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Fachkräftemangel in Schule, Kita, Jugendhilfe und HochschuleHusch, husch, in den Unterricht

Nur sechs von zehn Lehrkräften, die in Berlin für das laufende Schuljahr eingestellt wurden, sind für den Beruf durch Studium und Referendariat ausgebildet; immer mehr Schulen müssen auf Quereinsteigerinnen und -einsteiger zurückgreifen.

06.11.2020 - Jeannette Goddar, freie Journalistin

Man kann sich vorstellen, wie die mehr als 30 Schulleiterinnen und -leiter sich freuten, als Thorsten Zandt vor vier Jahren bei einem der Berlin-typischen Quereinstiegs-Castings hereinkam: Anfang 40, mit einem Physikstudium, in dem so viel Mathe enthalten ist, dass er sofort in zwei Mangelfächern einsetzbar war. Dass er sich seit seiner Promotion nicht mit Lehre, sondern in der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt mit der Boltzmann-Konstante befasst hatte, sollte kein Hindernis sein. Weder für das Berliner Schulsystem, in dem der Lehrkräftemangel besonders groß ist, noch für Zandt, der schon in den 1990er-Jahren ahnte, dass ihm der Beruf liegen würde. Damals aber erzählte man ihm noch von „Lehrerschwemmen“, und er ließ das mit dem Lehramtsstudium bleiben.

Heute sitzt er in der Heinz-Brandt-Schule, an der Siebt- bis Zehntklässler mit Empfehlungen für alle Schulformen gemeinsam unterrichtet werden. Die Vorstellung, nun noch weitere 20 Jahre pubertierende Jugendliche zu unterrichten, schreckt ihn nicht: „Ich fühle mich rundum gut mit der neuen Herausforderung, und im Grunde habe ich das schon damals geahnt.“ Ebenso geht es Julia Gollhofer, die ein Jahr nach Zandt mit Biologie und Chemie an die Schule kam und so den Fristverträgen in ihrer wissenschaftlichen Laufbahn ein Ende bereitete. „Hier kann ich die Biologie mit Menschen verbinden, ich finde das ideal.“

„Menschen wie wir werden angeworben, weil Lehrkräfte dringend benötigt werden. Warum wird so wenig dafür getan, sie darauf vorzubereiten?“ (Julia Gollhofer)

Nicht ideal fand die promovierte Biologin allerdings ihre Vorbereitung: Vom ersten Tag an stand sie allein vor einer Klasse. „Das war schon krass“, sagt sie, „Menschen wie wir werden angeworben, weil Lehrkräfte dringend benötigt werden. Warum wird so wenig dafür getan, sie darauf vorzubereiten?“ Zandt hingegen wurde das erste Schulhalbjahr „doppelt gesteckt“ – übrigens nur einer von zahllosen Begriffen, die er zuvor nie gehört hatte. Er bekam einen Kollegen zur Seite und ging im Unterricht nach und nach in einen Rollentausch: „Erst saß ich hinten und habe mir etwas abgeschaut. Dann habe ich mich ausprobiert, und mein Kollege schaute zu. Dazu haben wir uns immer wieder ausgetauscht.“ So ebnet die Heinz-Brandt-Schule Quereinsteigenden den Übergang in das Schulleben – dann jedenfalls, wenn das mit viel Hin- und Hergeschiebe von Unterrichtsstunden und ebenso viel freiwilligem Engagement möglich ist.

