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CoronapandemieKeine Tablets für Geflüchtete

Im zweiten Corona-Lockdown mussten die Schulen wieder auf Distanzunterricht umstellen. Zu den Gruppen, die besonders gefährdet sind, im Lernprozess abgehängt zu werden, zählen Kinder und Jugendliche in Flüchtlingsunterkünften.

08.02.2021 - Interview: Jeannette Goddar, freie Journalistin

Ein Gespräch mit Anja Rosswinkel vom Berliner Projekt Family Guides.

  • E&W: Schon wenige Wochen nach der ersten Schulschließung im März kündigte der Berliner Senat an, sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler mit Tablets auszustatten, um ihnen eine Teilnahme am Distanzunterricht zu ermöglichen. Davon sollten auch Schülerinnen und Schüler in den Geflüchtetenunterkünften profitieren. Wie hat das funktioniert?

Anja Rosswinkel: Leider nicht gut: Nach allem, was wir wissen, hat noch niemand der rund 900 Schülerinnen und Schüler in den von uns betreuten Unterkünften ein Tablet bekommen. Sobald die lang ersehnten Geräte auftauchten, würden wir das erfahren. Es würde sich schnell herumsprechen, wenn plötzlich ein Schüler oder eine Schülerin am Tablet lernt.

  • E&W: Wie kann es sein, dass geflüchtete Schülerinnen und Schüler bisher außen vor blieben? Schließlich wurden bereits vor den Sommerferien 9.500, rund um die Weihnachtsferien noch einmal gut 20.000 Geräte verteilt.

Rosswinkel: Dem ersten Schwung, also den 9.500 Tablets, die Berlin aus Landesmitteln recht früh beschafft hat, habe ich regelrecht hinterhertelefoniert – und 40 Schulen angerufen, die Schülerinnen und Schüler der Gemeinschaftsunterkünfte im Berliner Bezirk Pankow besuchen. Das Ergebnis war ernüchternd: Nur eine Schule hatte 80 bis 90 Geräte bekommen, alle anderen eher zehn bis 20. Damit war nur ein Bruchteil dessen angekommen, was beantragt worden war, ich schätze höchstens 10 Prozent. Dabei hatten die Schulen im Vorfeld lange Tabellen mit den Namen der Schülerinnen und Schüler gefüllt – damit die, die sie benötigen, dann persönliche Geräte bekommen.

  • E&W: Was war mit den Tablets geschehen?

Rosswinkel: Viele Schulen hatten sie nicht verteilt, weil sie sich vor eine schwierige Entscheidung gestellt sahen: Wenn 100 Kinder und Jugendliche ein Lerngerät benötigen, welchen zehn geben sie dann eins? Also wurden die Tablets hauptsächlich innerhalb der Schulen eingesetzt, im Unterricht oder in Lernbüros. Nun findet aber ja seit Mitte Dezember vergangenen Jahres erneut kein Präsenzbetrieb statt. Und eine Entscheidung, wem man die Geräte mitgibt und wem nicht, kann man im Grunde immer noch nicht fällen.

  • E&W: Allerdings sind mehr Geräte hinzugekommen, und es wird weitere geben: 50.000 sollen es werden.

Rosswinkel: Aber der Bedarf liegt bei Geräten für 150.000 Kinder und Jugendliche in Berlin, so viele sind im Besitz des an das Arbeitslosengeld II gekoppelten Berlin-Passes. Es bleiben also zu wenige Geräte für die Geflüchteten übrig. Meines Erachtens wäre es sinnvoller gewesen, die Schulen nach und nach auszustatten, das aber dann jeweils bedarfsdeckend. Bei der Priorisierung der Schulen hätte der Anteil der geflüchteten Schülerinnen und Schüler berücksichtigt werden können, die meist in sogenannten Willkommensklassen unterrichtet werden, und mitten drin sind, die deutsche Sprache zu erlernen.

  • E&W: Wie wird in den Willkommensklassen aktuell gearbeitet?

