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CoronapandemieInfektionsgefahr wird weiter unterschätzt

Die GEW Hessen wirft den Landesregierungen vor, den Empfehlungen des Robert Koch-Instituts (RKI) zum Infektionsschutz an Schulen nicht zu folgen. Dabei offenbaren zahlreiche Studien das Infektionsgeschehen an Schulen.

25.02.2021

Die Politik misst der Gefahr der Übertragung des Coronavirus an Schulen nach Ansicht der GEW nach wie vor zu wenig Bedeutung bei. Der hessische Landesverband warf den Bundesländern jüngst vor, trotz steigender Infektionszahlen und massiver Proteste der GEW und anderer schulpolitischer Verbände im Herbst nicht den Empfehlungen des Robert Koch-Instituts (RKI) gefolgt zu sein.

Dabei hätten zahlreiche Untersuchungen mittlerweile nachgewiesen, dass Kinder genauso ansteckend seien wie Erwachsene, betonten die GEW-Landesvorsitzende Birgit Koch und der Referent für finanzpolitische Fragen, Kai Eicker-Wolf. „Und es ist auch nicht zu bestreiten, dass es in Schulen ein Infektionsgeschehen mit dem Corona-Virus gibt, wenn die einschlägigen Schutzmaßnahmen wie die Abstandsregelungen nicht beachtet werden.“

Hessischer Streit steht für bundesweites Problem

Das RKI formulierte angesichts der Coronapandemie klare Empfehlungen für Schulen: Ab einem Sieben-Tage-Inzidenzwert von 50 – also dann, wenn in sieben Tagen auf 100.000 Personen 50 neu Infizierte entfallen – soll im Unterricht eine generelle Maskenpflicht gelten. Außerdem fordert das RKI die Verkleinerung der Lerngruppen, um den Mindestabstand von 1,5 Metern einzuhalten. Möglich wäre dies durch Wechselunterricht.

Da die RKI-Empfehlungen vielerorts nicht umgesetzt werden, steht der Streit zwischen Gewerkschaft und Landesregierung in Hessen exemplarisch für ein bundesweites Problem. Das Wechselmodell lehnten viele Länder immer wieder ab, weil es an Schulen angeblich kein nennenswertes Infektionsgeschehen gebe. Koch und Eicker-Wolf stützen ihre Argumentation derweil auf fast ein halbes Dutzend nationale und internationale Studien.

Wie ansteckend sind Kinder?

Fachleute sind sich inzwischen einig, dass Infektionen mit dem Coronavirus bei Kindern meist symptomfrei und selten schwer verlaufen – und damit oft übersehen werden. Zudem werden Kinder seltener getestet. Der Berliner Virologe Christian Drosten wies bereits im Frühjahr 2020 darauf hin, dass Kinder eine ähnlich hohe Viruslast aufwiesen und daher genauso ansteckend seien wie Erwachsene.

    Die Richtschnur für die Maßnahmen in der Schule sollen nach Ansicht der GEW die Empfehlungen des Robert Koch-Instituts sein. Dafür schlägt die GEW ein Fünf-Punkte-Programm vor:

    5-Punkte-Programm zum Gesundheitsschutz an Schulen
    Ab der 5. Klasse muss das gesellschaftliche Abstandsgebot von 1,5 Metern gelten. Dafür müssen Klassen geteilt und zusätzliche Räume beispielsweise in Jugendherbergen gemietet werden.
    Um die Schulräume regelmäßig zu lüften, gilt das Lüftungskonzept des Umweltbundesamtes. Können die Vorgaben nicht umgesetzt werden, müssen sofort entsprechende Filteranlagen eingebaut werden.
    Die Anschaffung digitaler Endgeräte für Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler muss endlich beschleunigt werden. Flächendeckend müssen eine datenschutzkonforme digitale Infrastruktur geschaffen und IT-Systemadministratoren eingestellt werden. Zudem müssen die Länder Sofortmaßnahmen zur digitalen Fortbildung der Lehrkräfte anbieten.
    Für die Arbeitsplätze in den Schulen müssen Gefährdungsanalysen erstellt werden, um Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler besser zu schützen.
    Transparenz schaffen: Kultusministerien und Kultusministerkonferenz müssen zügig ihre Planungen umsetzen, wöchentlich Statistiken auf Bundes-, Landes- und Schulebene über die Zahl der infizierten sowie der in Quarantäne geschickten Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler zu veröffentlichen. „Wir brauchen eine realistische Datenbasis, um vor Ort über konkrete Maßnahme zu entscheiden“, sagte GEW-Vorsitzende Marlis Tepe. 

    Übersicht: Alles, was sich an Bildungseinrichtungen mit Blick auf den Gesundheitsschutz in Corona-Zeiten ändern muss.

    Die GEW Hessen zitiert fünf weitere Untersuchungen:

    • Das Helmholtz-Zentrum München untersuchte zwischen Januar und Juli 2020 Blutproben von 12.000 Schülerinnen und Schülern. Diese wurden mit den von April bis Juli vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Ernährung gemeldeten Fällen von positiv auf das Coronavirus getesteten Kindern verglichen. Ergebnis: In den Blutproben der Studie fiel die Antikörperhäufigkeit sechsmal höher aus. Es waren also sechsmal mehr Kinder infiziert als gemeldet 
    • Die Fachzeitschrift „Science“ publizierte im November 2020 die Ergebnisse einer indischen Studie mit mehr als 575.000 Menschen, der zufolge selbst bei kleineren Kindern relativ hohe Ansteckungsraten zu beobachten seien. Bis zu 25 Prozent der Kinder bis zu 14 Jahren seien von Gleichaltrigen angesteckt worden.
    • Die österreichische „Gurgelstudie“ kam bisherigen Erkenntnissen zufolge zu dem Schluss, dass sich das Infektionsgeschehen in den Schulen quantitativ nur wenig vom Infektionsgeschehen außerhalb der Einrichtungen unterscheide. Für die Untersuchung wird seit Beginn des Schuljahres 2020/21 landesweit die Häufigkeit aktiver Corona-Infektionen von Kindern bis zu 14 Jahren sowie von Lehrkräften an Volksschulen, Mittelschulen und Unterstufen der Allgemeinbildenden Höheren Schulen erhoben.
    • Befunde aus England zeigten einem Medienbericht zufolge, dass der Lockdown die Infektionszahlen zwar wirksam verringert habe. Allerdings hätten die Infektionszahlen von Kindern und Jugendlichen im Schulalter über dem Durchschnitt der Bevölkerung gelegen.
    • Eine Untersuchung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), die ermittelte, welche Maßnahme in welchem Zeitraum die Ausbreitung der Epidemie in neun europäischen Ländern und 28 US-Bundesstaaten bremste, ergab: Schulschließungen waren die mit Abstand wichtigste Maßnahme.