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Antidiskriminierungsstelle des BundesJede elfte Person im Job sexuell belästigt

Eine neue Studie zeigt, dass Belästigung am Arbeitsplatz die Betroffenen sehr belastet. Eine Mehrheit setzt sich zwar verbal zur Wehr, aber nur wenige schalten Vorgesetzte oder Kollegen ein. Frauen sind stärker betroffen als Männer.

06.01.2020

Jede elfte erwerbstätige Person (neun Prozent der Befragten) hat in den vergangenen drei Jahren sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt. Frauen waren mit einem Anteil von 13 Prozent mehr als doppelt so häufig wie Männer (fünf Prozent) betroffen. Das zeigt eine Studie im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS). Mehr als die Hälfte (53 Prozent) der Belästigungen ging von Dritten - Kundinnen und Kunden, Patientinnen und Patienten, Klientinnen und Klienten – aus. Bei 43 Prozent der belästigenden Personen handelte es sich um Kolleginnen und Kollegen; bei 19 Prozent waren es Vorgesetzte oder betrieblich höhergestellte Personen.

Unternehmen sollen stärker eingreifen

Der kommissarische Leiter der ADS, Bernhard Franke, forderte die Unternehmen auf, „durch klare Richtlinien und Maßnahmen einzugreifen, damit sexuelle Belästigung verhindert wird – beispielsweise, indem sie feste Ansprechpersonen benennen und obligatorische Schulungen für Führungskräfte anbieten. Wenn Kundinnen und Kunden belästigen, müssen Arbeitgeber sofort einschreiten, um ihre Beschäftigten zu schützen – das kann bis zu einem Lokal- oder Hausverbot führen“. 

„Arbeitgeber und Personalvertretungen haben die Pflicht, sich aktiv mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz auseinanderzusetzen und ihr konsequent entgegenzutreten.“ (Franziska Giffey)

Auch Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) betonte: „Arbeitgeber und Personalvertretungen haben die Pflicht, sich aktiv mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz auseinanderzusetzen und ihr konsequent entgegenzutreten – egal, ob es sich um Kunden, Kolleginnen und Kollegen oder Vorgesetzte handelt.“

Verbale Belästigungen sind am häufigsten

Der Studie zufolge wurden von den Betroffenen am häufigsten verbale Belästigungen wie sexualisierte Kommentare (62 Prozent) oder Belästigungen durch Blicke und Gesten (44 Prozent) genannt. Unerwünschte Berührungen oder körperliche Annäherungen erfuhren 26 Prozent. Acht von zehn Befragten erlebten mehr als eine Belästigungssituation. 82 Prozent gaben ausschließlich oder überwiegend Männer als Täter an.

48 Prozent der betroffenen Frauen sagten außerdem, sie hätten sich durch die Belästigung mittel bis sehr stark erniedrigt und abgewertet gefühlt (Männer 28 Prozent). Von mittelstarken bis sehr starken psychischen Belastungen berichteten 41 Prozent der Frauen und 27 Prozent der Männer. 30 Prozent der Frauen und 21 Prozent der Männer empfanden die Situation als mittel bis stark bedrohlich.

Die Studie zeigte auch, dass sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz betroffenen Personen und den Betrieben schadet. Betroffene sind deutlich weniger zufrieden mit dem Arbeitsplatz, zum Teil stärker gesundheitlich beeinträchtigt und bewerteten die Beziehungen zu ihren Vorgesetzten weni­ger positiv als nicht davon Betroffene.

Nur vier Prozent suchten professionelle Hilfe

Die Mehrheit der Betroffenen gab an, sich unmittelbar nach der Belästigung verbal gewehrt zu haben (66 Prozent). Später wandten sich vier von zehn Betroffenen an Dritte, am häufigsten an Kolleginnen und Kollegen (47 Prozent), Vorgesetzte (36 Prozent), Freundinnen und Freunde sowie Familie (15 Prozent) oder Beratungsstellen und therapeutische Einrichtungen (elf Prozent). Umgerechnet auf alle Betroffenen suchten damit nur vier Prozent professionelle Unterstützung.

Rund 40 Prozent aller Beschäftigten hatten keine Kenntnis über betriebsinterne Beschwerdestellen bei Diskriminierung und sexueller Belästigung. Gesetzlich sind nach Paragraf 13 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) indes alle Arbeitgeber verpflichtet, eine solche Stelle einzurichten und bekannt zu machen.

Für die Studie „Strategien im Umgang mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz – Lösungsstrategien und Maßnahmen zur Intervention“ wurden von Juni 2018 bis Mai 2019 1.531 Beschäftigte telefonisch befragt. Die ADS startete zugleich die Informationskampagne #betriebsklimaschutz mit Tipps für Arbeitgeber. 

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