GEW - Die Bildungsgewerkschaft
Du bist hier:

Kommentar Kein Land in Sicht

Es fehlt weiter an Erzieherinnen und Erziehern sowie Lehrkräften. Wollen wir einer stärkeren Spaltung der Gesellschaft entgegentreten, darf die Politik das Ausmaß der Bildungskatastrophe nicht verschleiern, sondern muss Lösungen finden.

12.02.2020 - Marlis Tepe, GEW-Vorsitzende

Noch sind die Statistiken zum Schulhalbjahr nicht veröffentlicht. Erste Zahlen zeigen jedoch: Der Mangel an Lehrkräften in Grund-, Förder- und beruflichen Schulen ist weiterhin dramatisch. Die Disparitäten werden größer. Während Stellen in beliebten Regionen zum Beispiel im Bezirk Detmold in Nordrhein-Westfalen zu 100 Prozent besetzt werden können und es für beliebte Städte wie Leipzig oder Dresden einen Überhang an Bewerberinnen und Bewerbern gibt, fehlt es eklatant an Bewerberinnen und Bewerbern für Duisburg, Berliner Brennpunktschulen oder in ländlichen Regionen mit sinkender Bevölkerungszahl. In den meisten Ländern gibt es zudem noch zu viele Gymnasiallehrkräfte.

Die Reaktion der bayerischen Landesregierung, die Pflichtstundenzahl in den Grundschulen vorübergehend heraufzusetzen, wird von manchen praxisfernen Kommentatoren als gute Lösung verstanden. Das aber ist der falsche Weg! Denn so werden Fehlsteuerungen der Landesregierungen allein auf dem Rücken der Lehrkräfte ausgetragen. Das macht die Grundschule für angehende Lehrerinnen und Lehrer nicht attraktiver. Seit Jahrzehnten haben Grundschullehrkräfte die höchste Unterrichtsverpflichtung, seit Jahrzehnten steigen die Anforderungen neben dem Unterricht – die Arbeit verdichtet sich. Arbeitszeitstudien aus Niedersachsen zeigen, dass insbesondere die Grundschullehrkräfte Überlast fahren. Außerdem sind in Ländern mit festen Grundschulzeiten von 24 oder 26 Unterrichtsstunden Lehrkräfte mit mehr Pflichtstunden nicht sinnvoll einsetzbar.

Was muss also getan werden? Zunächst müssen alle Lehrkräfte nach mindestens A13 besoldet oder E13 bezahlt werden. Dann steigt die Möglichkeit, das Überangebot von Gymnasiallehrkräften überall zu nutzen, denn damit ist es für diese Kolleginnen und Kollegen auch attraktiv, vorübergehend oder auf Dauer an die Grundschule zu wechseln. Die Finanzminister der Bundesländer, die diesen Schritt noch nicht vollzogen haben, müssen das unbedingt nachholen. Bayern gehört dazu!

Was gar nicht geht: Kürzungen der Stundentafeln, Minderung von Ausgleichstatbeständen, Abschaffung von Förderungs- und Differenzierungsmaßnahmen.

Altersermäßigungen müssen spürbar greifen, damit die älteren Kolleginnen und Kollegen bis zur Altersgrenze in der Schule bleiben. Qualifizierungsmaßnahmen sind bei Schulartwechsel nötig. Unsinnige beamtenrechtliche Laufbahn-Bestimmungen aber gehören auf den Prüfstand und müssen pragmatischen Regelungen weichen, die es für die Lehrkräfte interessant machen, sich für mehrere Schularten zu öffnen. Auf Dauer muss die Ausbildung in den Universitäten, wie in den GEW-Leitlinien für die Lehrkräftebildung ausgearbeitet, pädagogisch breit aufgestellt werden, um dann eine Spezialisierung auf wenige Stufenlehrämter zu vertiefen.

Schulen an sozial benachteiligten Standorten müssen erhebliche zusätzliche Ressourcen erhalten, Lehrkräfte brauchen merkliche, tatsächliche zeitliche Entlastung und Fachkräfte aus anderen Professionen wie Sozialpädagoginnen und -pädagogen, Theaterpädagoginnen und -pädagogen oder Künstlerinnen und Künstler. Auch dafür müssen die Finanzministerinnen und -minister zusätzlich in die Tasche greifen, denn eine Umverteilung würde auf zu viel Widerstand stoßen.

Was gar nicht geht: Kürzungen der Stundentafeln, Minderung von Ausgleichstatbeständen, Abschaffung von Förderungs- und Differenzierungsmaßnahmen. Das ist nicht nur für die tägliche Praxis inakzeptabel. Das dürfen auch keine Maßnahmen sein, mit denen der Stellenbedarf runtergerechnet wird, damit der Mangel an Personal in der öffentlichen Wahrnehmung geringer ausfällt.

Wir wissen, dass die Lage weiter schwierig bleibt: Es fehlt an Erzieherinnen und Erziehern und Lehrkräften, an Schulgebäuden, an Bauflächen, an Personal im Baubereich und in den Stadtverwaltungen. Wenn wir alle einer stärkeren Spaltung der Gesellschaft entgegentreten wollen, darf die Politik das Ausmaß der Bildungskatastrophe aber nicht verschleiern, sondern muss konstruktiv nach Lösungen suchen.

Zurück