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DigitalisierungKein Ende der Arbeit

Auch wenn mit der Digitalisierung ein Strukturwandel verbunden ist, sind Panikprognosen fehl am Platz. Viele negative Entwicklungen gehen stärker auf jahrelange Deregulierung zurück als auf neue Technologien. Die Gewerkschaften sind gefragt.

11.10.2018 - Gerhard Bosch, Seniorprofessor für Arbeits- und Wirtschaftssoziologie am Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ), Universität Duisburg-Essen

Wie alle großen technologischen Umbrüche weckt auch die Digitalisierung Ängste bei vielen Beschäftigten. Geschürt werden diese nicht zuletzt durch Horrorprognosen aus der Wissenschaft. Ein Beispiel dafür ist eine Studie von Carl Benedict Frey und Michael Osborne aus 2013, die durch die Weltpresse ging und laut der in den kommenden 20 Jahren 47 Prozent aller Arbeitsplätze durch den Einsatz digitaler Technologien verloren gehen sollen. Im Einzelnen sind die Prognosen der beiden Wissenschaftler, deren Studie auf Einschätzungen von Ingenieuren der Universität Oxford basiert, mehr als fraglich: So werden Köchen Arbeitsplatzverluste von 96 Prozent, Dachdeckern von 90 Prozent vorausgesagt. Beides ist nur bei völlig unrealistischen Szenarien – es gibt nur noch Fast Food, alle Dächer werden vorgefertigt und per Hubschrauber aufgesetzt – denkbar.

Damit die Szenarien zuträfen, müsste die Produktivität pro Arbeitsstunde schneller wachsen als in der Vergangenheit. Das Gegenteil ist der Fall! In Deutschland wie in allen anderen entwickelten Volkswirtschaften sank der Zuwachs der Stundenproduktivität in den vergangenen Jahrzehnten von mehr als 4 Prozent pro Jahr Anfang der 1970er-Jahre auf knapp 1 Prozent seit 2010. Die dahinterliegenden Gründe sind vielfältig. Am wichtigsten sind: die Zunahme personalintensiver Dienstleistungen, die sich nicht so einfach rationalisieren lassen; nicht gemessene Qualitätsverbesserungen der Produkte sowie die wachsenden Dokumentationspflichten, die Produktivitätsgewinne schlucken. Und: Überfällige Qualitätssteigerungen bei persönlichen Dienstleistungen wie die Verbesserung der Lehrkraft-Schüler- oder der Pfleger-Pflegende-Relation würden sich sogar in einer sinkenden Stundenproduktivität niederschlagen.

Realistischere Prognosen gehen von weit geringeren Auswirkungen der Digitalisierung auf die Beschäftigung aus; allerdings werden beträchtliche Verschiebungen zwischen den Branchen erwartet. Auf der Gewinnerseite werden wissensintensive und persönliche Dienstleistungen stehen. Beschäftigungsverluste wird es im gewerblichen Bereich, aber auch in Dienstleistungsbranchen wie dem Bankensektor geben. Und: Diese Verluste werden auch gut qualifizierte Beschäftigte treffen.

Wer heute seinen Arbeitsplatz in einem tarifgebundenen Unternehmen verliert, muss unter Umständen mit Einkommensverlusten von bis zu 40 Prozent rechnen.

Nun beruhigt man Beschäftigte, deren Arbeitsplatz bedroht ist, nicht mit dem Hinweis, insgesamt könne die Beschäftigung steigen. Wichtiger sind die eigenen Zukunftsperspektiven im Strukturwandel. Und da kann man in Deutschland tief fallen und zwar sowohl, was das Einkommen als auch was das Qualifikationsniveau angeht: 1990 wurden noch mehr als 85 Prozent der Beschäftigten nach Tarif entlohnt; die Branchentarife stellten sicher, dass man auch bei einem Arbeitsplatzwechsel ordentlich bezahlt wurde. Auch Fortbildungen und Umschulungen wurden großzügig gefördert, sodass man seine Qualifikationen für einen Neubeginn auffrischen konnte.

Heute ist die Tarifbindung in Westdeutschland auf 57, in Ostdeutschland sogar auf 44 Prozent gesunken. Arbeitsplätze gehen besonders in traditionellen Branchen verloren – wo die Gewerkschaften stark sind und die Tarifbindung hoch ist. Neue Tätigkeiten entstehen dagegen vor allem in nichttarifgebundenen Dienstleistungsunternehmen. Das hat allerdings mehr mit der Deregulierungspolitik der vergangenen Jahrzehnte als mit Technik zu tun. So wurde den Unternehmen erleichtert, Beschäftigung in tarif- und betriebsratsfreie Zonen auszulagern. Wer heute seinen Arbeitsplatz in einem tarifgebundenen Unternehmen verliert, muss unter Umständen mit Einkommensverlusten von bis zu 40 Prozent rechnen. In Dänemark oder Schweden mit einer Tarifbindung von über 90 Prozent sehen die Beschäftigten aus guten Gründen die Gefahr eines Arbeitsplatzverlustes viel entspannter.

