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Hochschulen expandieren, aber öffnen sich nicht

Die Hochschulen expandieren, aber sie öffnen sich nicht. Trotz der drastisch angestiegenen Studierendenzahlen hat sich an der sozialen Zusammensetzung in den Hochschulen so gut wie nichts geändert.

09.10.2014

Dieser Befund ist eine zentrale Erkenntnis des Sammelbandes „Übergänge im deutschen Hochschulsystem“, der zum Auftakt der 8. GEW-Wissenschaftskonferenz in Haltern am See vorgestellt worden ist.

„Trotz aller Öffnungsbeschlüsse kommen bisher nicht diejenigen an die Hochschulen, die man erwartet hatte“, bilanzierte Prof. Margret Bülow-Schramm, eine der Herausgeberinnen der Studie. Der Anteil der Studierenden aus bildungsfernen Schichten, mit Migrationshintergrund und mit beruflicher Vorbildung bleibe allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz weitgehend konstant, erläuterte die Professorin vom Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung an der Universität Hamburg.

„Der Befund steht in merkwürdig anmutendem Gegensatz zur weit verbreiteten These einer Heterogenisierung oder Diversifizierung der Studierendenschaft“, ergänzte Ulf Banscherus von der Humboldt-Universität in Berlin und ebenfalls Co-Herausgeber der Studie. Ein gewisses Maß an Heterogenität gebe es in den Hochschulen schon seit vielen Jahren, was an der Wissenschaftspolitik jedoch scheinbar vorbei gegangen sei. Davon abgesehen dominiere an den Hochschulen aber nach wie vor der „Normal-Student“, so Banscherus in seinem Vortrag auf der Wissenschaftskonferenz.

In ihrem Sammelband betrachten über 22 Autorinnen und Autoren die verschiedenen Übergänge im deutschen Hochschulsystem und analysieren, wo und wie Schnittstellen zu Selektionsstellen werden. Die dominierenden Einflussfaktoren für die Exklusion von Studienberechtigten aus bidungsferneren Schichten werden im von Banscherus und Bülow-Schramm vorgestellten Sammelband detailliert untersucht. So ist der Einfluss der sozialen Herkunft beim Übergang von der Schule in die Hochschule bekanntermaßen von besonderer Bedeutung: Studienberechtigte, deren Eltern über keinen Abschluss verfügen, beginnen deutlich seltener ein Studium als Studienberechtigte mit akademischem Elternhaus. Auch das Geschlecht wirkt sich als eine Einflussgröße, neben weiteren, bei allen Übergängen im Bildungssystem aus.

Analyse der Wechselwirkungen im Fokus

Ein besonderes Augenmerk der Studie liegt aber auf der Analyse der Wechselwirkungen dieser verschiedenen Einflussfaktoren. Betrachtet man zum Beispiel die Wirkung von Herkunft und Geschlecht miteinander kombiniert, zeigt sich ein drastischer Effekt: Während 82 Prozent der männlichen Studienberechtigten mit Akademiker-Eltern ein Studium aufnehmen, machen dies nur 52 Prozent aller studienberechtigten Frauen mit nicht-akademischem Hintergrund. Die Zahlen bestätigen einen generellen Trend: Es gibt viel mehr Studienberechtigte aus bildungsfernen Elternhäusern als früher; sie entscheiden sich aber weit überdurchschnittlich oft gegen ein Studium.

„Die Hochschulen sind in den letzten Jahren nicht offener, sondern ganz im Gegenteil exklusiver geworden“, befindet Prof. Andrä Wolter von der Berliner Humboldt-Universität. Während früher nur ein Viertel der Studierenden Eltern mit akademischem Hintergrund gehabt hätten, seien es heute 60 Prozent. Und das, obwohl sich die Durchlässigkeit des Bildungssystems insgesamt erhöht habe und der Weg zur Studienberechtigung einfacher geworden sei. „Alle Potenziale der akademischen Klasse werden erst voll ausgeschöpft, ehe eine echte soziale Öffnung stattfinden wird“ – so bewertet Wolter das Verhältnis von Expansion und Exklusion im Hochschulsystem.

Andreas Keller, Gastgeber und im GEW-Hauptvorstand für Hochschule und Forschung zuständig, hatte bereits zum Auftakt der Konferenz auf Vorschläge der GEW hingewiesen, wie das Spannungsverhältnis zwischen Expansion und Exklusion zu Gunsten eines Zusammenwirkens von Expansion und Inklusion aufgelöst werden könnte. "Mehr Studienplätze schaffen, freien Hochschulzugang sichern, BAföG ausbauen, Studiengebühren abschaffen - wie es unser Gewerkschaftstag in seinem gleichnamigen Beschluss im letzten Jahr beschlossen hat.“

Beurfliche und akademische Bildung nicht gegeneinander ausspielen

Während sich an der Exklusion also entgegen der öffentlichen Wahrnehmung nicht wesentlich etwas geändert hat, ist der Anstieg der Studierendenzahlen insgesamt gravierend. Die Sinnhaftigkeit dieser Hochschulexpansion wollte während der ersten beiden Tage der Wissenschaftskonferenz allerdings keiner der Experten in Frage stellen – ganz im Gegensatz zur gegenwärtig geführten publizistischen Auseinandersetzung um einen vermeintlichen Akademikerwahn und die Zukunft des dualen Bildungssystems.

