GEW - Die Bildungsgewerkschaft
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Kein Licht am Ende des Tunnels

Nur wenige Wochen nach dem jüngsten Gaza-Krieg und im Angesicht neuer Gewalt zwischen Juden und Moslems in Jerusalem besuchte eine achtköpfige GEW-Delegation unter Leitung der Vorsitzenden Marlis Tepe vom 18. – 24. Oktober Israel und die palästinensischen Autonomiegebiete im Westjordanland.

28.10.2014 - Franz Dwertmann, Manfred Brinkmann

Fotos: Manfred Brinkmann

Die Reise war lange geplant und folgte einem Antrag des GEW-Gewerkschaftstags 2013, der bekräftigte, dass „Schülerinnen und Schüler sowie ihre Lehrkräfte in Israel, in den von Israel besetzten palästinensischen Gebieten und in Gaza einen Anspruch darauf haben, in Frieden und unbehelligt von kriegerischer Gewalt und Aggressionen in Schulen zu lernen und zu unterrichten.“

Der Beschluss forderte die GEW zudem auf, „die bilateralen Kontakte und Kooperationen mit der palästinensischen Lehrergewerkschaft GUPT sowie den israelischen Lehrergewerkschaften auszubauen und zu vertiefen und alle Möglichkeiten zu nutzen, die dem Dialog und der Verständigung zwischen diesen Gewerkschaften dienen.“ Hinzu kam, dass die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe kürzlich auch in das Nahost-Beratungskomitee der Bildungsinternationale, dem weltweiten Dachverband der Bildungsgewerkschaften, berufen wurde.

Gute Gründe also, mit einer GEW-Delegation in den Nahen Osten zu reisen und in Tel Aviv, Sderot, Jerusalem, Ramallah und Bethlehem Kitas und Schulen zu besuchen sowie Gespräche mit Lehrerinnen und Lehrern, GewerkschafterInnen, dem deutschen Botschafter in Israel, VertreterInnen der beiden Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Tel Aviv und Jerusalem, Deutsch-Fachberaterinnen an Sprachdiplomschulen und Friedensfachkräften im Willy-Brandt-Zentrum zu führen.

Neben der GEW-Vorsitzenden Marlis Tepe nahmen die Schatzmeisterin Petra Grundmann, das Vorstandsmitglied für Tarif- und Beamtenpolitik Andreas Gehrke, die GEW-Landesvorsitzenden Sigrid Baumgardt (Berlin), Günther Fuchs (Brandenburg) und Klaus-Peter Hammer (Rheinland-Pfalz), der GEW-Beauftragte für die deutsch-israelischen Seminare und Vorsitzende der GEW Arbeitsgruppe AuslandslehrerInnen Franz Dwertmann sowie der Referent für Internationales, Manfred Brinkmann an der Reise teil.

Die GEW pflegt seit vielen Jahren gute Beziehungen sowohl zur israelischen Histadrut HaMorim als auch zur palästinensischen General Union of Palestinian Teachers (GUPT), die wie die GEW Mitglieder der Bildungsinternationale sind. Die zwei Lehrergewerkschaften sind die größten Einzelgewerkschaften in Israel bzw. Palästina, gehören jedoch keinem Gewerkschaftsdachverband an. Beide werden – obwohl die Mitgliedschaft in der Mehrheit weiblich ist – von Männern geführt und beide sind – so zumindest der Eindruck der GEW-Delegation – relativ regierungsnah.

Hoher gewerkschaftlicher Organisationsgrad

Bei der Histadrut HaMorim konnte man feststellen, wie unterschiedlich die Schwerpunkte in der Gewerkschaftsarbeit sein können: Generalsekretär Joseph Wassermann berichtete nicht ohne Stolz über die vor ein paar Jahren mit der Regierung vereinbarte Reform „New Horizon“, die den LehrerInnen Einkommenszuwächse zwischen 17 und 47 Prozent brachte (allerdings auf einem sehr niedrigen Ausgangsniveau), aber auch ein ganz neues Arbeitszeitmodell mit 37 Stunden Anwesenheitspflicht in der Schule (incl. Stechuhr), verbunden mit der Möglichkeit, stundenweise auch mit einzelnen Schülern und in Kleinstgruppen zu arbeiten .

Die Gewerkschaft, die rund 130.000 Mitglieder vertritt, führt ihre Stärke auch auf einen 17 Milliarden Schekel starken Fonds zurück, der z.T. auf staatlichen Zuwendungen beruht und den Mitgliedern z.B. günstigen Kredite beim Häuser- oder Autokauf vermittelt, aber auch ein Sabbatjahr ermöglicht, in dem neben der beruflichen Fortbildung auch „persönliche Entwicklung“ durch „Bewusstseinsbildung“ und kultureller Entfaltung gefördert werden.

Dass es im israelischen Bildungswesen durchaus Probleme gibt, wurde bei einem Workshop der Friedrich-Ebert-Stiftung deutlich, wo über große Schwierigkeiten mit der Inklusion berichtet, die rasante Zunahme orthodoxer Schulen beklagt und kontrovers über Manpower-Firmen diskutiert wurde, die junge LehrerInnen an staatliche Schulen vermitteln.

