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IGLU-Studie: Stabil auf Talfahrt

12.02.2018 - Anna Lehmann, Redakteurin der taz

In der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) ist Deutschland von der Spitze ins Mittelfeld abgesackt. Nur in einer Disziplin ist man top: in sozialer Ungleichheit. Die GEW kritisiert eine jahrelange Vernachlässigung der Grundschulen.

Im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) grübelten sie ziemlich lange, wie sie die Ergebnisse der jüngsten IGLU-Studie verkaufen sollten, berichten Ministeriumskreise. Schließlich einigte man sich auf die Überschrift: „Stabile Ergebnisse bei zunehmenden Herausforderungen – Lesen muss gestärkt werden.“

Was die Überschrift kaum kaschiert: Deutschlands Grundschüler sind im internationalen Vergleich der Lesekompetenzen seit der Jahrtausendwende von Platz 5 auf Platz 21 abgerutscht. Stabile Ergebnisse – wohl wahr: Die Leseleistungen der Viertklässler hierzulande haben sich insgesamt nicht verschlechtert. Doch anderen Ländern – etwa Irland, Ungarn oder Polen – ist es gelungen, die Leistungen ihrer Grundschulkinder deutlich zu verbessern. „Stagnation heißt in dieser Situation Rückschritt“, so das ungeschönte Fazit der baden-württembergischen Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU).

Zum vierten Mal seit 2001 hat sich Deutschland im Jahr 2016 an IGLU beteiligt und Daten zum Leseverständnis, zur Motivation und zum Leseverhalten von Schülerinnen und Schülern der vierten Klasse erheben lassen. Die Ergebnisse präsentierte Studienleiter Wilfried Bos gemeinsam mit der Kultusministerkonferenz und dem BMBF Anfang Dezember in Berlin.

Da Lesen auch als Kernkompetenz für soziale und kulturelle Teilhabe gilt, entlassen die Grundschulen eine relevante Gruppe von Schülerinnen und Schülern denkbar schlecht gerüstet fürs Leben.

Seit der ersten IGLU-Studie im Jahr 2001 hat sich der Abstand zwischen starken und schwachen Leserinnen und Lesern in Deutschland vergrößert. Fast zwei Lernjahre trennen sehr kompetente Kinder hierzulande von schwach lesenden Mitschülern. Der Anteil der sehr gut Lesenden ist zwischen 2001 und 2016 von knapp 9 auf 11 Prozent gestiegen. Gleichzeitig verdoppelte sich jedoch der Anteil der Kinder, die am Ende der Grundschulzeit nur über ein „rudimentäres Leseverständnis“ verfügen, von 3 auf fast 6 Prozent. Hinzu kommen noch jene, die das mittlere Kompetenzniveau nicht erreichen. Alles in allem kann jeder fünfte Viertklässler in einem Text verstreute Informationen nicht miteinander verknüpfen. „Diese Kinder werden auch später nicht in der Lage sein, Texte sinnentnehmend zu lesen“, warnt Studienleiter Bos. Da Lesen auch als Kernkompetenz für soziale und kulturelle Teilhabe gilt, entlassen die Grundschulen eine relevante Gruppe von Schülerinnen und Schülern denkbar schlecht gerüstet fürs Leben.

Bildungspolitiker in Bund und Ländern erklären die mauen Ergebnisse mit der zunehmend heterogenen Schülerschaft – der Anteil der Kinder mit Förderbedarf sowie aus zugewanderten Familien sei in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen. Für Ilka Hoffmann, Vorstandsmitglied der GEW für den Bereich Schule, ist die Politik verantwortlich. „Man hat die Grundschulen vernachlässigt, nach dem Motto: Das läuft schon“, sagt Hoffmann. Deutschland investiere im EU-Durchschnitt besonders wenig in die Leseförderung. Dies führe zu sinkender Lesemotivation und schlechteren Leseleistungen. Es sei notwendig, durch gut ausgestattete Schulbibliotheken und Förderprogramme insbesondere auch Kinder zu unterstützen, bei denen zu Hause nicht viel gelesen wird.

Konzepte der Leseförderung, die besonders auf benachteiligte Kinder und Jugendliche zugeschnitten sind, sollten einen festen Platz in der Ausbildung von Lehrkräften haben.

In kaum einem anderen Land sind die Leseleistungen der Schülerinnen und Schüler so eng mit ihrer Herkunft verknüpft. Soziale Disparitäten nahmen im Vergleich zu 2011 sogar zu. Der Leistungsvorsprung von Kindern aus gut gebildeten gegenüber Kindern aus einfach gebildeten Familien beträgt aktuell ungefähr eineinhalb Lernjahre.

Die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer müsse deshalb auf den Prüfstand, fordert Hoffmann: „Wir brauchen dringend gut aus- und fortgebildete Lehrkräfte, die auf das Lehren unter schwierigen sozialen Bedingungen vorbereitet sind und mit heterogenen Lerngruppen arbeiten können.“ Konzepte der Leseförderung, die besonders auf benachteiligte Kinder und Jugendliche zugeschnitten sind, sollten einen festen Platz in der Ausbildung von Lehrkräften haben. Zudem müssten deutlich mehr Geld in die Grundschulen investiert und zusätzliche Lehrkräfte eingestellt werden. „Ich hoffe, dass IGLU ein Weckruf ist.“

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