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Sport im GanztagHindernislauf zur Win-win-Situation

Ganztagsangebote sind ohne die Kooperation mit Sportvereinen oft nicht denkbar. Dabei gibt es jedoch Hürden: Bürokratie, Planungsunsicherheit und die schwankende Qualität der Angebote. Wenn es gut läuft, profitieren indes alle.

07.11.2018 - Tobias Schächter, freier Journalist

Die Weinbrennerschule in Karlsruhe ist eine Grundschule mit „sport- und bewegungserzieherischem Schwerpunkt“. Die Lage in der heterogen bevölkerten Weststadt, am Rand einer Grünanlage, bietet beste Möglichkeiten für Pausensport und bewegten Unterricht. Mindestens 200 Minuten Sportunterricht in der Woche sieht das Kultusministerium des Landes Baden-Württemberg für die Vergabe des Zertifikats vor. Rund 900 Grundschulen in Baden und Württemberg bieten durch zusätzliche Sportstunden aus dem Ergänzungsbereich, Klassenzusammenlegungen und Kooperationsmaßnahmen mit Vereinen eine tägliche Sportstunde neben dem Regelunterricht an. Geld gebe es für dieses Prädikat aber nicht, erklärt Schulleiterin Susanne Schuck schmunzelnd.

Sport und Bewegung stehen weit oben auf der Agenda dieser Ganztagsschule. Durch Kooperation mit Sportvereinen versucht die Schulleitung seit 2014, den Ganztagsschülern so viele Bewegungsangebote wie möglich zu machen. An der Weinbrennerschule werden unter anderem AGs in Schach, Tennis, Korfball und Handball angeboten. „Bei allen Problemen“, sagt Rektorin Schuck, „im Prinzip bedeuten die Kooperationen mit den Sportvereinen eine Win-win-Situation.“ So sieht das auch Maria Heisterklaus, Jugendwartin der Handballabteilung des MTV Karlsruhe und selbst Grundschullehrerin. Seit vielen Jahren kooperieren die Weinbrennerschule und der MTV, auch in diesem Schuljahr leitet Heisterklaus eine Handball-AG. „Neben dem Handball widme ich ein Drittel meines Trainings der Entwicklung der koordinativen Fähigkeiten der Schüler“, erklärt die 55-Jährige.

Die Ganztagschule als gemeinsamer Lern- und Lebensort von Kindern und Jugendlichen ist längst nicht mehr aus der Schullandschaft wegzudenken. Angetrieben von der damaligen Bundesministerin Edelgard Bulmahn (SPD) wurden 2003 im Rahmen des „Investitionsprogramms Zukunft Bildung und Betreuung“ vier Milliarden Euro in den Ausbau der Ganztagschulen investiert. Die Gründe dafür waren und sind stichhaltig: Immer mehr Alleinerziehende brauchen Entlastung, benachteiligte Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Schichten und mit Migrationshintergrund sollen gefördert werden und der Ausbau musischer und sportlicher Angebote die ganzheitliche Persönlichkeit der Schülerinnen und Schüler entwickeln.

Und Sportvereine, die aufgrund des demografischen Wandels und der erhöhten Konkurrenz durch andere Freizeitangebote unter Mitgliederschwund leiden, versprechen sich durch den engeren Kontakt zu den Schulen neue Mitglieder. Mittlerweile haben rund 40 Prozent der Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, Ganztagsangebote wahrzunehmen.

„Das wird viele Eltern ansprechen, aber sie werden Qualität erwarten, denn nur dann geben sie ihre Kinder gerne an Bildungseinrichtungen ab.“ (Marlis Tepe)

Die aktuelle Bundesregierung aus CDU, CSU und SPD will den Ausbau der Ganztagschulen nun wieder forcieren und stellt dafür zwei Milliarden Euro zu Verfügung. Im Koalitionsvertrag ist vom „Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für alle Kinder im Grundschulalter“ ab 2025 die Rede. Wie realistisch diese Pläne sind, wird kontrovers diskutiert. Fachleute halten die angegebene Summe für viel zu niedrig, die Kommunen stünden vor einem Kraftakt. Im Grundschulbereich fehlen nach Angaben der GEW zudem schon heute rund 2.000 Lehrerinnen und Lehrer. GEW-Vorsitzende Marlis Tepe begrüßt die Initiative der Großen Koalition, gibt jedoch zu bedenken: „Das wird viele Eltern ansprechen, aber sie werden Qualität erwarten, denn nur dann geben sie ihre Kinder gerne an Bildungseinrichtungen ab.“

