GEW - Die Bildungsgewerkschaft
Du bist hier:

Internationale Schulabschlüsse auf dem Vormarsch

Deutsche Auslandsschulen und ihre Abschlüsse stehen im Wettbewerb mit anderen Schulen, die auch internationale Abschlüsse anbieten. Auch in Deutschland gehen immer mehr öffentliche und private Schulen dazu über, zusätzlich zum Abitur andere internationale Abschlüsse anzubieten.

02.10.2015 - Manfred Brinkmann

Zum zweiten Mal hat die GEW zu einer wissenschaftlichen Fachtagung zum Auslandsschuldienst eingeladen. Nachdem im Jahr 2013 erstmalig eine solche Tagung in Kooperation mit der Uni Oldenburg durchgeführt wurde, fand nun am 18. September in Zusammenarbeit mit der TU Dortmund und deren Institut für Allgemeine Didaktik und Schulpädagogik eine weitere Wissenschaftstagung zum Thema „Abschlüsse und Zertifikate als Steuerungsinstrumente in der deutschen Auslandsschularbeit?“ statt.

Preisgünstige Form deutscher Außenpolitik


Der Kreis der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (meist sind es Frauen), der sich bisher mit dem Auslandsschulwesen beschäftigt, ist überschaubar und der Forschungsgegenstand hält noch viele Fragen offen. Das wurde bei der eintägigen Veranstaltung in Dortmund unter Leitung von Sabine Hornberg  (TU Dortmund) und Franz Dwertmann  (GEW) deutlich, an der rund vierzig Personen aus Wissenschaft und Auslandsschulpraxis teilnahmen. Von einem großen Forschungsloch wurde gesprochen, was erstaunt angesichts der vielfältigen Potentiale, die das Auslandsschulwesen als Teil der auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik (AKBP) Deutschlands besitzt. So ist nicht einmal bekannt, wie viele Absolventen Deutscher Auslandsschulen in Deutschland studieren.

Als äußerst preisgünstige Form deutscher Außenpolitik bezeichnete Christel Adick von der Uni Bochum die deutschen Auslandsschulen, die zu siebzig Prozent privat finanziert sind. Mit geringen ökonomischen Mitteln sei dieser Sektor ein lohnender im Hinblick auf Vermittlung von deutschem Kulturkapital.  Das an den Schulen erworbene „inkorporierte Kulturkapital“  sei an das lernende Individuum gebunden. Auslandsschulen förderten Facetten deutscher Identitäten in einem transnationalen Raum bei gleichzeitig aktiv gelebter Bikulturalität.  Internationale Abschlüsse, wie sie vermehrt an Auslandsschulen angeboten werden, nähmen weltweit zu. Durch die Globalisierung werde auch das Abitur in Deutschland unter Druck geraten.

Substitution statt Addition

Peter Stoldt berichtete aus seiner Zeit als BLASchA Vorsitzender über die oft zähen und langwierigen Verhandlungen mit ausländischen Regierungen und Schulbehörden zur Einrichtung Deutscher Auslandsschulen und zur Anerkennung von Curricula und Abschlüssen. Deutsche Auslandsschulen seien nicht einfach im Ausland gelegene deutsche Schulen. Ziel der Schulen sei Bikulturalität.  Substitution statt Addition sei in den zwischenstaatlichen Verhandlungen zur Arbeit der Schulen Leitlinie gewesen. Mit der Deutschen Internationale Abiturprüfung (DIAP) und dem Gemischtsprachigen Internationalen Baccalaureate (GIB) habe die Kultusministerkonferenz die Möglichkeit geschaffen, bis zu fünfzig Prozent der Abiturfächer in Auslandsschulen in der Landessprache zu prüfen.

Yvonne Büscher von der KMK wies darauf hin, dass die Curricula Deutscher Auslandsschulen auf den Kerncurricula der KMK für die gymnasiale Oberstufe an Deutschen Schulen im Ausland basieren sowie an den Lehrplänen einzelner Bundesländer orientiert sind, und auch dadurch die Abschlüsse denen in Deutschland gleichgestellt seien, jedoch mit den schulspezifischen Ergänzungen und Vertiefungen in den Curricula eine Begegnung mit den Bildungsinhalten des Sitzlandes erfolgen kann. Mit dem Deutschen Internationalen Abitur vermitteln Deutsche Auslandsschulen  vertiefte allgemeine Bildung, Kenntnisse in großer fachwissenschaftlicher Breite und Werte, die zur Entwicklung und Stärkung der Persönlichkeit beitragen. Durch binationale und bilinguale Abschlüsse wird die Begegnung mit dem Sitzland  verstärkt. Die teilzentrale Durchführung des Abiturs einerseits und die schulspezifische Durchführung andererseits ermöglichen die Durchführung nach deutschen Standards und die Berücksichtigung der Anforderung des Sitzlandes. Ziel sei es, aus Schülern mündige Bürger zu machen, die in allen Gesellschaften soziale Verantwortung wahrnehmen und diese mitgestalten.

