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Förderprogramme für die Wissenschaft Höhere Grundfinanzierung – Höhere Dauerstellenquote

Zwei von der Max-Traeger Stiftung geförderte Studien legen die Finger in die Wunde einer verfehlten Beschäftigungspolitik der letzten 15 Jahre und deuten an, woher das Licht am Ende des Tunnels kommen kann.

16.12.2020

Die milliardenschweren öffentlichen Förderprogramme für die Wissenschaft leisten keinen Beitrag zur flächendeckenden Verbesserung der Beschäftigungsbedingungen. In einer Längsschnittanalyse haben Roland Bloch, Jakob Hartl und Carsten Würmann von der Universität Halle-Wittenberg untersucht, wie sich die Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen an den Hochschulen in Deutschland zwischen 2005 und 2018 entwickelt haben – differenziert nach Bundesländern und Hochschularten. Die auf der Jubiläumskonferenz „Zehn Jahre Templiner Manifest“ am 25. November präsentierte Studie erlaubt Rückschlüsse auf die beschäftigungspolitischen Auswirkungen der großen öffentlichen Förderprogramme.

Studierendenzuwachs, Personalexpansion und Ausweitung der Befristung

Die Zahl der Studierenden an staatlichen Hochschulen insgesamt ist um 37 Prozent gestiegen – an den Fachhochschulen sogar überproportional um 52 Prozent. Auch die finanziellen Ressourcen der Hochschulen haben zwischen 2007 und 2018 um 63 Prozent zugenommen, wobei die Drittmittel mit 120 Prozent Wachstum hieran enormen Anteil haben, während der Anstieg der Grundmittel lediglich bei 49 Prozent liegt. An den Universitäten lag die Drittmittelquote 2017 bereits bei 30 Prozent, an den Fachhochschulen bei zwölf Prozent.

Die Hauptträger der parallelen Personalexpansion sind die wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, deren Anteil an den Universitäten von 2006 bis 2018 um neun Prozentpunkte auf 62 Prozent des gesamten wissenschaftlichen Personals gestiegen ist. Die Fachhochschulen haben hier einen Anstieg von zehn auf 22 Prozent zu verzeichnen. Der relative Anteil der Professorinnen und Professoren am wissenschaftlichen Personal sinkt an den Unis auf nur noch elf Prozent, an den Fachhochschulen von 38 auf 26 Prozent.

Damit einher geht eine weitere Absenkung unbefristeter Beschäftigungsverhältnisse – sie sinken von 25 auf 20 Prozent an den Universitäten und von 43 auf 33 Prozent an den Fachhochschulen. „Die Studie belegt, dass der Ausbau der Hochschulen auf Kosten der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erfolgt, die mit immer mehr Zeitverträgen abgespeist werden“, kommentiert Andreas Keller, stellvertretender Vorsitzender und zuständig für den Bereich Hochschule und Forschung im Geschäftsführenden Vorstand der GEW.

Unterschiedliche Be- und Entfristungspolitik der Länder

Das relative Wachstum von Dauerstellen an den Hochschulen fällt in den Ländern sehr unterschiedlich aus. Besonders eklatant ist eine Abweichung an den bayerischen Universitäten, wo das befristete Personal eine Steigerung um fast acht Prozent erfährt (gegenüber fünf Prozent an Universitäten im Durchschnitt aller Länder), während der Anteil des unbefristeten wissenschaftlichen Personals sogar um zwei Prozent sinkt (gegenüber einer minimalen Steigerung von 0,4 Prozent im Durchschnitt der Länder). Vergleichbare Abweichungen vom Länderdurchschnitt lassen sich für die Fachhochschulen in Berlin und Hamburg finden. Während Bayern dem überdurchschnittlichen Studierendenaufwuchs mit einem überdurchschnittlichen Rückbau des unbefristeten Lehrkörpers begegnet, bauen Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein bei vergleichbarem Studierendenaufwuchs das unbefristete Personal an den Universitäten überdurchschnittlich aus.

Auswirkungen der staatlichen Sonderprogramme für die Wissenschaft

Wer erwartet, dass die zahlreichen staatlichen Förderprogramme für die Wissenschaft auch gute Beschäftigungsbedingungen fördern, wird enttäuscht. Zu berichten gibt es hier, dass an den von der Exzellenzinitiative geförderten Universitäten der Anteil der Professorinnen und Professoren lediglich langsamer als im Durchschnitt aller Hochschulen sinkt. Einen vergleichbaren Effekt hat in dieser Hinsicht der Qualitätspakt Lehre, der darüber hinaus zu einem geringfügigen Absinken des Anteils der Lehrbeauftragten führt. Positiv ist, dass der Frauenanteil auf Professuren durch die Exzellenzinitiative gestiegen ist, insgesamt aber bleibt der Anteil der Professorinnen mit einem Viertel auf einem sehr niedrigen Niveau.

Zu einem ähnlich desillusionierenden Bild kommt auch Anne K. Krüger, Soziologin an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, die sich in ihrer ebenfalls von der Max-Traeger-Stiftung geförderten Studie mit den Personalentwicklungskonzepten beschäftigt hat, die Hochschulen im Wettbewerb um die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) ausgeschriebenen Tenure Track-Professuren eingereicht haben. Krüger hat Konzepte für das wissenschaftliche Personal von 43 der 75 erfolgreichen Universitäten analysiert.

Ihr grundsätzliches Fazit: Es gibt durchgängig keine überzeugenden Strukturkonzepte für Dauerstellen, Hochschulen entwickeln ihr Personal aus der Hochschule heraus, selbst dann noch, wenn das zu entwickelnde Personal bereits promoviert und langjährig beschäftigt ist; es gibt viel grundsätzliche Absichtserklärungen und wenig konkrete Selbstverpflichtungen; die Hochschulen verpflichten sich fast nie zur verbindlichen Anwendung der so genannten familienpolitischen und der behindertenpolitischen Komponente des Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) und die Vertragslaufzeiten des befristeten Personals bleiben weit hinter den Möglichkeiten des WissZeitVG zurück.

Ausbau der Grundmittel schafft Dauerstellen

Die staatlichen Sonderförderprogramme für die Wissenschaft haben keine Verbesserung von Qualität und Planbarkeit einer wissenschaftlichen Karriere gebracht. Empirisch belastbar aber ist ein anderer Zusammenhang, so können Bloch und seine Kollegen zeigen: Nehmen die Grundmittel der Hochschulen zu, lässt sich auch ein Wachstum an unbefristeter Beschäftigung empirisch nachweisen.

GEW-Vize Andreas Keller sieht in den Studienergebnisse eine Bestätigung für die Richtigkeit des am 25. November veröffentlichten Aufrufs #Dauerstellen für Daueraufgaben, der online unterzeichnet werden kann: „Zu den zentralen Forderungen gehören ein Anteil von mindestens 50 Prozent Dauerstellen beim wissenschaftlichen und künstlerischen Personal neben der Professur und die vollständige Absicherung der Aufgaben im Wissenschaftsmanagement durch Dauerstellen sowie ein deutlicher Anstieg der Grundfinanzierung der Hochschulen.“