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StudieJugendliche lernen mit Youtube

Youtube verändert das Lernen von Schülerinnen und Schülern: Laut einer aktuellen Studie greift fast die Hälfte der Youtube nutzenden jungen Menschen für Hausaufgaben oder Prüfungen auf Erklärvideos der Plattform zurück.

05.06.2019

Spätestens seit dem Anti-CDU-Video des Youtubers Rezo ist klar geworden, welchen Einfluss die Millionen Menschen erreichende Videoplattform hat – insbesondere auf junge Leute. Eine neue Studie des Rates für Kulturelle Bildung zeigt nun darüber hinaus, welche Bedeutung Youtube auch für das schulische Lernen bereits hat: 86 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler zwischen 12 und 19 Jahren gaben an, Youtube sei eines ihrer digitalen Leitmedien. Fast die Hälfte (47 Prozent) davon nutzen selbstständig Youtube-Erklärvideos für das schulische Lernen, beispielsweise für Hausaufgaben oder Prüfungen, aber auch für künstlerische Fächer wie Musik, Kunst, Theater oder AGs wie Chor und Schulband. 

Das belegt den Angaben zufolge: Digitale Medien, auch wenn sie wie Youtube nicht als Bildungsmedium konzipiert sind, verändern die klassische Bildungskonstellation von Lehren, Lernen und Wissen grundlegend. „Tutorials und Erklärvideos, die man sich überall und jederzeit beliebig oft ansehen kann, kommen offenbar den Erwartungen von Jugendlichen von eigenen Lernrhythmen und Lernzeiten entgegen.“

„Man kann, wenn man das Medium schulseitig bewusst einsetzt, Unterricht anders aufbauen und auf diese Weise mehr Platz für individuelle Fragen und für Reflexion im Unterricht finden.“ (Eckart Liebau)

Der Vorsitzende des Expertenrates, Eckart Liebau, sagte: „Es ändern sich die Übungsformen der Schüler und damit auch die Voraussetzungen von Unterricht insgesamt. Man kann, wenn man das Medium schulseitig bewusst einsetzt, Unterricht anders aufbauen und auf diese Weise mehr Platz für individuelle Fragen und für Reflexion im Unterricht finden. Und man kann sich zur pädagogischen Eigenproduktion audiovisueller Medien anregen lassen.“ Rund die Hälfte der befragten Youtube-Nutzerinnen und Nutzer (52 Prozent) wünscht sich derweil mehr Unterstützung seitens der Schule bei der Erstellung von Videos.

Bei der Auswahl von Videos greifen sie zu 91 Prozent auf Empfehlungen von Freunden zurück, bei Tipps von Lehrkräften sind es 30 Prozent. Der Expertenrat empfiehlt daher allen Bildungs- und Kultureinrichtungen, eigene audiovisuelle Formate zu entwickeln, Bildungswelten stärker zu verschränken, aber auch Raum für kritische Auseinandersetzungen zu schaffen. Für die repräsentative Studie mit dem Titel Jugend/YouTube/ Kulturelle Bildung. Horizont 2019 wurden deutschlandweit 818 Schülerinnen und Schüler befragt. 

Deutlich kritischer sieht unterdessen die bereits im April veröffentlichte Studie Unboxing YouTube: Im Netzwerk der Profis und Profiteure der Otto-Brenner-Stiftung den Einfluss der Plattform. Davon ausgehend, dass soziale Medien wie Facebook, Twitter und Youtube für Kinder und Jugendliche zur primären Quelle für Informationen und Unterhaltung geworden sind, untersuchten die Autorinnen und Autoren, welche Botschaften dort vermittelt würden. Zentrales Ergebnis: „Die Videoplattform YouTube ist vornehmlich von trivialer, stark emotionalisierter Unterhaltung geprägt und von Produktwerbung durchzogen.“

„Die große Mehrheit predigt zudem einen ungezügelten Konsum.“ (Annette Floren)

Lutz Frühbrodt, Mediensoziologe an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt, betonte: „Wenn zuvorderst Comedy, Streiche, Online-Spiele und Schmink-Tipps das ‚Programm‘ beherrschen, dann wird den Heranwachsenden ein falsches Bild von der gesellschaftlichen Realität vorgegaukelt.“ Ganze vier der 100 untersuchten Kanäle mit den meisten Abonenntinnen und Abonnenten hätten informierenden Charakter. „So führen viele Influencer zum Beispiel ihrem meist sehr jungen Publikum Rollenbilder von Mann und Frau vor, die man für längst überwunden gehalten hat“, bemängelte Co-Autorin Annette Floren. „Die große Mehrheit predigt zudem einen ungezügelten Konsum.“

Eltern rät Frühbrodt in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau zudem: „Es hilft, sich überhaupt erst einmal dafür zu interessieren, was Kinder in Sozialen Medien und im Internet machen. Nicht, um es gegenüber den Kindern zu verteufeln, sondern um bedenkliche Inhalte zu thematisieren. Auch kann es helfen, Alternativen vorzuschlagen. Es gibt ja gute Angebote wie die des öffentlich-rechtlichen Kinderkanals Kika und des ARD-ZDF-Jugendnetzwerks Funk.“

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