Besuche am Gaza-Streifen

Wir besuchten zwei Kindergärten in Negev Haasara an der Grenze zu Gaza, wurden an Sperranlagen und Mauern geführt und konnten mit eigenen Augen zerbombte Teile von Gaza-Stadt sehen. In Sderot präsentierte man uns das Arsenal von Kassam-Raketen, die aus dem Gaza-Streifen auf die israelische Kleinstadt und die nähere Umgebung, auch auf Schulen und Kindergärten, niedergegangen sind – 28.000 Raketen haben die Israelis seit dem Jahr 2001 gezählt. Wir hörten von pädagogisch-psychologischen Konzepten, mit Traumatisierungen von Schülern umzugehen, die bei Raketenalarm 15 Sekunden Zeit haben, um einen sicheren Bunker zu erreichen.

Es gab bewegende Augenblicke in der Gedenkstätte Yad Vashem. Wir erörterten die Modalitäten der deutsch-israelischen Gewerkschaftsseminare zum Holocaustgedenken, die es seit über 40 Jahren gibt und versprachen, uns bei der KMK für eine Institutionalisierung des deutsch-israelischen wie des deutsch-palästinensischen Schüleraustauschs einzusetzen.

Kein Dialog erwünscht

Von Tel Aviv am Mittelmeer ist es nur eine gute Stunde bis Ramallah. Obwohl die provisorische Hauptstadt der Palästinenser mit ihren UN-Einrichtungen und hunderten Nichtregierungsorganisationen, einem gewaltigen Bauboom der aufstrebenden Mittelklasse und vielen (oft amerikanischen) Privatschulen fast modern anmutet, waren die politischen Positionierungen in unseren Gesprächen strikt.

Marlis Tepe überbrachte GUPT-Generalsekretär Ahmet Sahwiil und seiner Gewerkschaft die Grüße des Histadrut HaMorim Generalsekretärs Joseph Wassermann, verbunden mit dem Wunsch nach gutnachbarschaftlichen Kontakten. Sie warb außerdem dafür, dass die GUPT die palästinensischen Anliegen in das Nahost-Beratungskomitee der Bildungsinternationale einbringen soll. Ohne Erfolg.

Ahmet Sahwiil beklagte das Leiden der palästinensischen Bevölkerung im Gaza-Streifen nach den Zerstörungen des jüngsten Krieges und machte deutlich, dass es angesichts fortgesetzter Siedlungspolitik, fehlender Bewegungsfreiheit für Palästinenser, ständiger Schikanen der Besatzer und Behinderungen des Schulbaus in den von Israel kontrollierten C-Zonen, die rund sechzig Prozent des Westjordanlands umfassen, weder Kontakte noch Dialog mit den Israelis geben könne – auf welcher Ebene auch immer. Der Gaza-Schock sitzt tief.

Streik in Talitha Kumi

An weiterem Austausch und Zusammenarbeit mit der GEW zeigte sich die GUPT jedoch sehr interessiert, wie etwa an einem Besuchs- und Seminarprogramm für palästinensische Schulleiterinnen in Deutschland. In Ramallah konnten wir zwei Vorzeige-Schulen besuchen, die mit staatlichen Geldern aus Spanien bzw. Deutschland gebaut worden waren.

Wir trafen den palästinensischen Vize-Bildungsminister, der sich wünschte, dass die GEW mehr Kooperationen mit den Palästinensern im Bildungsbereich anstößt und uns aufforderte, die deutsche Bundesregierung zu bewegen, Palästina als Staat anzuerkennen. Auch hatten wir Gelegenheit zu einem Gespräch mit Frauen der noch jungen palästinensischen Kita-Gewerkschaft, die seit kurzem Mitglied der Bildungsinternationale ist.

Dass der GUPT die Vermittlungstätigkeit der GEW wichtig ist, wurde in einem ganz anderen Konflikt deutlich, als man uns bat, streikende Lehrerinnen und Lehrer an der Deutschen Schule Talitha Kumi bei Bethlehem zu unterstützen. Talitha Kumi ist eine christlich-muslimische Begegnungsschule mit 130-jähriger Tradition, die einen sehr guten Ruf in Palästina genießt und als Deutsche Auslandsschule durch die Entsendung von Lehrkräften aus Deutschland unterstützt wird.

Bei dem Streik der palästinensischen Lehrkräfte ging es um die Forderung nach einer seit Jahren ausstehenden Gehaltserhöhung, ganz aktuell aber auch um die Wiedereinstellung des kürzlich entlassenen stellvertretenden palästinensischen Schulleiters. Eine schwierige Gemengelage, in der Marlis Tepe der Streikversammlung die Solidarität der GEW versicherte.

GEW hält am Dialog fest

„Wir lassen uns nicht entmutigen“, so das Resumee der GEW-Vorsitzenden Marlis Tepe nach einwöchigem intensiven Programm in Israel und Palästina. „Die Kinderrechtskonvention und das Menschenrecht auf Bildung müssen für alle Kinder und Jugendlichen gelten. Dafür werden wir uns weiterhin in Gesprächen mit Israelis und Palästinensern einsetzen. Auch wenn es in der aktuellen Situation nicht möglich war, einen Gesprächsfaden zwischen GUPT und Histadrut HaMorim zu knüpfen, bin ich fest davon überzeugt, dass die GEW, die das Vertrauen beider Gewerkschaften genießt, an dem Bestreben festhalten sollte, Austauschprogramme zu organisieren und Dialog anzubieten.“

 

 

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