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Vom Ingenieur zum Lehrer„Ich lerne jeden Tag dazu“

Dylan Mackay ist Ingenieur, Informatiker und Unternehmer gewesen. Dann hat der 46-Jährige den Sprung ins kalte Wasser gewagt: Nun unterrichtet er am John-Lennon-Gymnasium in Berlin Physik und Mathe.

07.09.2018 - Anja Dilk, freie Journalistin

Anfangs hat es Mackay mit Grundsatzdiskussionen versucht, wenn seine Schülerinnen und Schüler keine Lust auf Physik hatten. „Leute, ihr macht das nicht für mich, ihr macht das für euch.“ Dann merkte er: „Das bringt nichts.“ Besser: die Konsequenzen klar machen und Neugier wecken. „Wenn ihr nicht lernt, schafft ihr die Klausur nicht“, erinnert Mackay nun und verpackt die Aufgabe in eine nette Geschichte mit Alltagsbezug: „Neulich wurde ich mit 56 km/h geblitzt. Was meint ihr, macht es denn so einen Unterschied, wenn ich nur 50 km/h gefahren wäre? Berechnet den Bremsweg.“ Mackay lacht. „Ich lerne jeden Tag dazu.“

Es ist ein knallheißer Sommertag in Berlin. Mackay sitzt in einem Café um die Ecke des John-Lennon-Gymnasiums und packt einen dicken Ordner auf den Tisch: Unterrichtsmaterialen, Sitzpläne, Richtlinien. In den Sommerferien hat er endlich mehr Zeit zum Nachlernen. Atomphysik, Vektorraumalgebra. Vieles ist neu für den Quereinsteiger. Seit sechs Monaten arbeitet der 46-Jährige als Lehrer für Physik und Mathe. Er liebt seinen neuen Job. Den quirligen Schulalltag, das befriedigende Gefühl, „wenn es wieder Klick gemacht hat bei einem Schüler“. Auch wenn es „noch ein langer Weg zum Profi ist“. Kompetenzorientierte Pädagogik? Binnendifferenzierung? Woher soll er das können als studierter Ingenieur?

Dass er mal Lehrer werden würde, hätte Mackay nie gedacht. Früh entdeckt der Deutsch-Amerikaner seine Liebe zur Technik. Als Jugendlicher baut, lötet, repariert er wie ein Weltmeister. Nach dem Einser-Abitur studiert er Elektrotechnik in Stanford – auch um seine „amerikanischen Wurzeln zu erkunden“. 

Suche nach „mehr Sinn“

Es ist ein Leben voller Entdeckungslust und Umschwünge. Nach dem Studienabschluss und einem IT-Job im Silicon Valley geht Mackay, enttäuscht von der „platten Entertainment-Kultur“ seiner zweiten Heimat zurück nach Berlin – auch der Familie wegen. Er arbeitet als Ingenieur und Informatiker, mal Führungs-, mal Fachkarriere, bis er feststellt: Beides befriedigt ihn nicht. Auf der Suche nach „mehr Sinn in der Arbeit“ macht er einen Master für Regenerative Energiesysteme, arbeitet in der Energiebranche. Als ihn die Mutter, Chefin eines Autohauses, nach der Wirtschaftskrise 2008 dringend braucht, steigt Mackay als Co-Geschäftsführer ein, bis das Unternehmen konsolidiert ist. 

Im Herbst 2014 zieht Mackay Bilanz: Ingenieur, Projektleiter, Unternehmer – im Grunde ist es das alles nicht. Mackay geht zwei Jahre in Elternzeit. 2017, die Diskussion über den Lehrermangel ist gerade auf dem Höhepunkt, kommt ihm die Idee: „Das wäre doch was mich.“ Schon als Ingenieur hatte er gern Schulungen gegeben. Und wollte er nicht immer etwas für die Allgemeinheit tun – warum nicht Kinder bilden? Im Oktober 2017 bewirbt sich Mackay bei der Berliner Senatsverwaltung. Im Januar hat er die Zusage: „In vier Wochen können Sie am John-Lennon-Gymnasium anfangen.“

Wie radikal der Sprung ins kalte Wasser würde, hat Mackay dann doch überrascht. „Es gab keine Vorbereitung, keine Pflichtfortbildung.“ Nur einen freiwilligen Dreitages-Crashkurs für Quereinsteiger zu Classroom-Management und Leistungsdifferenzierung. Und Auflagen, was er berufsbegleitend in den kommenden Jahren nachholen muss. Zum Glück hatte Mackay gleich nach seinem Entschluss für die neue Karriere sechs Wochen an einer Integrierten Sekundarschule in Kreuzberg hospitiert. „Ich wollte wissen, wie es ist, vor einer Klasse zu stehen.“ Und zum Glück unterstützten ihn Kollegium und Schulleitung an der John-Lennon-Schule von Anfang an sehr.

Den Schritt hat Mackay nicht bereut. Natürlich: Es kostet Kraft, berufsbegleitend Kurse an der Uni nachzuholen, Prüfungen zu machen, sich in völlig neue Themen einzuarbeiten. Manchmal sitzt Mackay bis tief in die Nacht an Stundenvorbereitungen. „Macht nichts.“ Denn endlich ist er angekommen in einem Beruf, der ihn wirklich erfüllt.

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