Jährlich fast 70.000 Absolventen mit Deutschem Sprachdiplom

Interessante Zahlen zum Auslandsschulwesen präsentierte  Heike Toledo (ZfA). Derzeit erhalten 88 deutsche Auslandsschulen eine gesetzliche Förderung nach dem Anfang 2014 neu in Kraft getretenen Auslandsschulgesetz. Pro Jahr verlassen rund 4.000 Schülerinnen und Schüler eine Deutsche Auslandsschule mit einem deutschen oder anderen internationalen Abschluss mit Hochschulzugangsberechtigung. Demgegenüber stehen 69.000 bestandene Prüfungen zum Deutschen Sprachdiplom (DSD), die große Mehrheit im Rahmen des Frankreichprojektes. Die anderen Teilnehmer  stammen aus den rund 1.100 Sprachdiplomschulen und 7.400 Diplomanden kommen von Deutschen Auslandsschulen. Aus dem Auslandsschulfonds, mit dem die Bundesregierung das Auslandsschulwesen fördert, entfallen zehn Prozent auf die Förderung der deutschen Sprache an Sprachdiplomschulen, bei denen es sich um nationale Schulen im Ausland mit deutschem Sprachzweig handelt.

Katrin Fox von der ‚International Baccalaureate Organization‘ (IBO), einer Non-Profit-Organisation mit Sitz in Den Haag, warb für das ‚International Baccalaureate‘ (IB)als Schulabschluss für Deutsche Auslandsschulen, der den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler entspricht. Das IB stehe für eine ganzheitliche Bildung und Vernetzung, für Förderung von sozialer Verantwortung und Werteorientierung und für die Vermittlung von Learning Skills. In Deutschland bieten bereits 24 staatliche und 45 private Schulen das IB als Abschluss an.

Third Culture Kids

‚Fragestellungen an die deutsche Auslandsschularbeit aus wissenschaftlicher Sicht‘  war Thema des Beitrags von Hanna Kiper (Uni Oldenburg). Mit ihr hat die GEW 2013 in Bremen erstmals eine Fachtagung ‚Transnationale Bildungsräume in der globalen Welt‘  zum Auslandsschulwesen organisiert. „Entspricht dem rechtlichen Begriff ‚Deutsche Auslandsschule‘ eine empirische Realität?“ war jetzt eine ihrer Fragen, die wissenschaftlich nicht beantwortet sind. Frau Kiper beklagte, dass keine Gelder für Forschung zum Auslandsschulwesen vorhanden seien - vielleicht auch wegen der Gefahr, Leuten auf die Füße zu treten, wie sie anmerkte. An Auslandsschulen finde soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen statt. Dort entstehe ein neuer Typus von Jugendlichen: Third Culture Kids, die aufwachsen in einem Wechsel der Schulen und Kulturen.

Aus den Erfahrungen mehrjähriger Auslandstätigkeit als Lehrkraft an Deutschen Schulen in Paris und Windhoek konnte Wolfgang Reinert von der GEW berichten. Nie habe er so viel und doch auch so gerne gearbeitet wie als Auslandslehrer.   Diese Zeit habe seine Persönlichkeit und sein Selbstverständnis als Lehrer verändert: „Durch die Arbeit im Ausland bin ich ein ‚Third Culture Teacher‘ geworden.“  Problematisch an deutschen Auslandsschulen sei allerdings die geradezu anarchische Personalstruktur mit einer Vielfalt an Lehrkräftetypen und Gehältern, was die Zusammenarbeit im Kollegium erschwere. Dies gelte insbesondere zwischen aus Deutschland entsandten ADKL und einheimischen Ortslehrkräften, die schlechter bezahlt werden, obwohl sie die Kontinuität der Schule wahren, ihr Rückgrat bilden.

Public Value von Auslandsschulen

Zum Thema „Perspektiven einer neuen Prüfungskultur“ präsentierten Rainer Wicke (früher ZfA) und Kim Haataya (Universität Tampere/Finnland) ihre Erfahrungen aus einem Projekt in Finnland zum Distance Learning mit Schülern. Mithilfe von Computersimulationen können Kompetenzen in Deutsch als Fremdsprache erworben und Lernfortschritte erfasst werden. Das Angebot wird von den Schülern positiv bewertet und gerne angenommen. Die Simulationen sind lebensweltnah und unterstützen performanzorientiertes Lernen.

Die Ergebnisse einer Studie zum Public Value von Auslandsschulen, die der Weltverband Deutscher Auslandsschulen (WDA) im Jahr 2014 gemeinsam mit der Universität St. Gallen erstellt hat, stellte WDA Geschäftsführer Thilo Klingebiel dem Fachpublikum vor. Danach haben Deutsche Auslandsschulen international einen hervorragenden Ruf und ihre Abschlüsse gelten  als Markenzeichen.  Die Schulen leisten zudem einen wichtigen Beitrag zum Ansehen Deutschlands in der Welt. Die Wertbeiträge der Deutschen Auslandsschulen sind nicht isoliert voneinander zu sehen. Sie überschneiden sich. So können Spannungsfelder entstehen, mit denen die Schulen umgehen müssen, z.B. Bezugspunkt für die dt. Gemeinschaft versus Integration im Sitzland, Partner der Wirtschaft versus verlässliche Gemeinnützigkeit oder Bildung made in Germany versus Begegnung der Kulturen. Es bestehe großer Forschungsbedarf an weiteren empirischen Studien, um die Indikatoren für die Wertbeiträge weiter auszudefinieren und mit verlässlichen Kennzahlen zu unterlegen.

Zurück