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Inklusion – zwischen Zweifel und Aufbruchstimmung

19.05.2017 - Michaela Skott

Auf ihrer bundesweiten Tour „GEW in Bildung unterwegs“ besuchte die Vorsitzende Marlis Tepe die Grundschule Uckertal in Mecklenburg-Vorpommern. Diesmal auf der Agenda: Die Mammutaufgabe Inklusion.

Es ist Freitag, der 12. Mai. Die Sonne scheint das erste Mal seit Tagen richtig warm. Lachend und schwatzend strömen Schülerinnen und Schüler aus zwei aneinander grenzenden Schulgebäuden: Endlich Wochenende! Doch in der Grundschule Ueckertal im kleinen Städtchen Pasewalk ist für viele Lehrerinnen und Lehrer noch kein Feierabend in Sicht.

Wirkt der DDR-Plattenschulbau von außen noch halbwegs bunt und freundlich, wird innen schnell deutlich, dass die Schule schon bessere Tage gesehen hat. Insgesamt 480 Kinder werden hier und an einem weiteren Standort in 23 Klassen von 28 Lehrerinnen und Lehrern, zwei pädagogischen Fachkräften (Personal mit sonderpädagogischer Aufgabenstellung, kurz: PmSA) fünf Schulhelferinnen und -helfern sowie einem Integrationshelfer beschult.

Die Freiwilllige Feuerwehr hat im Lehrerzimmer der Grundschule Tische und Stühle aufgestellt und bringt frisch gekochten Kaffee. Während die Kinder nach Hause gehen, füllt sich das Lehrerzimmer langsam. Pädagoginnen und Pädagogen aus Pasewalk, Löcknitz, Eggesin, Torgelow und Ueckermünde haben sich auf den Weg nach Pasewalk gemacht. Miteinander und mit der GEW-Vorsitzenden Marlis Tepe, die hier im Rahmen ihrer Tour "GEW in Bildung unterwegs" Station macht, wollen sie sich zum Thema Inklusion austauschen.

 

Pasewalk zählt etwa 10.000 Einwohner. Rund 20 Kilometer weiter ist die polnische Grenze. Die Grundschule Ueckertal liegt in einem Problembezirk. Rundherum abblätternde Fassaden alternder Plattenbauten. Wo genau in einer Region mit einer Arbeitslosenquote von 12 bis 13 Prozent das Problem anfängt und wo es aufhört, lässt sich nur schwer beschreiben. Hier leben Familien, die bereits in der dritten Generation auf Hartz IV angewiesen sind.

 

"Inklusion ist in Mecklenburg-Vorpommern wie eine Operation am offenen Herzen und die Weiterbildung erfolgt am OP-Tisch." (Torsten Beilke)

 

 

Der Konferenzraum ist inzwischen mit 25 Kolleginnen und Kollegen sowie den Gästen gut gefüllt. Mit dabei sind die GEW-Landesvorsitzende in Mecklenburg-Vorpommern, Annett Lindner, die Integrationsbeauftragte des Landes, Miriam Haferkamp, Schulrat Olaf Schröder, der stellvertretende Bürgermeister und Bauamtsleiter der Stadt Pasewalk, Marko Schmidt, und die Landtagsabgeordnete Mignon Schwenke von der Partei Die Linke. Die Pädagoginnen und Pädagogen haben sich vorbereitet. Sie berichten aus der Region: von Kindern, die keine Vorbilder mehr mit Arbeitsbiografien haben, von einer Schule in der 50 Prozent der Kinder polnischsprachig sind, von Förder- und DaZ-Unterricht (Deutsch als Zweitsprache), der ausfallen muss, vom hohen Altersdurchschnitt im Kollegium, von langen Schulwegen und ebenso langen Wegen zu Fort- und Weiterbildungen.

Die Liste der Probleme war schon lang bevor die Inklusion mit dem Schuljahr 2010/2011 per Federstreich eingeführt wurde. Plötzlich gab es keine Eingangsklassen für die Förderschwerpunkte Lernen sowie Emotionale-Soziale-Entwicklung mehr. "Inklusion ist in Mecklenburg-Vorpommern wie eine Operation am offenen Herzen und die Weiterbildung erfolgt am OP-Tisch", fasst Torsten Beilke, Vorsitzender des örtlichen GEW-Regionalverbandes zusammen.

