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„Inklusion ist auch eine Frage der Haltung“

Die Hamburger Grund- und Stadtteilschule Alter Teichweg wird von 1.300 Schülerinnen und Schülern aus 40 Ländern besucht. 145 Lehrkräfte, 15 Sonderpädagogen, 9 Erzieherinnen und 7 Sozialpädagogen arbeiten im Ganztagsbetrieb.

04.01.2018 - Helga Haas-Rietschel, Redakteurin der „E&W“

Björn Lengwenus ist Leiter der Hamburger Grund- und Stadtteilschule Alter Teichweg. Die Schule, die von der Vorklasse bis zum Abitur führt, liegt in dem sozialen Brennpunkt Dulsberg. Die „E&W“ sprach mit ihm über die Struktur des Ganztags, die Verwaltung des Schuletats, multiprofessionelle Teams, Konflikte, bildungsferne Elternhäuser und Inklusion. 

  • E&W:Liest man den Flyer der Schule, ist man über die Vielzahl der Ganztagsangebote erstaunt und denkt: „Wow“, dazu noch Eliteschule des Sports. Und das in einem Stadtteil, in dem 80 Prozent der Kinder von Sozialleistungen leben …

Björn Lengwenus: 75 Prozent der Schülerinnen und Schüler kommen aus dem Stadtteil; als Eliteschule des Sports erzielen wir aber in den meisten Klassen einen guten sozialen Mix. Zahlreiche Kinder mit gymnasialer Empfehlung kommen deswegen aus ganz Hamburg an unsere Schule.

  • E&W:In der Grundschule sind die Kinder nur zwei Tage im Ganztag. Also doch nur Halbtagsschule mit Nachmittagsbetreuung?

Lengwenus: Das ist nicht ganz richtig. In der Grundschule sind alle Kinder an zwei Tagen verpflichtend im Ganztag. An diesen Tagen findet zum einen Regelunterricht statt – aber auch ein Ausflug pro Klasse und Woche. Dies ist uns sehr wichtig, denn die Schülerinnen und Schüler kennen wenig von Hamburg. An den anderen Tagen können sie ein Angebot für den Nachmittag wählen; 95 Prozent der Grundschulkinder nutzen das. Im Sek-I-Bereich findet täglich eine Rhythmisierung aus einem Guss von acht bis 16 Uhr statt. Außer mittwochs, unserem Konferenztag, da laufen ab 13.30 Uhr Förderstunden und Freizeitangebote, die Honorarkräfte und außerschulische Partner leiten.

  • E&W: Wie ist der Ganztag strukturiert?

Lengwenus: Der Unterricht ist nach einem Drei-Säulen-Modell in drei Phasen organisiert: Lernwerkstätten, in denen sich Schüler mit Unterstützung der Lehrkräfte eigenständig grundlegende Kenntnisse in Deutsch oder Mathe erarbeiten, lösen sich ab mit fächerübergreifendem, vertiefendem Lernen im Projektunterricht. Zusätzlich gibt es sogenannte Herausforderungskurse: Jugendliche der Klassen 7 bis 10 wählen eigene Herausforderungen – zum Beispiel im Bereich der Künste.

  • E&W: Die Schule nimmt an einem interessanten Schulversuch teil: „alles könner“ – was ist das?

Lengwenus: Ein Modell, das uns unter anderem bis zur 8. Klasse davon befreit, Noten zu geben. Wir schreiben stattdessen Lernberichte, machen Ziel- und Leistungsvereinbarungen. Noten gibt es erst ab Klasse 9. Demnächst möchten wir diesen Versuch bis in Klasse 10 ausdehnen.

„Über Wertschätzung der jeweiligen Arbeit, Zusammenhalt, kollegiales Miteinander bemühen wir uns, die Anerkennung zu kompensieren, die der Verdienst nicht leistet.“

  • E&W: Seit 2006 sind die Hamburger Schulen autonom. Das heißt, die Behörde regelt nichts, die Schulen haben viel Spielraum. Ein Vorteil für Sie als Schulleiter?

Lengwenus: Ein riesiger Vorteil für die Schule. Wir haben viel Spielraum, den Ganztag sicherzustellen. Als Schulleiter kann ich beispielsweise einzelne Lehrkräftestunden in Geldmittel umwandeln, inhaltliche Schwerpunkte festlegen und Sachmittel für personelle Ressourcen verwenden. Für die Schulleitung allerdings ein zeitlich anspruchsvoller Vorteil: Wir stemmen viele planerische Aufgaben, die in anderen Bundesländern die Behörde regelt.

  • E&W: Konkret heißt das?

