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„Irgendwen irgendwoher“

Fast überall in Hessen fehlen Lehrkräfte, vor allem an Grundschulen. Freie Stellen werden oft mit Aushilfen besetzt, Förderschullehrerinnen und -lehrer sind Mangelware.

07.02.2018 - Kathrin Hedtke

Ein Junge in ihrer Klasse hat sich regelmäßig schreiend auf den Boden geworfen, heulend im Treppenhaus am Geländer festgeklammert und alles vollgespuckt.„Ein Kind mit solchen Problemen kann sich nicht auf den Unterricht konzentrieren, sondern braucht erst einmal ganz andere Unterstützung“, sagt Grundschullehrerin Katja Groh aus dem Landkreis Kassel. „Wie soll ich das alleine nebenbei im Regelunterricht leisten?“ Sie habe eine Aufsichtspflicht – und noch 20 andere Kinder in der Klasse, die ein Recht auf störungsfreien Unterricht hätten. „Wir brauchen dringend mehr Personal.“ In Hessen fehlt es an allen Ecken und Enden; vor allem an Förderschullehrkräften. Grundschullehrerinnen und -lehrer sind ebenfalls knapp.

Der Personalmangel macht auch Johannes Batton aus Bad Sooden-Allendorf zu schaffen. Wenn in seiner Musikstunde ein Schüler austickt, ist er alleine. Und hilflos. Obwohl er selbst ausgebildeter Förderschullehrer ist, bleibt ihm oft nichts anderes übrig, als das Kind aus dem Unterricht zu nehmen. „Das ist fatal“, sagt er. „Das Gegenteil von dem, was man will.“

Hinzu kommen all die Kinder, die keinen Mucks von sich geben: In Grohs Grundschulklasse saß ein stark entwicklungsverzögerter Junge, der ohne persönliche Ansprache und Körperkontakt überhaupt nicht reagierte. Zeitgleich hockte ein paar Stühle weiter ein Mädchen, das jedem Blickkontakt auswich, sich gegen den Kopf schlug, ständig die Finger in den Mund steckte. Zufällig war eine Praktikantin in der Klasse. „Sonst wären beide im Unterricht verloren gewesen“, sagt die Lehrerin. Bis diese Kinder einen Inklusionsstatus erlangten, vergingen von der Einschulung bis zur Umsetzung zwei Jahre. Im Idealfall erhielten sie danach vier Stunden sonderpädagogische Förderung pro Woche. „Das reicht hinten und vorne nicht.“

Nach Einschätzung der GEW braucht es zusätzlich 8.000 Stellen, sowohl für Förderlehrkräfte als auch für Sozialpädagoginnen und -pädagogen an Schulen.

Vor allem an Grundschulen in Nordhessen, aber auch in Frankfurt am Main blieben viele Lehrkräftestellen unbesetzt, berichtet die GEW-Landesvorsitzende Maike Wiedwald. Die Bankenmetropole wächst und wächst, neue Schulen werden gebaut, Fachkräfte hängeringend gesucht. Doch die Mieten sind so hoch, dass viele Nachwuchskräfte lieber woanders hinziehen. In Hessen gibt es aktuell rund 4.100 Stellen für Förderschullehrerinnen und -lehrer. Nach Einschätzung der GEW braucht es zusätzlich 8.000 Stellen, sowohl für Förderlehrkräfte als auch für Sozialpädagoginnen und -pädagogen. Die Lehr- und Fachkräfte könnten als Team jeweils drei Klassen an einer Grundschule oder in der Sekundarstufe I fest unterstützen.

Derzeit würden die wenigen Förderschullehrkräfte in Hessen „mathematisch gerecht“ auf die Regelschulen verteilt, berichtet Batton, der auch Vorsitzender des Gesamtpersonalrats für Hersfeld-Rotenburg und den Werra-Meißner-Kreis ist. „Die Grundschullehrkräfte müssen die Aufgabe weitgehend alleine stemmen.“ Neben dem regulären Unterricht, in einer Klasse mit bis zu 25 Schülerinnen und Schülern. Und mit allem, was dazugehört an Dokumentation und Kooperation mit Eltern, Ärzten, Psychologen, Jugendamt. In einem Brandbrief an Kultusminister Alexander Lorz (CDU) klagten zwei Drittel aller Frankfurter Grundschulen vor einigen Monaten, die Arbeitsbelastung sei kaum noch zu bewältigen: zu große Klassen, zu viele Aufgaben, zu wenig Personal.

Die Schulen versuchen händeringend, irgendwen irgendwoher zu bekommen.“

Zum Schuljahresbeginn konnten an Grundschulen in Hessen – nach offiziellen Angaben – 100 Stellen nicht besetzt werden. Und viele Schulen mussten sich mit Vertretungskräften behelfen, die nicht für den Lehrberuf qualifiziert sind. „Die Schulen versuchen händeringend, irgendwen irgendwoher zu bekommen“, berichtet Lehrerin und Personalrätin Groh. Wer mal im Chor gesungen habe, dürfe Musik unterrichten, Studierende lehrten Mathe und Mütter sprängen als Vertretungskräfte ein. Die GEW-Landesvorsitzende kritisiert, dass in Hessen 1.500 Stellen an Grundschulen mit Menschen ohne entsprechendes Lehramtsstudium besetzt seien.

Das Kultusministerium verweist derweil auf gestiegene Schülerzahlen. Zudem gebe es so viele Lehrerinnen und Lehrer wie nie zuvor. Seit diesem Schuljahr kommen unter anderem 600 Stellen hinzu, weil Hessen die wöchentliche Pflichtstundenzahl der Lehrkräfte um eine halbe Stunde gekürzt hat: Grundschullehrkräfte müssen jetzt 28,5 Stunden pro Woche unterrichten. Immer noch viel zu viel, kritisiert die GEW. Damit liegt Hessen bei der Pflichtstundenzahl weiterhin bundesweit an der Spitze. Laut Ministerium liegt die Gesamtversorgung der Grundschulen zudem im Schnitt bei rund 121 Prozent. Pure „Schönfärberei“, sagt Wiedwald. „Egal ob Stadt oder Land. Für alle Schulen gilt: Geht eine Kollegin in Elternzeit oder wird länger krank, bricht das gesamte System zusammen.“ Die Landesvorsitzende fordert auch, den Numerus clausus abzuschaffen. Nur so könne sichergestellt werden, dass es genug Nachwuchs gebe.

Die ungekürzte Fassung des Artikel ist in der Februarausgabe der „E&W“ abgedruckt.

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