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GastkommentarHohe Belastung

Gesundheitsförderung bleibt in Bildungseinrichtungen häufig auf der Projektebene verhaftet und müsste stärker als integrales Konzept der Organisationsentwicklung verstanden und nachhaltig verankert werden.

11.05.2020 - Anja Voss, Professorin für Bewegungspädagogik/-therapie und Gesundheitsförderung an der Alice Salomon Hochschule in Berlin

Arbeitsbedingungen haben einen wesentlichen Einfluss auf die Möglichkeit, ein gesundes Leben zu führen. Pädagogische Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen arbeiten in Deutschland ebenso wie Lehrerinnen und Lehrer unter heterogenen Arbeitsbedingungen, zu denen rechtliche, organisatorische und soziale Rahmenbedingungen sowie personelle, finanzielle und materielle Ausstattungsmerkmale gehören. Für Kindertageseinrichtungen ist empirisch belegt, dass strukturelle Rahmenbedingungen in einem Wechselverhältnis zu der Gesundheit pädagogischer Fachkräfte stehen: So haben die Rahmenbedingungen in Kitas Einfluss auf das Auftreten verschiedener psychischer und körperlicher Erkrankungen und auf die Bewertung der eigenen Gesundheit – unabhängig vom Alter.

Zu den Arbeitsbedingungen, die die Gesundheit und Sicherheit des Kita-Personals maßgeblich beeinflussen, gehören bei den organisatorischen Faktoren insbesondere der Fachkräftemangel bzw. die damit einhergehende angespannte Personalsituation. Diese wiederum kann zu Zeitdruck und damit zu weniger Zeit für die Kinder, die mittelbare Arbeit oder die Pausen führen. Auch die mangelnde gesellschaftliche Anerkennung des Berufs, die sich neben geringen Aufstiegsoptionen in einer zu geringen Bezahlung zeigt, kann die Gesundheit pädagogischer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kitas beeinflussen.

Bei den technisch-physikalischen Bedingungen spielt Lärm mehreren Untersuchungen zufolge eine große Rolle. Lärm wird von rund 90 Prozent der Befragten der STEGE-Studie als häufige und starke Belastung erlebt, dabei fühlen sich ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer stärker belastet als jüngere. In halboffenen Gruppen scheint die Belastung höher zu sein als in der offenen oder geschlossenen Gruppenarbeit. In Kitas werden zum Teil Lärmpegel von über 100 Dezibel gemessen. Zudem sind die Nachhallzeiten, die durch die Reflexion des Schalls an Wänden, Decken und Fußböden entstehen, in rund 80 Prozent der Gruppenräume zu lang. Eine schlechte Raumakustik kann dazu führen, dass Kinder und pädagogisches Personal lauter sprechen, mehr schreien und aggressiver werden.

Die Gestaltung gesundheitsförderlicher Verhältnisse bzw. Arbeitsbedingungen setzt ein systematisches Vorgehen voraus und ist als ein längerfristiger Veränderungsprozess im Sinne einer „Lernenden Organisation“ zu verstehen.

Lärmspitzen lassen sich immer mal wieder aushalten, jedoch nicht als Dauerzustand. Ein hoher Lärmpegel beeinträchtigt die Informationsverarbeitung, Konzentration und das sprachliche Lernen. Um die Lärmbelastung zu reduzieren, bieten sich nach einer Lärmdiagnostik bauliche und organisatorische Lärmschutzmaßnahmen an.

Bei den ergonomischen Bedingungen führen insbesondere die Arbeit an Mobiliar, das nicht erwachsenengerecht ist, und das (unergonomische) Heben, Tragen und Bücken zu Muskel-Skelett-Beschwerden, insbesondere in der Betreuung der Kinder, die jünger als drei Jahre sind. Als soziale Faktoren sind sowohl Teamklima und Führungsqualität als auch Gestaltungs- und Handlungsspielräume bzw. selbstbestimmtes Arbeiten oder Unterstützung und Anerkennung durch Vorgesetzte, Eltern und Kinder relevant für die Gesundheit der Fachkräfte.

Die Chancen, Kita und Schule als gesunde Lebenswelt nicht nur für Kinder, sondern auch für die pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie für die Lehrkräfte zu gestalten, sind durch das Präventionsgesetz und die Bundesrahmenempfehlungen deutlich gestiegen. Gleichwohl bleibt Gesundheitsförderung in Bildungseinrichtungen häufig auf der Projektebene („Projektitis“) verhaftet und müsste stärker als integrales Konzept der Organisationsentwicklung verstanden und nachhaltig verankert werden. Die Gestaltung gesundheitsförderlicher Verhältnisse bzw. Arbeitsbedingungen setzt ein systematisches Vorgehen voraus und ist als ein längerfristiger Veränderungsprozess im Sinne einer „Lernenden Organisation“ zu verstehen.

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