Die wichtigste Aufgabe der Gewerkschaften ist, das Lohngefälle zwischen den Betrieben zu verringern.

Zudem wurde mit den Hartz-Gesetzen die Förderung abschlussbezogener Weiterbildungsmaßnahmen drastisch eingeschränkt, diese sogar verdächtigt, vor allem Sonderinteressen der Weiterbildungsträger zu bedienen und Arbeitslose von der Arbeitssuche abzuhalten. In Folge sank die Zahl der Teilnehmenden an einer abschlussbezogenen Weiterbildung, die bis 2004 regelmäßig zwischen 100.000 und 200.000 Menschen pro Jahr schwankte, bis 2007 auf nur noch 34.000. Hauptziel der Arbeitsmarktpolitik war die schnelle Vermittlung in die vielen neuen schlecht bezahlten Jobs geworden. In der Weiterbildung wurde fast nur noch „Fast Food“ angeboten, wie Bewerbungstraining oder fachliche Kurzmodule. Diese Politik funktionierte, solange man sich aus einem großen Pool qualifizierter Arbeitsloser bedienen konnte. Inzwischen aber fehlen Fachkräfte allerorten und die Arbeitslosigkeit der Ungelernten, die man vor zehn Jahren hätte qualifizieren müssen, liegt bei rund 20 Prozent.

Die wichtigste Aufgabe der Gewerkschaften ist, das Lohngefälle zwischen den Betrieben zu verringern. Die erfolgreiche Kampagne für die Einführung des Mindestlohns war ein erster Schritt. Für den zweiten Schritt fehlt bislang ein überzeugendes Konzept. Die Unternehmerverbände blockieren die Allgemeinverbindlichkeitserklärungen von Entgelttarifen; ihre Mitglieder nutzen die durch die neuen Technologien verbesserten Möglichkeiten der Auslagerung von Arbeitsplätzen weiter. Überfällig ist eine politische Diskussion, wie man – notfalls auch gegen die Arbeitgeberverbände – Tarifverträge bei bestehendem öffentlichen Interesse für allgemeinverbindlich erklären kann. Ein solches Interesse könnte man beispielsweise bei einem überdurchschnittlichen Anteil von Niedriglöhnen in einer Branche unterstellen. Weil es mit staatlichen Eingriffen in die Tarifautonomie verbunden ist, ist das für die Gewerkschaften ein heikles Thema. Aber will man dem kontinuierlichen Absterben der Tarifbindung in vielen Branchen einfach weiter zuschauen?

Zudem müssen die Weiterbildungschancen verbessert werden. Das erfordert einen Paradigmenwechsel in der Arbeitsmarktpolitik: von der schnellen Vermittlung in Richtung einer nachhaltigen Förderung. Erste Schritte sind gemacht: Die Zahl der Teilnehmenden in abschlussbezogenen Weiterbildungsmaßnahmen ist zuletzt immerhin auf rund 60.000 pro Jahr gestiegen. Und: Weiterbildung muss wieder finanziell attraktiver werden. Es kann nicht sein, dass ein Arbeitsloser in einem Ein-Euro-Job pro Monat zusätzlich zu seiner Arbeitslosenunterstützung eine Aufwandsentschädigung von etwa 180 Euro bekommt, während man in einer weit anspruchsvolleren Vollzeitumschulung leer ausgeht.

Die breit angelegte deutsche Berufsausbildung ermöglicht vielen Beschäftigten, sich in neue Anforderungen in Unternehmen erfolgreich einzuarbeiten. Das ist das eigentliche Geheimnis der deutschen Wettbewerbsfähigkeit.

Schließlich gilt es, sich in der aktuellen Bildungsdiskussion vor Mythen zu hüten. Das gilt allen voran für die Aussage, die Halbwertzeit von Qualifikationen nehme durch den technologischen Fortschritt ab. In dieser Pauschalität ist das falsch! Die schulische Grundbildung hält das ganze Leben, wenn man sie nicht verkümmern lässt. Auch in der akademischen wie in der nicht akademischen beruflichen Bildung gibt es einen Grundkanon mit sehr langer Halbwertzeit: Die breit angelegte deutsche Berufsausbildung ermöglicht vielen Beschäftigten, sich in neue Anforderungen in Unternehmen erfolgreich einzuarbeiten. Das ist das eigentliche Geheimnis der deutschen Wettbewerbsfähigkeit.

Richtig ist natürlich, dass spezifische operative Kenntnisse schnell veralten und – wie schon in der Vergangenheit – einige Berufe wegfallen und neue entstehen. Die Schlussfolgerung ist, dass man den technologischen Wandel am besten mit einer guten schulischen Grundausbildung und einer breiten beruflichen Grundausbildung bewältigt. In der Berufsausbildung ist die Entwicklung breiter Kernberufe einen richtigen und wichtigen Weg gegangen. In der akademischen Ausbildung ist man mit mittlerweile 16.000 verschiedenen Master- und Bachelorabschlüssen hingegen auf dem Holzweg.

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