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Lehrkräfte in der NS-ZeitKein ruhmreiches Kapitel

Der Erziehungswissenschaftler Hans-Peter de Lorent erforscht die Verstrickungen Hamburger Lehrkräfte in der NS-Zeit und will andere ermutigen, dies auch zu tun.

24.05.2019 - Esther Geißlinger, freie Journalistin

  • E&W: Herr de Lorent, Sie befassen sich seit fast 40 Jahren mit Hamburgs Schullandschaft unterm Hakenkreuz. Soeben haben Sie den dritten Band der Reihe „Täterprofile“ herausgebracht. Ist das ein Abschluss?

Hans-Peter de Lorent: Das Thema Schule und NS-Zeit wird mich mein Leben lang begleiten. In den drei Bänden „Täterprofile“ habe ich die Lebensgeschichten von 180 Menschen aufgeschrieben und bei der Recherche weitere wichtige Personen im Bildungs- und Kulturbereich erfasst. Darunter sind neben Schulleitern und Verantwortlichen in Behörden auch viele, die spezifische Gemeinheiten begangen haben. Ich könnte noch einen Band schreiben, aber das bringt uns in der Sache nicht weiter.

  • E&W: Gibt es Täter, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

De Lorent: Ja, etwa Albert Henze. Eine üble Gestalt. Er zählte zu den Schlimmsten, weil er Schülerinnen und Schüler aus der Swing-Jugend regelrecht verfolgt und mehrere ins KZ gebracht hat. Er wurde trotz hoher Funktion nur als Mitläufer eingestuft und unterrichtete später in Lübeck.

  • E&W: Es gab auch Menschen, die in der NS-Zeit aktiv waren und später positiv gewirkt haben. Etwa Walter Bärsch (1914–1996), der sich nach dem Krieg für die Rechte von Kindern und Jugendlichen einsetzte und von 1966 bis 1980 Mitglied des Hauptvorstandes der GEW war. War es ein Schock, von seiner Parteimitgliedschaft zu erfahren?

De Lorent: Allerdings, weil ich ihn gut kannte und für jemand hielt, der damals anständig geblieben ist. Durch die Recherche kam heraus, dass es anders war. Vielleicht lässt sich daraus die Erkenntnis ziehen, dass manche aus ihren Fehlern gelernt haben.

  • E&W: Wie schwierig war es, an die Fakten zu kommen? Sie schreiben an einer Stelle, der Datenschutz schütze die Täter bis heute.

De Lorent: Als ich mich 1979 erstmals mit dem Thema befasste, lebten viele Täter noch. Inzwischen gibt es die Freigabe für die Akten. Wer zur NS-Zeit forscht, kann leichter als vor 30 Jahren in den Landesarchiven Anträge stellen. Ich kann nur dazu ermuntern, auch in anderen Bundesländern an das Thema ranzugehen.

  • E&W: Sie haben viele Informationen von damaligen Schülern erhalten. Deren Zahl nimmt naturgemäß ab. Ist es schon zu spät?

De Lorent: Natürlich muss man Durchhaltevermögen zeigen, aber die Grunddaten sind da. Jeder Deutsche über 18 Jahre musste sich entnazifizieren lassen, die Akten liegen in den Landesarchiven. Über die Lehrerinnen und Lehrer lässt sich die Schulgeschichte erforschen, das kann spannend für historisch interessierte Pädagogen und Projektgruppen sein. Die Schüler brennen meiner Erfahrung nach darauf zu erfahren, was an ihrer Schule los war.

  • E&W: Eine Ihrer Forschungsfragen lautete, wie Hamburg, ehemals Hochburg der Reformpädagogik, nationalsozialistisch werden konnte. Haben Sie eine Antwort gefunden?

De Lorent: Die Nazis hatten 1933 eine „geniale Idee“: Durch das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums konnten sie missliebige Leute entlassen und neue einstellen. So wurden die Reformpädagogen durch eine junge Generation ersetzt, die bis dahin keine Festanstellung hatte und den Nazis ihre Karriere verdankte.

  • E&W: Ein weiteres Thema ist die Entnazifizierung. Sie nennen sie „kein ruhmreiches Kapitel“, zeichnen aber dennoch ein differenziertes Bild.

De Lorent: Ich glaube, meine Forschung trägt zur Differenzierung bei – auch bei mir selbst. Ich bin mit Empörung rangegangen, inzwischen sehe ich es pragmatischer, ähnlich wie Hamburgs ehemaliger und unverdächtiger Bürgermeister Max Brauer (SPD). Er sagte, mit den 5 Prozent der Deutschen, die nicht nationalsozialistisch verstrickt waren, konnte man keinen Staat aufbauen. Das gilt auch für die Schule, bitter, aber wahr. Um den Unterricht abzudecken, wurden auch belastete Lehrer wieder eingestellt. Anfangs gab es sogenannte Entbräunungskurse, aber selbst das stoppte irgendwann. Wer klug war, wartete ein paar Jahre und kehrte dann in den Schuldienst zurück.

  • E&W: Forschen und schreiben Sie weiter?

De Lorent: Ja, aber nun kreativ statt rein dokumentarisch. Ich plane einen Roman über den Naumann-Kreis um Werner Naumann, den ehemaligen Staatssekretär von Josef Goebbels. Sein neo-nationalsozialistischer Geheimbund versuchte 1953 die FDP zu unterwandern.

Hans-Peter de Lorent (Jahrgang 1949) arbeitete viele Jahre als Lehrer in Hamburg. Von 1990 bis
1996 war er Landes-vorsitzender der GEW der Hansestadt; zwischen 1997 und 2001 gehörte er als Abgeordneter der Grün-Alternativen Liste (GAL) der Hamburger Bürgerschaft an.

 

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