„Vom Land Berlin gibt es für die Begleitung eine Stunde pro Fach, also meist zwei Stunden“, sagt Schulleiterin Miriam Pech, „alles weitere machen wir ‚on top‘.“ „Natürlich brauchte es viel mehr Stunden und eine systematische Begleitung“, ergänzt Gollhofer, „wir sprechen ja über einen ganz neuen Beruf.“ Dass es grundsätzlich gut ist, wenn Menschen wie sie an Schulen kommen, sehen alle drei so. Pech: „Sie bringen Inspiration und neue Perspektiven. Vor 15 Jahren haben wir sehr dafür gekämpft, Menschen aus anderen Berufen einstellen zu dürfen.“

Seminare ausgebucht

Die Vielfalt an Wegen, die in den Berliner Schuldienst führen, ist inzwischen so groß, dass sich ein Regelfall kaum beschreiben lässt. Wer, wie Gollhofer und Zandt, aus seinem Studium zwei Schulfächer ableiten kann, beginnt meist direkt mit dem berufsbegleitenden Referendariat. Das bedeutet bei einem vollen Deputat von 28 Stunden: 17 Stunden Unterricht in der Woche. Für den Besuch der Fachseminare werden elf (Grundschule) oder neun (Sekundarschule) Deputatsstunden erlassen. Unterrichtsbesuche finden, referendariatsüblich, nur in prüfungsrelevanten Lehrproben statt.

Die GEW Berlin empfiehlt einen längeren Weg und rät dazu, zunächst an dem Einstiegsprogramm „Querber“ teilzunehmen. Dieses hat die Bildungsverwaltung 2018 zunächst für jene eingeführt, die, ebenfalls berufsbegleitend, noch ein zweites Fach absolvieren müssen. „Auf unser Betreiben steht das Programm allen Quereinsteigenden offen“, erklärt Matthias Jähne, der in der GEW Berlin angehende Lehrkräfte berät, „wir raten vor allem jenen sehr dazu, die keinerlei Erfahrung in Schulen haben.“ Bevor sie unterrichten, werden „Querber“-Teilnehmende über 22 Doppelstunden in Schulsystem und -alltag, rechtliche Grundlagen und Unterrichtsorganisation eingeführt.

Zum Schulbeginn bekommen sie für acht Wochen einen Paten oder eine Patin an die Seite, der oder die so ähnlich arbeitet wie es an der Heinz-Brandt-Schule üblich ist. Hinzu kommen zwölf Doppelstunden zu Themen wie Stimmkompetenz und Leistungsbeurteilung oder Mobbing und störungsfreier Unterricht. All diese Veranstaltungen sind, wie ein Blick auf die „Querber“-Website zeigt, über Wochen bis Monate ausgebucht. Jähne: „Ja, es ist in vielerlei Hinsicht zu wenig. Aber es ist besser als nichts.“

„Wir sorgen an meiner Schule immerhin dafür, dass niemand sofort eine Klasse leiten oder in der Alphabetisierung tätig werden muss.“ (Alexander Reich)

Die GEW Berlin hat sich bereits vor Jahren dafür entschieden, den Prozess zu begleiten, statt ihn nur zu beklagen: Sie bietet Info-Veranstaltungen für potenzielle Quereinsteigende an, vermittelt Mentoring und Coaching und vernetzt in einer AG jene, die bereits im Schuldienst sind. „Der Skandal ist, dass über Jahrzehnte zu wenig ausgebildet wurde; nicht, dass es Menschen gibt, die den Lehrberuf ergreifen wollen“, sagt Alexander Reich, der mit Jähne die AG Quereinstieg betreut. Die AG dient neben der Vernetzung dem Kampf für politische Verbesserungen. Ganz oben auf der Liste: Die „zweiten Fächer“, die alle mit nur einem anerkannten Schulfach nachstudieren müssen, werden bis jetzt fern der Hochschulbildung in einer senatseigenen Stelle gelehrt. In einem, wie Reich sagt, „wenig transparenten Verfahren“. Er ist kein Quereinsteiger, aber ein Umsteiger. Als Gymnasiallehrer unterrichtet Reich an einer Grundschule, also dort, wo die Not bundesweit am größten ist.