Wie erleben die Praktiker in den Schulen Kooperationen mit den Sportvereinen im Rahmen der Ganztagsklassen? Viele Lehrerinnen und Lehrer bemängeln Planungsunsicherheit. Ärgerlich findet Schulleiterin Schuck, dass die Kooperationen mit den Vereinen jährlich erneuert werden, Schulen und Vereine jedes Jahr wieder bei den Landessportbünden einen Antrag für eine Zusammenarbeit stellen müssen. Wird dieser bewilligt, gibt es Zuschüsse, die von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich ausfallen. Gibt es Lücken in der Finanzierung, können Gelder bei Förderkreisen der Schulen sowie bei Städten und Kommunen beantragt werden. Gerne würde Schuck mehr Kooperationen eingehen und den Kindern mehr Sport anbieten – zumal es für die Gruppen mit jeweils 16 bis 18 Teilnehmern mehr Bewerberinnen und Bewerber als Plätze gibt. Doch die Kapazitäten in der kleinen Turnhalle sind komplett ausgereizt. Gerade in Städten fehlt es an Sporthallen, oft konkurrieren Schulen und Vereine um Belegzeiten.

Dieses Problem kennt auch Sonja Kinck, am Hilda-Gymnasium in Pforzheim für die Ganztagsangebote zuständig. Das G8-Gymnasium ist eine Innenstadtschule mit über 1.000 Schülerinnen und Schülern. Es bietet seit 2012 in Kooperation mit Sportvereinen AGs an, unter anderem Rugby, Fußball und Basketball. In der Rugbyhochburg Pforzheim trainieren die Schüler mit Spielern des Bundesligisten TV. Sonst aber leiten – wie an vielen Schulen bundesweit – oft junge Menschen die Angebote, die die Zeit nach dem Abitur und vor dem Studium oder der Ausbildung für ein Freies Soziales Jahr (FSJ) nutzen. Aufgrund von Fortbildungen, beispielsweise zum Übungsleiter, fehlten die FSJler manchmal, AGs fielen dann aus, berichtet Kinck. Die Schülerinnen und Schüler müssten in diesem Fall anders beschäftigt werden.

„Wenn man als Schule ein Netz von Kooperationspartnern und Trainern aufgebaut hat, dann läuft es.“ (Sonja Kinck)

Eine detaillierte Abstimmung zwischen den Vereinen und den Schulen sowie dem Stundenplan des regulären Sportunterrichts gibt es selten: „Den Inhalt überlassen wir den Sportvereinen“, erklärt Rektorin Schuck. Auch an der Weinbrennerschule trainieren FSJler oder Vereinstrainer hauptsächlich nach ihren Vorstellungen. Manche Angebote müssten nach einem Jahr wieder ausfallen, weil keine Trainer mehr zur Verfügung stünden, ergänzt AG-Leiterin Heisterklaus: „Studenten sind nachmittags selbst an der Uni beschäftigt, Vereinstrainer arbeiten.“

Weiterführende Schulen haben noch ein Problem: Die Angebote am Pforzheimer Hilda-Gymnasium zum Beispiel zielen vorwiegend auf die Fünft- bis Siebtklässer ab. Die Erfahrung zeige, sagt Kinck: Je näher die Jugendlichen dem Abitur kämen, desto weniger Zeit bleibe für Sport. Wissenschaftliche Untersuchungen fallen nicht ganz so eindeutig aus: Im Jahr 2013 hat die MedikuS-Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) und des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) das Verhalten Jugendlicher zwischen neun und 24 Jahren in den Bereichen Medien, Kultur und Sport untersucht. Ergebnis: Die Quote der Vereinssportler lag bei Halbtagsschülern mit 60,9 Prozent rund 10 Prozentpunkte höher als bei Ganztagschülern (50,3). Andererseits stellte sich heraus, dass G8-Schüler mehr Vereinssport betrieben als jene an G9-Gymnasien.

Interessante Erkenntnisse zum Thema liefert auch Lutz Thieme, Professor für Sportmanagement an der Hochschule Koblenz, in seiner Arbeit „Ganztag und Sportvereine: Zusammenfassung vorliegender empirischer Befunde unter besonderer Berücksichtigung von Daten aus Rheinland-Pfalz“. Der Wissenschaftler fand heraus, dass „weder die teils euphorischen Prognosen einiger Sportverbände infolge der mit der Ganztagsschulentwicklung erfolgten Öffnung der Schulen für Sportvereine, noch die düsteren Szenarien von Kritikern eingetreten sind, die ein flächendeckendes Ausbluten der Sportvereine, eine Abwanderung der Übungsleiter zu Ganztagsschulangeboten sowie eine deutliche Verschlechterung der Sportstättensituation für den Vereinssport vorhergesagt hatten.“ Offenbar, sagt Thieme, profitierten Schulen und Vereine, die schon vor dem Ausbau des Ganztags langjährige Kooperationspartner der Schulen waren.

Dies bestätigen Schulleiterin Schuck und MTV-Jugendwartin Heisterklaus, deren Zusammenarbeit seit zehn Jahren verlässlich funktioniert. Auch Ganztagskoordinatorin Kinck findet: „Wenn man als Schule ein Netz von Kooperationspartnern und Trainern aufgebaut hat, dann läuft es.“

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