Rosswinkel: Wir bekommen über die Family Guides mit, dass sich viele Lehrkräfte große Mühe geben und tun, was unter nicht-digitalen Bedingungen möglich ist: Sie kopieren Arbeitsblätter, stellen sie den Heimen zu und korrigieren dann die Aufgaben, die auf Papier erledigt wurden. Beim Spracherwerb hilft das wenig; für den ist es wichtig, zu sprechen. Wir hören, dass es vielen Schülerinnen und Schülern aus geflüchteten Familien schwerfällt, sich zu motivieren, weil ihnen die Rückkopplung fehlt. Ihre Eltern können ihnen in sprachlichen Fragen oft auch nicht helfen. Umso wichtiger wären ein digitaler Kontakt, Lernsoftware und spezielle Projekte für diese spezielle Gruppe.

  • E&W: Wie sind die räumlichen Lernbedingungen in den Unterkünften?

Rosswinkel: Nicht gut, auch wenn sich seit dem ersten Lockdown in mancher Hinsicht etwas verbessert hat. Damals gab es fast überall nur in den Aufenthaltsräumen WLAN – und die waren wegen Infektionsgefahr komplett gesperrt. Fernseher, auf denen die Familien die Bildungsprogramme hätten schauen können, die ja durchaus vielfach von den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern angeboten werden, gab es ebenfalls kaum. Beim WLAN hat das Landesamt für Flüchtlinge inzwischen nachgerüstet. Was bleibt, ist die Enge: Wir haben es mit Familien zu tun, die auf 20 bis 30 Quadratmetern zusammenleben – und, wie alle anderen auch, ohne triftigen Grund das Haus nicht verlassen dürfen.

  • E&W: Haben Sie einen Vorschlag, wo die Leute hin sollen?

Rosswinkel: Ja: Es wäre klasse, wenn die aktuell leerstehenden Hostels und Hotels genutzt werden könnten, zumindest für Lernräume oder ähnliches. Das würde die Situation in den Unterkünften entspannen.

Das Projekt Family Guides wird von drei Berliner Trägern der freien Jugend-hilfe organisiert: Stützrad gGmbH, Ostkreuz Jugendhilfe Nord gGmbH und LebensWelt gemeinnützige Gesellschaft für Förderung von Familie, Jugend, Arbeit und Gesundheit mbH.

Die Richtschnur für die Maßnahmen in der Schule sollen nach Ansicht der GEW die Empfehlungen des Robert Koch-Instituts sein. Dafür schlägt die GEW ein Fünf-Punkte-Programm vor:

5-Punkte-Programm zum Gesundheitsschutz an Schulen
Ab der 5. Klasse muss das gesellschaftliche Abstandsgebot von 1,5 Metern gelten. Dafür müssen Klassen geteilt und zusätzliche Räume beispielsweise in Jugendherbergen gemietet werden.
Um die Schulräume regelmäßig zu lüften, gilt das Lüftungskonzept des Umweltbundesamtes. Können die Vorgaben nicht umgesetzt werden, müssen sofort entsprechende Filteranlagen eingebaut werden.
Die Anschaffung digitaler Endgeräte für Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler muss endlich beschleunigt werden. Flächendeckend müssen eine datenschutzkonforme digitale Infrastruktur geschaffen und IT-Systemadministratoren eingestellt werden. Zudem müssen die Länder Sofortmaßnahmen zur digitalen Fortbildung der Lehrkräfte anbieten.
Für die Arbeitsplätze in den Schulen müssen Gefährdungsanalysen erstellt werden, um Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler besser zu schützen.
Transparenz schaffen: Kultusministerien und Kultusministerkonferenz müssen zügig ihre Planungen umsetzen, wöchentlich Statistiken auf Bundes-, Landes- und Schulebene über die Zahl der infizierten sowie der in Quarantäne geschickten Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler zu veröffentlichen. „Wir brauchen eine realistische Datenbasis, um vor Ort über konkrete Maßnahme zu entscheiden“, sagte GEW-Vorsitzende Marlis Tepe. 

Übersicht: Alles, was sich an Bildungseinrichtungen mit Blick auf den Gesundheitsschutz in Corona-Zeiten ändern muss.