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Inklusive Bildung kann und muss gelernt werden

Inklusion ist zu einem Dauerbrenner-Thema geworden. Doch wie die „Schule für alle“ aussieht, welche Unterstützung Lehrerinnen und Lehrer benötigen und wie ihre Aus-, Fort- und Weiterbildung weiterentwickelt werden, bleibt unklar. Auf einer eintägigen Fachtagung zum Thema „Inklusion und Lehrer_innenbildung“ im brandenburgischen Erkner hat sich die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) vertieft mit der Problematik beschäftigt. Auch, um für die Diskussionen in ihrem „Zukunftsforum Lehrer_innenbildung“ Impulse aufnehmen zu können. Bis zum Gewerkschaftstag 2017 soll das Zukunftsforum Leitlinien für eine innovative Lehrerinnen- und Lehrerbildung entwickeln.

03.06.2015

Mit der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention 2009 hat sich Deutschland verpflichtet, ein inklusives Bildungssystem zu schaffen. Kinder und Jugendliche dürfen nicht aufgrund ihrer Behinderung vom allgemeinen Schulsystem ausgeschlossen werden. Davon ausgehend hat sich die GEW einen weitergehenden Inklusionsbegriff zu Eigen gemacht. Inklusion bedeutet für die Bildungsgewerkschaft die diskriminierungsfreie Teilhabe aller am allgemeinen Bildungssystem, unabhängig von den Fähigkeiten, dem kulturellen, sprachlichen Hintergrund, der sozioökonomischen Lage, dem Geschlecht oder einer Behinderung. Die Vorsitzende der GEW Marlis Tepe wies in ihrer Eröffnung der Tagung darauf hin, dass eine veränderte Lehrerinnen- und Lehrerbildung sowohl auf die Kompetenzen gerichtet sein müsse, um inklusive Schule zu gestalten. Zum anderen müsse sie aber auch darauf ausgerichtet werden, den Beruf auf Dauer ausüben zu können.

Günther Fuchs, Landesvorsitzender der GEW Brandenburg, berichtete in seinem Grußwort von der Verankerung der Inklusion in den brandenburgischen Lehramtsstudiengängen. Die GEW begleite den Reformprozess kritisch, auch weil sie erlebe, wie Inklusion zwar politisch gewollt, aber dann als Sparmaßnahme ausgenutzt würde. Inklusion sei nicht als Anbau an die vorhandenen Strukturen umzusetzen, sondern nur als radikaler Umbau. Dies gehe, so das GEW-Vorstandsmitglied für Schule Dr. Ilka Hoffmann in ihrem Vortrag zu „Inklusion und Lehrer_innenbildung aus gewerkschaftlicher Sicht“, mit einer tiefgreifenden Veränderung der Profession der Lehrerin und des Lehrers einher. Dabei sei es notwendig bei den Reformen zur Umsetzung der Inklusion über grundlegende Veränderungen im deutschen Bildungssystem nachzudenken. So spricht sich die GEW u. a. für eine an Stufen statt an Schulformen orientierte Ausbildung aus. Ziel sollte es zudem sein, ein gemeinsames Kerncurriculum für alle Pädagoginnen und Pädagogen zu schaffen, so Hoffmann.

Was heißt Inklusion in der Lehrer_innenbildung?

Dr. Irene Demmer-Dieckmann, Erziehungswissenschaftlerin an der Technischen Universität Berlin, zeigte sich im Hauptvortrag der Tagung sicher: „Inklusive Bildung kann und muss gelernt werden.“ Auch sie sprach sich für ein breites Verständnis von Inklusion aus. Um die angehenden Lehrerinnen und Lehrer schon in ihrem Studium für das Thema Inklusion zu sensibilisieren, müsse es ein abgestimmtes Gesamtcurriculum von Erziehungswissenschaft, Fachdidaktiken und Fachwissenschaften geben. Dabei müssten alle drei Bereiche Inklusion als Leitidee aufnehmen. Das bedeute auch, dass die Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer in die Pflicht genommen werden müssen. Inklusion sei auch, aber nicht nur als Querschnittsaufgabe zu verankern.

Demmer-Dieckmann sprach sich für Professuren für Inklusion aus, die durch eine forschungsnahe Lehre aktuelle Diskurse aufgreifen könnten. Wichtig sei darüber hinaus das „Wie“ der Hochschullehre. Ein Thema wie Inklusion könne nur schwer durch Vorlesungen angemessen behandelt werden. An den Hochschulen müssten personelle Ressourcen für Seminare vorhanden sein.

Weitere Herausforderungen sind für Demmer-Dieckmann die Nachwuchsförderung an den Hochschulen durch einschlägige Graduiertenkollegs sowie die notwendige Evaluation und Forschung zur Wirksamkeit. Zudem sei zu eruieren, inwieweit Praxisphasen in Integrationsklassen sinnvolle Erfahrungen für die Studierenden darstellen können. Grundlegend sei zudem eine Diskussion über ein abgestimmtes Gesamtkonzept aller drei Phasen der Lehrer_innenbildung, also Studium, Referendariat bzw. Vorbereitungsdienst sowie Fort- und Weiterbildung.

In der an den Vortrag anschließenden Diskussion wurde die Frage erörtert, inwieweit Schulen bei der Umsetzung der Inklusion schon weiter seien als die Hochschulen. Tenor war, dass der Leidensdruck an den Schulen bisher deutlich akuter war, als an den Hochschulen, letztere nun aber mit Konzepten nachziehen müssten. Bisher tauchten Menschen mit Behinderung oder Förderbedarf nur selten an Hochschulen auf, auch das stelle ein Problem bei der Reform hin zu einem inklusiven Bildungssystem dar.