Während viele Länder Grundschullehrkräfte schlechter bezahlen als Lehrerinnen und Lehrer an anderen Schulformen, erhalten sie in Berlin seit 2017 das gleiche Gehalt bzw. die gleiche Besoldung wie alle anderen Lehrkräfte. Da war allerdings die Misere schon so weit gediehen, dass ein Ende bis heute nicht in Sicht ist: Vier von zehn Lehrkräften, die zum laufenden Schuljahr an Berliner Grundschulen eingestellt wurden, sind Quereinsteigende. Hinzu kommen 6 Prozent „Seiteneinsteigende“, die gar kein passendes Fach studiert haben („Lehrkräfte ohne volle Lehrbefähigung“ – LovL). Auch an Grundschulen behilft man sich mit – alternativloser – Eigeninitiative. „Wir sorgen an meiner Schule immerhin dafür, dass niemand sofort eine Klasse leiten oder in der Alphabetisierung tätig werden muss“, sagt Reich; in der Regel würden Quereinsteigende in den Klassen 4 bis 6 eingesetzt.

Laut Berliner Senatsstatistik waren von den 2.500 zum Schuljahresbeginn 2020/21 neu eingestellten Lehrkräften knapp 60 Prozent Laufbahnbewerber, also Menschen mit Lehramtsstudium und Referendariat, fast 30 Prozent Quereinsteigende (je zur Hälfte mit einem oder zwei Fächern) und 3,6 Prozent sogenannte Seiteneinsteigerinnen oder -einsteiger ohne passende Vorbildung. Dazu addiert die Statistik die gut 7 Prozent der Stellen, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht besetzt waren. In bundesweiter Hinsicht ist die Berliner Terminologie allerdings verwirrend: In anderen Bundesländern und von der Kultusministerkonferenz (KMK) werden die Begriffe Quer- bzw. Seiteneinsteigende anders, oft genau gegensätzlich verwendet.

Bundesweit wurden nach Angaben der KMK im Jahr 2019 3.265 Menschen ohne grundständiges Lehramtsstudium eingestellt – von insgesamt 35.324 Neueinstellungen. Die höchsten Anteile an allen Einstellungen hat diese Gruppe in Berlin und Brandenburg, gefolgt von Sachsen, das ebenfalls ein strukturiertes Einstiegsprogramm entwickelt hat. Bis 2015 lag die Zahl der Quer- bzw. Seiteneinsteigenden immer unter 2.000 – ein Hinweis auf den sich verschärfenden Fachkräftemangel.

Nach Schulformen ist die KMK-Statistik nicht aufgeschlüsselt; allerdings geben die Fächer, in denen vor allem eingestellt wird, Hinweise. Die größte Gruppe der Quer- und Seiteneinsteiger (490) wurde für den Deutschunterricht eingestellt, der an Grundschulen für Lehrkräfte oft verpflichtend ist. Es folgen Naturwissenschaften (484) und berufliche Fächer (402). Laut einer Prognose der KMK wird der Bedarf an Grundschulen bis 2025, an Berufs-, Haupt- und Realschulen bis 2030 groß sein: An Grundschulen fehlen bis dahin laut KMK rechnerisch 12.400 Lehrkräfte, die Bertelsmann Stiftung kommt sogar auf 26.300 fehlende Grundschulpädagoginnen und -pädagogen.

Vor allem im Süden der Republik rühmte man sich lange, auf Quer- oder Seiteneinsteigende nicht angewiesen zu sein. Auch dort ist es allerdings längst Praxis, dass Lehrkräfte an anderen Schulformen unterrichten als denen, für die sie ausgebildet worden sind. So wirbt Bayern beispielsweise seit Jahren großflächig Gymnasial- und Realschullehrkräfte zur „Zweitqualifizierung“ für Grund- und Mittelschulen an. Aktuell sucht die Landesregierung – Corona-bedingt – auch massenhaft Nicht-Lehrkräfte für den Unterricht: Sogenannte Team-Lehrkräfte sollen, offenbar in einer virtuellen Gruppe, Lehrerinnen und Lehrer ersetzen, die zu einer Risikogruppe gehören und nicht unterrichten können. Hochschulabschluss ist Voraussetzung, Lehramtsausbildung nicht. Für die „Teamlehrkräfte“ sind 800 befristete Vollzeitstellen vorgesehen.