Lengwenus: Als Schulleiter verfüge ich über den kompletten Schuletat: Wenn ich etwa sechs Lehrerstellen nicht besetzen kann, kann ich die Mittel dafür auf das Vertretungskonto schieben und es für Vertretungs- oder Honorarkräfte einsetzen.

  • E&W:Im Ganztag arbeiten multiprofessionelle Teams zusammen, wie funktioniert das Miteinander?

Lengwenus: Wir haben zwei Ganztagsschul-Koordinatorinnen, eine für die Grund-, eine für die Stadtteilschule. Sie halten den Kontakt zu allen pädagogisch Beschäftigten, auch zu externen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und gucken, ob alles gut läuft.

  • E&W:Führen die unterschiedlichen Arbeitsverhältnisse im Ganztag zu Konflikten?

Lengwenus: Es gibt immer Reibungspunkte, weil es auch in Hamburg keine Lohngerechtigkeit bei der Bezahlung der Lehrkräfte gibt. Das fängt bei einer Schule, die von der Vorschule bis zum Abitur geht, damit an, dass Grundschullehrkräfte weniger Möglichkeiten haben, befördert zu werden als Sek-I-Kollegen, die wiederum weniger Geld verdienen als Gymnasiallehrkräfte, häufig aber die gleiche Arbeit machen. Lohngerechtigkeit ist das eine, wie wir miteinander umgehen, das andere. Über Wertschätzung der jeweiligen Arbeit, Zusammenhalt, kollegiales Miteinander bemühen wir uns, die Anerkennung zu kompensieren, die der Verdienst nicht leistet.

„Inklusion ist auch eine Frage der Haltung. Wir haben gesagt, wir wollen Inklusion und das meinen wir ernst.“

  • E&W: Gibt es Lehrerarbeitsplätze in der Schule und genug Räumlichkeiten?

Lengwenus: Ja. Im Moment schaffen wir es, dass jede Lehrerin, jeder Lehrer zumindest eine Arbeitsecke im Gebäude hat. Aber wir müssen uns dafür immer rechtfertigen. Sobald wir Raumbedarf für eine weitere Klasse anmelden, heißt es, wir könnten doch die Lehrerarbeitsplätze zu einem Klassenraum zusammenlegen. Wir haben zwar einen errechneten Flächenüberhang; selbst sehen wir unsere Schule aber an der Grenze räumlicher Kapazitäten.

  • E&W. Als eine der ersten in Hamburg hat die Schule gemeinsames Lernen erprobt. Sind Sie personell ausreichend ausgestattet, Inklusion umzusetzen?

Lengwenus: Personelle Ressourcen sind doch eigentlich immer zu knapp. Aber Inklusion ist auch eine Frage der Haltung. Wir haben gesagt, wir wollen Inklusion und das meinen wir ernst. Wir waren die erste integrative Schule in der Hansestadt und haben viele gelingende Konzepte der Integration entwickelt, viele greifen auch bei der Inklusion. Ich weiß, dass viele Schulen Probleme haben, sonderpädagogische Fachkräfte zu finden. Das ist bei uns nicht der Fall. Da haben wir Glück und ein starkes und großes Team.

  • E&W: Die Einrichtung ist „Brennpunkt-Schule“. Haben Kinder aus ärmeren, bildungsfernen Elternhäusern im Ganztag bessere Bildungschancen?

Langwenus: Ja, weil von 8 bis 16 Uhr oder mit Früh- und Spätbetreuung sogar von 6 bis 18 Uhr und in den Ferien ganztägig Bildung stattfindet. Die sozialen Belastungen in den Familien, die räumliche Enge vieler Wohnungen machen das Lernen zu Hause schwierig. Und wir stellen fest: Die Mädchen und Jungen fühlen sich bei uns sehr wohl, die Familien können sich auf uns verlassen. Hier wird eine inspirierende ganztägige Bildung geboten. Schülerinnen und Schüler können unter anderem an Sport-, Film-, Kunst- und Musikangeboten teilnehmen.

  • E&W: Die Rhythmisierung des Schultags ist auch mit flexiblen Arbeitszeiten der Festangestellten verbunden. Wie regeln Sie das als Schulleiter?

Langwenus: Das ist ein echtes Problem. In Hamburg wird gerade über die Auslegung der Dienstvereinbarung „Arbeitszeiten im Ganztag“ gestritten. So, wie es momentan läuft, ist es für den schulischen Ablauf jedenfalls nicht gut geregelt. Lehrkräfte haben Freistunden – und damit Lückenzeiten, längere Mittagspausen, längere Präsenzzeiten. Ein Rechtsanspruch auf einen gut ausgestatteten Arbeitsplatz im Schulgebäude wäre zumindest ein erster Schritt, um die Trennung zwischen dem Arbeiten in der Schule und zu Hause aufzuheben und Lückenzeiten zu vermeiden.

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