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„Keine Schulen von gestern bauen“

Schulen leiden unter Sanierungsstau und müssen zugleich immer neue Aufgaben bewältigen. Was heißt das für die Finanzierung und Planung von Schulgebäuden? Ein Gespräch mit Martin zur Nedden vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu).

08.06.2018 - Matthias Holland-Letz, freier Journalist

  • E&W: Kaputte Schulgebäude, Schimmel an den Wänden, unhygienische Toiletten: Um diese Mängel zu beseitigen, beschloss die Bundesregierung 2016, 3,5 Milliarden Euro an finanzschwache Kommunen zu zahlen. Weitere zwei Milliarden Euro sollen nun für den Ausbau des Ganztags bereitgestellt werden. Also Licht am Ende des Tunnels?

Martin zur Nedden: Ein positives Signal. Neben dem finanziellen Aspekt ist aber auch die Umsetzung wichtig. Es gibt Kapazitätsengpässe bei der Bauindustrie, auch infolge anderer Aufgaben wie dem Wohnungsbau. Zudem sind die freien Planungsbüros ausgebucht. Das führt zu erheblichen Problemen.

  • E&W: Die Kommunen haben doch eigene Planungsabteilungen. Wie sieht es damit aus?

Zur Nedden: Dort fehlen ebenfalls Kapazitäten. Der Personalbestand in den städtischen Bauämtern ist in den vergangenen 20 Jahren drastisch reduziert worden. Das ist nicht unbedingt ein Versäumnis der Städte. Diese wurden von den kommunalen Aufsichtsbehörden zum Personalabbau angehalten, um einen ausgeglichenen Haushalt zu erreichen. „Gespart“ haben wir aber nur vordergründig. Tatsächlich wurde Substanz verzehrt.

  • E&W: Was fordern Sie, um den Sanierungsstau zu beseitigen?

Zur Nedden: Die Kommunen brauchen mittel- und langfristige Finanzierungssicherheit, um Bestandspflege und Neubau sinnvoll betreiben zu können. Ad-hoc-Aktionen bergen die Gefahr, dass es zu suboptimalen Ergebnissen kommt, da der erforderliche Planungsvorlauf fehlt.

  • E&W: Der Ganztag wird ausgebaut. Kinder und Heranwachsende verbringen viel mehr Zeit in der Schule als früher. Wie muss die Planung darauf reagieren?

Zur Nedden: Man braucht andere Aufenthaltsqualitäten sowohl in den Gebäuden wie auf den Freiflächen. Vielfältige Nutzungen müssen möglich sein. Ganztagsschule ist Teil der Lebenswelt und nicht nur „Kinderaufbewahrungsort“.

  • E&W: Inklusion, Digitalisierung, neue Lernformen: Wie sieht die Schule aus, die dem gerecht wird?

Zur Nedden: Wichtig sind flexible Grundrisse, die unterschiedliche Nutzungen ermöglichen, unter anderem durch das Zuschalten oder das Wegnehmen von Flächen. Wir brauchen Räume, die unterschiedliche Vermittlungsformen erlauben und nicht nur Frontalunterricht.

  • E&W: Welche Chancen bieten lokale Bildungslandschaften, also das Zusammenlegen von Schulen mit anderen Bildungseinrichtungen?

Zur Nedden: Chancen für Synergien, etwa durch die Zusammenarbeit mit Quartierseinrichtungen. Dann wird ein Objekt nicht nur am Tag genutzt, sondern zum Beispiel auch für abendliche Aktivitäten. Das kann inhaltlichen und finanziellen Mehrwert erzeugen. Dazu ist wichtig, alle zukünftigen Nutzer frühzeitig in die Planung einzubinden.

  • E&W: Kennen Sie Schulgebäude, die für die Herausforderungen der Zukunft besonders gut gewappnet sind?

Zur Nedden: Erfreulicherweise gibt es dafür eine Reihe von Beispielen. Beeindruckt hat mich die Stadtteilschule in der Gartenstadt Drewitz in Potsdam. Diese Plattenbauschule wurde nicht nur saniert, sondern weiterentwickelt, mit einem transparenten Verbindungsbau. Da ist heute auch die Volkshochschule drin, da finden Quartiersaktivitäten statt. Das wirkt offen und freundlich, man fühlt sich wohl dort.

  • E&W: Nochmal zur aktuellen Lage: Viele Städte und Gemeinden stehen unter Handlungsdruck, weil die Einwohnerzahl zunimmt, auch durch geflüchtete Menschen. Die Stadt Köln beispielsweise hat angekündigt, dass sie in den kommenden Jahren mehr als 40 zusätzliche Schulen bauen muss. Welche Gefahren drohen?

Zur Nedden: Der Zeitdruck in vielen Kommunen erschwert die notwendige hochwertige, innovative Planung. Wir laufen Gefahr, Schulen von gestern für die Bildung von morgen zu bauen, indem wir die alten Muster fortschreiben. Wir sollten alles tun, um das zu vermeiden.

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