Plätze reichen nicht

Allein ein Blick auf die statistischen Daten zeigt, dass das nicht allerorten zu gewährleisten ist: Der SPD-Abgeordnete Joschka Langenbrinck fand bereits 2018 durch eine schriftliche Anfrage heraus, wie ungleich die Quereinsteigenden verteilt sind: An manchen Grundschulen ist jeder fünfte quer eingestiegen, in anderen gar keiner. Im Schuljahr 2019/20 stieg der Anteil an sieben Schulen – so eine weitere Antwort auf eine Anfrage des SPD-Abgeordneten – erstmals auf über 30 Prozent. Betrachtet man die Sozialstruktur, zeigt sich: Quereinsteigende ballen sich vor allem an sogenannten Brennpunktschulen, an denen Profis für Alphabetisierung, Mehrsprachigkeit und Inklusion am wichtigsten sind.

Prof. Jörg Ramseger, ein führender Berliner Grundschulpädagoge, warnte das Abgeordnetenhaus – ebenfalls schon 2018 – davor, „Lese-Rechtschreibschwächen und funktionalen Analphabetismus“ zu produzieren. Auch „gelingende Prozesse inklusiven Unterrichts“ ließen sich nicht mit Lehrkräften erreichen, die sich bis dato beruflich „nie selbstkritisch mit ihrem Verhältnis zu Behinderung und Menschen mit Behinderungen auseinandergesetzt haben“.

Abhilfe könnte ein Ausbau der sogenannten Q-Master-Studiengänge schaffen, die seit 2017 an den Berliner Universitäten eingerichtet wurden: An der FU Berlin für das Lehramt an Integrierten Sekundarschulen und Gymnasien, an der TU für berufsbildende, an der HU für Grundschulen und an der Universität der Künste für Kunst und Musik. In dem Quereinstiegs-Masterstudium können Menschen, die bereits einen einschlägigen Hochschulabschluss haben, Kenntnisse in Bildungswissenschaften und in einem zweiten Fach erwerben. „Das Interesse ist groß. Vor allem für den Grundschul-Q-Master wissen wir, dass viele Leute abgelehnt werden, weil die Plätze nicht reichen“, sagt Jähne. Um jenen entgegenzukommen, für die ein – selbstfinanzierter – Master im Vollzeitstudium nicht in Frage kommt, sollen nach und nach berufsbegleitende Q-Master eingerichtet werden, zunächst in Mathematik für das Lehramt an Grundschulen. Auch die Weiterqualifikation von Lehrkräften mit einem ausländischen Abschluss soll vereinfacht werden.

„Inklusion, Unterricht in heterogenen Gruppen, fächerübergreifende Projekte – darüber lernen Lehrkräfte immer noch viel zu wenig.“ (Miriam Pech)

Allerdings: Wer sich mit Schulleiterin Pech über die Vorteile einer klassischen Lehramtsausbildung unterhalten möchte, geht aus dem Gespräch leicht ernüchtert heraus: „Inklusion, Unterricht in heterogenen Gruppen, fächerübergreifende Projekte – darüber lernen Lehrkräfte immer noch viel zu wenig.“ Das Referendariat sei zehn Jahre nach der Berliner Schulreform, die den Gymnasien statt Haupt- und Real- sogenannte Integrierte Sekundarschulen zur Seite stellte, immer noch nicht in der neuen Zeit angekommen: „Nahezu alle Fachseminarleiter kommen vom Gymnasium und kennen nur das Gymnasium. Das bedeutet: Sie beraten und begleiten durch eine gymnasiale Brille“, erklärt die Leiterin der Heinz-Brandt-Schule, die für ihr „bemerkenswertes Konzept der Förderung“ 2011 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde. Auch an den Universitäten, so Pech, werde trotz jahrelanger Debatten nach wie vor kaum auf die Praxis vorbereitet.