Erziehungswissenschaftler Wolter hält nicht viel davon, die berufliche und die akademische Bildung gegeneinander auszuspielen. Er zeigte sich in seinem Vortrag am zweiten Konferenztag hoffnungsvoll, dass der Hochschulexpansion mit der Entwicklung neuer Ausbildungs- und Weiterbildungsformate, „die den Gegensatz von beruflicher und akademischer Bildung endlich überwinden“, produktiv begegnet werden könnte.

Gerede von Gleichwertigkeit der Abschlüsse der wahre Wahn

Auch Wolfgang Lieb, ehemaliger Staatssekretär im nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministerium und heutiger Macher der Nachdenkseiten, kann mit dem Begriff des Akademisierungswahns nichts anfangen. Wer die nachweisbaren Vorteile einer akademischen Ausbildung – ein deutlich höheres Gehalt, niedrigere Arbeitslosigkeit, um nur zwei zu nennen – betrachte, könne beim Streben nach einem akademischem Abschluss wohl kaum von einem „Wahn“ sprechen, machte Lieb deutlich. Ein Wahn, im Sinne einer Fehlwahrnehmung, sei vielmehr das Gerede der Bildungsministerin Johanna Wanka von einer Gleichwertigkeit der beruflichen mit der akademischen Bildung, so Lieb weiter.

Was die von anderer Seite befürchtete Entwertung der akademischen Abschlüsse angeht, äußerten sich die Experten gelassen. „Je verbreiteter ein Bildungsabschluss ist, desto wichtiger wird er auch“, erläuterte Wolter. "Wir gehen davon aus, dass die wesentlichen Qualifikationen für die berufliche und gesellschaftliche Praxis zunehmend wissens- und wissenschaftsbasiert sind und dass das Hochschulstudium mehr und mehr zur Regelausbildung für eine wachsende Mehrheit junger Menschen wird", hatte Andreas Keller bereits zu Beginn der Konferenz unterstrichen.

Nach Ansicht von Ulf Banscherus geht die gegenwärtige, „fast schon wahnhaft geführte“ Debatte um den Akademisierungswahn weit an der Realität vorbei. „Es geht längst nicht mehr darum, ob es eine Ausweitung des Zugangs zu den Hochschulen geben soll. Die Hochschulexpansion ist längst Realität und wird es auch bleiben. Unklar ist nur, wie Hochschulen und Politik mit ihr umgehen.“ Eines ist für Banscherus klar: „Wir kommen dem Ziel einer echten Öffnung der Hochschulen für bislang unterrepräsentierte Gruppen nur näher, wenn wir die institutionelle Ausgestaltung der Hochschulen in die Debatte einbeziehen, und dabei auch die bestehenden Machtverhältnisse an den Hochschulen und deren exklusive Wirkungsweise nicht aus den Augen verlieren.“

Abbruchquoten sind "Skandal sondergleichen"

Ins gleiche Horn stieß Sonja Staack, Referentin für Hochschule und Forschung beim GEW-Hauptvorstand: In der gesamten Debatte gehe es ausschließlich um die Eignung der Studierenden, die stets hinterfragt werde. Dabei sei die Verantwortung für beispielsweise hohe Studienabbruchquoten mindestens genauso in den Hochschulen zu suchen.

Als einen „Skandal sondergleichen“ bezeichnete es Wolfgang Lieb vor diesem Hintergrund, dass in manchen Studiengängen Abbruchquoten von bis zu 50 Prozent existierten – und dass diese Quoten von verantwortlichen Professoren auch noch als Qualitätsmerkmal bewertet würden. Dabei könnten mit einer besseren Beratung bei der Studienwahl und einer besseren Betreuung in der Studieneingangsphase die Studienabbrecherzahlen drastisch reduziert werden, wie Prof. Wolter erklärte.

Doch für eine entsprechende Betreuung fehlen schlicht die Kapazitäten. Die Grundfinanzierung der Hochschulen und die personelle Ausstattung mit Professorinnen und Professoren sind weit hinter der Hochschulexpansion zurückgeblieben. Und so sei die Debatte um den Akademisierungswahn irgendwie auch zu verstehen, wie Wolfgang Lieb einräumte: Denn für die Hochschullehrer sei unter den gegenwärtigen Bedingungen jeder fortbleibende Studienberechtigte ein guter Studienberechtigter. Leider!

Text: Markus Hanisch
Fotos: Kay Herschelmann

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