Auch heute, sieben Jahre später, hat das Land Mecklenburg-Vorpommern kein ausgereiftes Umsetzungskonzept für die Inklusion an Schulen vorgelegt. Zwar existiert mittlerweile ein über 200 Seiten fassendes Strategiepapier, das die Landesregierung weitestgehend ohne Beteiligung der Interessenvertretungen erarbeitet hat - aber praktische Fragen, wie etwa jene nach Aus- und Weiterbildung, nach Benotung oder nach der Anwendung von Lehrplänen, bleiben unbeantwortet.

Ein Teil der offenen Fragen, so verspricht die Inklusionsbeauftragte Haferkamp, werde demnächst beantwortet. So sollen neben den bestehenden Förderzentren für Hören, Sehen und köperlich-motorische Entwicklung regionale Kompetenzzentren entstehen. Überwiegend Schulen, in denen Schülerinnen und Schüler schon heute, oft unter großen Anstrengungen, unterrichtet werden. Bauliche Mindeststandards soll es dann geben und zusätzliches pädagogisches Personal. Auch regionale Weiterbildungen in Lerngruppen sollen angeboten werden. Denn die weiten Wege sind ein echtes Problem.

 

"Wir müssen jetzt laut werden. Sonst ändert sich nichts!" (Petra Jerke)

 

 

Der GEW-Landesvorsitzenden Lindner sagt Haferkamp an diesem Tag die oft angemahnte Zusammenarbeit zu. Künftig soll die GEW in den Arbeitsgruppen der Landesregierung mit am Tisch sitzen. Ein Ergebnis, über das sich Lindner freut. Jedoch: viele Probleme bleiben ungelöst: Da kaum eine junge Lehrkraft in die Region ziehen möchte, gibt es einen Fachkräftemangel. Dazu kommt die im Vergleich zu den Lehrkräften anderer Schulformen schlechtere Bezahlung für Grundschullehrkräfte, die fehlenden Schulsozialarbeiterinnen und -arbeiter, die schlechte Zustande vieler Gebäude und schließlich die großen Klassen. Bis zu 27 Schülerinnen und Schüler pro Klasse sind keine Seltenheit. Für binnendifferenzierten Unterricht fehlt das Personal, auch um dem hohen Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Förderschwerpunkt Emotional-Soziale-Entwicklung im Unterricht gerecht zu werden. "Wir sind immer allein", sagt eine Kollegin, an deren Grundschule die Lehrkräfte gerade so für die Anzahl der Klassen ausreichen. Eine andere merkt mit Blick auf die Belastung und das Alter an: "Ich geh' kaputt".

GEW-Chefin Tepe nimmt die Sorgen und Ängste der Kolleginnen und Kollegen sehr ernst. Das kommt an. Sie berichtet von ihren eigenen Erfahrungen bei der Einführung der Inklusion in Schleswig-Holstein, Ende der 1980er Jahre. Auch angstrengend - aber besser finanziert. Sie spricht darüber, dass Inklusion dort klappt, wo man gemeinsam mit der Gewerkschaft Modelle entwickelt. Und darüber, was es braucht, um Inklusion gut zu machen: kleinere Klassen, Doppelbesetzung, multiprofessionelle Teams, Schulsozialarbeit - und vor allem Zeit. Was das kostet und wie diese Forderungen finanziert werden sollen, das hat die GEW im Rahmen der Initiative "Bildung. Weiter denken!" aufgelistet. "Das erleben wir doch nicht mehr", werden Stimmen laut. Einige haben angesichts der Probleme angefangen an der Sinnhaftigkeit der Inklusion zu zweifeln. Der Weg ist lang, aber, um es mit den Worten der GEW-Vertrauensfrau Petra Jerke zu sagen: "Wir müssen jetzt laut werden. Sonst ändert sich nichts".

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