altbewerber außer Acht, die in den Vorjahren leer ausgegangen sind und sich zum nächsten Einstellungstermin erneut bewerben. Umgekehrt kumulieren auch die „Fehlbeträge“. Jede Stelle, die nur notdürftig mit Pensionären, Studierenden oder Vertretungskräften besetzt wurde, muss erneut ausgeschrieben werden.

Schon seit Jahren greifen die Schulbehörden zunehmend auf nicht voll ausgebildete Bewerberinnen und Bewerber zurück, um den Bedarf zu decken. Seit 2013 veröffentlicht die KMK auch hierzu jährlich Zahlen. Damals waren es bundesweit noch deutlich unter 1.000, im vergangenen Jahr schon über 4.000 Quer- und Seiteneinsteiger. Für Sommer 2018 liegen die Daten noch nicht vor. Doch eine Umfrage bei den GEW-Landesverbänden hat gezeigt, dass sich der Trend ungebrochen fortsetzt – mit regionaler Schieflage: Während in Bayern oder Rheinland-Pfalz nahezu alle Stellen mit „Laufbahnbewerbern“ besetzt werden konnten, hat Berlin zu rund zwei Dritteln Neulehrkräfte ohne volle Befähigung für das Lehramt eingestellt. Angebote zur Nachqualifizierung halten weder qualitativ noch quantitativ mit dieser Entwicklung Schritt.

Die GEW hat zeitgleich mit der KMK-Prognose ein 10-Punkte-Programm gegen Lehrkräftemangel“ vorgelegt und unterbreitete KMK und Ländern das Angebot, gemeinsam Wege aus der Misere zu entwickeln und umzusetzen. „Wir sind gesprächsbereit und unterstützen die Länder in dieser Notlage. Die Belastungen durch die Mangelsituation dürfen nicht länger auf dem Rücken der Lehrerinnen und Lehrer ausgetragen werden“, erklärte GEW-Vorsitzende Marlis Tepe. Bleibt zu hoffen, dass die Länder sich bewegen und einsehen, dass sich der aktuelle Notstand am besten sozialpartnerschaftlich angehen lässt.

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