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„Innovative Forschung braucht langfristige Perspektiven“

Dr. Andreas Keller im Gespräch mit Dr. Anne K. Krüger, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin

21.09.2015

Andreas Keller: Anne, bist du zufrieden mit deiner Arbeit?

Anne Krüger: Mir macht meine Arbeit großen Spaß. Aber nach Ablauf meines Vertrages weiß ich wieder nicht, wie es weitergeht. Dann ist durch das Wissenschaftszeitvertragsgesetz auch die Zeit, die ich befristet auf Haushaltsstellen verbringen kann, erschöpft. Man müsste mich entweder entfristen oder ich muss Drittmittel einwerben - oder ich bekomme eine Professur. Letzteres wäre mein Traum, aber es ist ein wirkliches Vabanquespiel.

Wie wirkt sich die ständige Befristung aus?

Ein grundlegendes Problem ist die fortwährend verlangte Mobilität, die Befristung mit sich bringt. Bereits ohne Familie macht es keinen Spaß, ständig über einen Ortswechsel nachdenken zu müssen. Aber mit Familie wird es dann noch schwieriger. Und was meiner Meinung nach auch eine indirekte Auswirkung ist: An den Unis wird der Mittelbau, der den Großteil der Arbeit stemmt, absolut nicht ernst genommen. Die große Menge an Daueraufgaben - wie Lehre, Administration, Kontakt zu den Studierenden oder Organisation von Projekten - wird von den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geleistet. Man übernimmt sehr viel Verantwortung. Aber wenn man mitreden oder gar mitbestimmen möchte, wird man nicht gehört.

Was müsste sich deiner Meinung nach ändern?

Das Lehrstuhlprinzip! Bei uns gehören wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Lehrstuhlausstattung, darum werden die Stellen befristet. Bei der Neubesetzung von Professuren werden die Leistungen der vorhandenen wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter überhaupt nicht wahrgenommen. Sie stören eigentlich nur, da das Stellenkontingent für die neue Professur benötigt wird. Es sollte aber einen festen wissenschaftlichen Mittelbau unabhängig von einer Professur geben, um die Kontinuität in Forschung und Lehre zu sichern.

Das sollte doch eigentlich auch im Sinne der Hochschulen sein.

Genau! Man hat mittlerweile eine breite Basis an hoch qualifizierten Leuten an den Hochschulen, in deren Ausbildung wahnsinnig viel investiert wurde. Es ist absurd und eine absolute Verschwendung, wenn nichts dafür unternommen wird, die Leute zu halten, und man sie im Gegenteil bei einem Lehrstuhlwechsel auch noch versucht, schnellstmöglich loszuwerden. Es herrscht aber auch so eine Ideologie vor, "wenn wir die Leute entfristen, werden sie faul".

Müssen gut qualifizierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erst durch Befristung motiviert werden?

Das Gegenteil ist der Fall! Wenn man seine Zeit immer wieder damit verbringen muss zu schauen, was als nächstes kommt, dann schlägt sich das natürlich auch in der Qualität der Forschung nieder. Innovationen entstehen nicht durch Kurzzeitverträge. Gute Forschung braucht langfristige Perspektiven! Wir brauchen entfristete Beschäftigungsverhältnisse neben der Professur. Und für den oder die Einzelne muss frühzeitig klar sein, ob es eine Perspektive gibt oder nicht. Es bringt nichts, Leute jahrelang in der Wissenschaft zu beschäftigen, um sie dann fallen zu lassen.

Wie können die Betroffenen selbst dazu beitragen, ihre Situation zu ändern?

Sich zum Beispiel in der GEW engagieren. In der Projektgruppe "Promovierte in der Wissenschaft" etwa basteln wir gerade an einem Alternativmodell für eine aufgabengerechte Personalstruktur. Und mit unserer Kampagne für den Traumjob Wissenschaft schaffen wir hoffentlich eine größere Öffentlichkeit für das Thema.

Zum Schluss ein Blick in die Zukunft: Was wünschst du dir?

Ich wünsche mir langfristige Perspektiven durch die Entfristung von Verträgen. Und die Anerkennung der Arbeit, die an den Unis über die Forschung hinaus geleistet wird. Denn die hält den Betrieb am Laufen.

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