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Präventionsprojekt Ist das schon antisemitisch?

Ein neues Präventionsprojekt will Lehrkräfte im Umgang mit Antisemitismus stärken. Zum Angebot von „Antisemi…was?“ gehören Fortbildungen für Lehrkräfte und Workshops für Jugendliche.

18.09.2019 - Kathrin Hedtke, freie Journalistin

Jugendliche brüllen „du Jude“ als Schimpfwort über den Schulhof, schmieren Hakenkreuze auf die Tafel. Bei der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main häufen sich Anfragen von Lehrkräften, in denen es um solche oder ähnliche Vorfälle geht. „Die Verunsicherung ist groß“, berichtet Bildungsreferentin Tami Rickert. „Lehrkräfte wissen meist nicht, wie sie mit so einer Situation umgehen sollen.“ Ab wann sollen sie eingreifen? Und vor allem: Wie? Das neue Präventionsprojekt Antisemi…was? will Schulen in Hessen im Umgang mit Antisemitismus stärken. Zum Angebot gehören Fortbildungen für Lehrkräfte und Workshops für Jugendliche.

Zunächst geht es darum, die Wahrnehmung zu schärfen. Manchmal sind es nur Zwischentöne, die sich in eine Debatte über den Israel-Palästina-Konflikt mischen – und ein ungutes Gefühl hinterlassen. „Ohne es immer genau greifen zu können, merke ich: Da schwingt etwas mit“, sagt die Politiklehrerin Miriam Kneller von der Max-Beckmann-Schule in Frankfurt-Bockenheim. In dem Oberstufengymnasium würden Toleranz und Vielfalt großgeschrieben, Rassismus und Antisemitismus seien tabu. „Aber manchmal frage ich mich, was unter der Oberfläche passiert“, sagt Kneller. Ähnlich geht es ihrem Kollegen Steffen Schwarz. Auch er weiß hin und wieder nicht so recht, wie er kritische Äußerungen über die Politik Israels einordnen soll. Und Dirk Kretschmer hofft auf Anregungen, wie er das Thema im Unterricht aufgreifen kann. Unter anderem deshalb haben sich die Lehrkräfte zusammen mit anderen Kolleginnen und Kollegen zur Fortbildung angemeldet.

„Wir würden gerne stärker in die Lehrerausbildung wirken.“ (Tami Rickert)

Das Team der Bildungsstätte Anne Frank kommt einen Tag lang an die Schule. Das Angebot ist kostenlos – ein Kooperationsprojekt mit dem hessischen Kultusministerium. Dafür stellt das Land 170.000 Euro bereit. Pro Jahr soll es mindestens 15 Fortbildungen für Lehrkräfte und 36 Workshops für Schülerinnen und Schüler ab der 7. Klasse geben. Das Projekt ist zunächst auf drei Jahre angelegt. Danach soll das Angebot ausgeweitet werden. „Wir würden gerne stärker in die Lehrerausbildung wirken“, sagt Rickert. Ein Beirat begleite das Projekt und erarbeite Vorschläge. Ziel sei, das Thema im Studium oder Studienseminar zu verankern.

Rickert verweist auf eine Studie der Soziologin Julia Bernstein von der Frankfurt University of Applied Sciences, derzufolge Antisemitismus an Schulen zur Normalität gehört. Die Befragung kommt zu dem Ergebnis, dass viele jüdische Schülerinnen und Schüler aus Angst ihre Identität verheimlichten. Von Lehrkräften fühlten sie sich oft alleine gelassen.

Rickert betont, dass Schulen häufig Sorge um ihren Ruf hätten und deshalb das Thema nicht offen angingen. Hinzu komme, dass Lehrkräfte mitunter nicht sicher seien: Wollen die Jugendlichen damit provozieren oder steckt Ideologie dahinter? Dabei sei die Absicht erst einmal egal, betont die Pädagogin. Wenn ein Spruch andere Menschen verletzen könne, müssten die Lehrkräfte klar sagen: „Stopp!“ Dabei sei sinnvoll, die Schülerinnen und Schüler zu einem Perspektivwechsel anzuregen.

Fakten statt Halbwissen

Bei der Fortbildung heftet Rickert kleine Kärtchen an eine grüne Pinnwand: Wichtig sei eine wertschätzende Lernatmosphäre, heißt es auf einem Zettel. Und: Lehrkräfte sollten nicht entlarvend arbeiten. Die Referentin warnt davor, eine Äußerung per se als antisemitisch zu bezeichnen und einen Schüler damit in die Ecke zu drängen. So etwas führe in der Regel nicht zu einem reflektierten Umgang, sondern eher zu einer Abwehrhaltung. Besser wäre deshalb zu formulieren: „Was du eben gesagt hast, ist problematisch.“ Es gehe nicht darum, eine Person als antisemitisch zu brandmarken, betont Rickert.

Die Referentin verteilt mehrere Fotos auf dem Linoleumboden: „Was ist daran antisemitisch?“ Die Lehrkräfte betrachten die Bilder, diskutieren zu zweit oder dritt. Ein älteres Titelbild des Magazins Stern zeigt einen Mann mit Kippa und Tallit beim Beten, daneben feuert ein Panzer eine Rakete ab, dazu die Schlagzeile: „Israel. Was das Land so aggressiv macht. Die Geschichte des Judenstaats.“ Die Kritik der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist eindeutig: Religion und Krieg gleichzusetzen, sei fatal. Das Judentum werde als Gefahr dargestellt, bemerkt ein Lehrer, das Cover wecke Angst. Auf einem anderen Bild drückt der Rapper Kollegah ein Mikrophon an seinen Mund, singt: „Ich leih‘ dir Geld, doch nie ohne ’n jüdischen Zinssatz, äh Zündsatz.“ Ein Lehrer schüttelt den Kopf. „Oberkrass.“

In Rollenspielen trainieren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, wie sie mit konkreten Situationen umgehen können. Lehrerin Kneller findet die Idee gut, über Biografien beide Perspektiven im Israel-Palästina-Konflikt aufzuzeigen – mit dem Fokus auf die Sehnsucht nach Frieden auf beiden Seiten. Ihr Kollege Schwarz sagt, dass er viele Denkanstöße mitnimmt. Ihm sei noch einmal klar geworden, dass er mit Schülerinnen und Schülern genauso frei über den Israel-Palästina-Konflikt sprechen möchte wie über andere globale Krisenherde. Doch dabei müsse gelten: Sachlichkeit statt Polemik und Fakten statt Halbwissen.

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