Was müssen angehende Lehrerinnen und Lehrer lernen, um
inklusive Schule gestalten zu können?

Bei der daran anschließenden Podiumsdiskussion der Fachtagung setzten sich neben Irene Demmer-Dieckmann die Bremer Lehrerin Sheila Beringer, Prof. Dr. Vera Moser, Erziehungswissenschaftlerin an der Humboldt-Universität zu Berlin, Ryan Plocher, Referendar an einer Schule im Berliner Bezirk Neukölln, sowie Sabine Reich, Senatsverwaltung für Berlin, Jugend und Wissenschaft des Landes Berlin und Berichterstatterin der Kultusministerkonferenz für Lehrerbildung, mit der Frage auseinander, was angehende Lehrerinnen und Lehrer lernen müssen, um inklusive Schule gestalten zu können.

Dabei wurde das Spannungsfeld zwischen gewünschter und erlebter Schule sichtbar. E sei schwierig, so Sheila Beringer, den Kindern gerecht zu werden – sowohl den „starken“ als auch den „schwachen“ Schülerinnen und Schülern. Lehrerinnen und Lehrer würden heute vor allem zu Einzelkämpfern ausgebildet. Auf dem Podium wurde deutlich, dass gerade für eine gelingende inklusive Schule das Arbeiten in multiprofessionellen Teams besonders wichtig erscheint. Die Fragen, wie diese Teams zusammengesetzt sind, welche Rollen die einzelnen Fachpersonen tragen und konkret, wie die Sonderpädagogik weiter zu entwickeln ist, sind dabei zentrale aber bisher weitgehend ungeklärte Fragen. Ob wir überhaupt über Inklusion reden können, wenn wir im Kern noch immer ein gegliedertes, selektives Schulsystem haben, wandte Irene Demmer-Dieckmann ein. Die Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen dürften nicht zum „Hilfslehrer“ des Regellehrers werden, so Sabine Reich.

Vera Moser betonte, dass Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen lebenslaufbezogene Studienmotivationen aufwiesen und einen stärker individualisierenden Blick aufwiesen, der in der inklusiven Schule in multiprofessionellen Teams besonders hilfreich sein könne. Ryan Plocher forderte eine deutlich bessere Vernetzung der ersten und zweiten Phase der Lehrerinnen- und Lehrerbildung, um unnötige Wiederholungen zu vermeiden. Aus dem Auditorium wurden vielfach niedrigschwellige Hilfs- und Unterstützungsangebote für die Lehrkräfte eingefordert. Zudem müsse auch das Arbeiten in multiprofessionellen Teams gelernt werden. Schulentwicklung fange schon in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung an, hieß es weiter.

In seinen Schlussfolgerungen formulierte Dr. Andreas Keller, stellvertretender Vorsitzender und Vorstandsmitglied für Hochschule und Forschung der GEW, vier Schritte für die inklusionsgerechte Weiterentwicklung der Lehrerinnen- und Lehrerbildung, die er aus der Tagung mitnehme. Als erstes lasse sich festhalten, dass Vielfalt und Diversität von niemandem mehr in Frage gestellt werde, sondern es vielmehr darum gehe, wie sie gestaltet werde. „Vielfalt ist kein Hindernis, sondern eine Stärke für unsere Bildungseinrichtungen“, so Keller, der im GEW-Vorstand federführend für das Zukunftsforum Lehrer_innenbildung verantwortlich ist. Die GEW gehe dabei von einem breiten Inklusionsbegriff aus, dessen verschiedene Dimensionen von Vielfalt von einem Bildungskonzept getragen werden müssen, hob er erneut hervor. Zweitens, stellte Keller fest, sei Inklusionspädagogik auch eine Aufgabe der Lehrerinnen und Lehrer.

Die weltweite Dachorganisation der Bildungsgewerkschaften, die Bildungsinternationale, habe sich dazu in ihrer Erklärung zum Berufsethos der Lehrkräfte und anderer im Bildungsbereich Beschäftigter ausdrücklich bekannt. Inklusion müsse drittens in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung verankert werden. Und das nicht additiv, sondern es müsse sich durch das Curriculum aller drei Phasen der Lehrer_innenbildung durchziehen, also in Studium, Referendariat bzw. Vorbereitungsdienst sowie in der Fort- und Weiterbildung.

Viertens und letztens könne nicht oft genug betont werden, dass es Inklusion und eine inklusionsgerechte Lehrerinnen- und Lehrerbildung „nicht zum Nulltarif“ gäbe, mahnte Keller. Lehrerinnen und Lehrer, aber auch die Lehrenden an den Hochschulen, in den Studienseminaren und die Studierenden und Referendarinnen und Referendare müssten aktiv unterstützt werden und bestmögliche Rahmenbedingungen für ihre Arbeit bekommen. Dabei dürfen auch Themen wie Betreuungsrelationen, Beschäftigungsbedingungen und Fortbildungsangebote nicht ausgeklammert werden.

Ohne eine aktive Unterstützung durch Bund und Länder seien die Reformen zu schwer zu bewältigen. Sonderprogramme wie die von Bund und Ländern gestartete „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ könnten eine notwendige Reform in der Breite nicht ersetzen. Es werde daher höchste Zeit, das Kooperationsverbot im Grundgesetz durch ein Kooperationsgebot zu ersetze, so Keller abschließend.


Text: Isabel Carqueville
Fotos: Kay Herschelmann

 

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